Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… traf rund um den Start des Kinofilms „Renate“ die Autorin und Schreibwerkstätten-Initiatorin zum ausführlichen Gespräch – auch über ihre nächsten Bücher sowie Verfilmungen und Theaterstücke einiger ihrer Bücher.
Renate Welsh-Rabady hat bisher rund 90 Büchern für junge und erwachsene Leser:innen geschrieben, viele davon wurden mit preisen ausgezeichnet. Außerdem initiiert und leitet sie zahllose Schreib-Werkstätten mit Menschen aller Altersgruppen, oft an den Rand der Gesellschaft gedrängten wie beispielsweise Obdachlosen und nicht zuletzt ist sie Präsidentin der IG (Interessengemeinschaft) Autorinnen Autoren. Sie lud KiJuKU.at zum ausführlichen Gespräch in ihre Wohnung in Wien-Neubau.
KiJuKU: Zuallererst einmal, danke und Gratulation – für all deine Bücher, aber nicht zuletzt die jüngsten Bücher wie unter anderem „Ich ohne Worte“, die vielen Schreib-Werkstätten, den Film und die darin dir gegenüber selber auch schonungslose Offenheit; den Mut und die Kraft, aus dieser Sprachlosigkeit nach dem Schlaganfall dich zurückzukämpfen. Schwächen in Stärke zu verwandeln, die auch anderen Menschen Mut machen kann und wird.
Dennoch die sich aufdrängende Frage, woher nimmst du diese Kraft, was ist dein „Zaubermittel“? Ist es nicht mitunter frustrierend, wenn du – wie auch andere Autor:innen seit Jahrzehnten durch ihre Geschichten für (mehr) Mit- statt Gegeneinander, gegen Ausgrenzung, Diskriminierung, für eine bessere Welt schreiben – und dann schaut sie so aus wie eben jetzt?
Wählen vielleicht sogar nicht wenige, die die „Vamperl“-Bücher gelesen haben über den kleinen Vampir, der den Menschen ihre Giftigkeit raussaugt, Parteien, die Gift und Hass verbreiten?
Renate Welsh: Es sind nicht die großen Dinge, es sind die einzelnen Menschen, die diese Energie geben. Wenn ich merke, dass jemand aus meinen Büchern Kraft holt – und ich kriege immer wieder Briefe von heute Erwachsenen, aber auch von Kindern, die mir schreiben, dass das eine oder andere meiner Bücher ihnen Mut gemacht hat oder noch immer macht.
Vor 30 Jahren hat mir ein Bub aus Athen geschrieben: „Keiner versteht, dass ich traurig bin, dass meine Katze gestorben ist. Ich glaub, Sie können mich verstehen.“ Ich hab ihm zurückgeschrieben und seither schreiben wir einander immer wieder.
Das ist für mich die Bestätigung, dass das Zuhören, das aufmerksame Lesen von Briefen, Nachrichten… an das ich unbedingt glaube, funktioniert. Nicht, dass ich glaub, dass es so wichtig ist, was ich sage oder schreibe, dass dies eine Art Knöpferl bewegt und alles ist gut. Aber, solche Reaktionen zeigen mir, dass die eine oder der andere beim Lesen der Geschichten auf was Eigenes draufkommt.
KiJuKU: Wie der Bub, den du auch im Film zitierst, der dir geschrieben hat, dass er gar nicht gewusst hat, dass Nachdenken so viel Spaß machen kann. Und dass er nach dem Lesen eines deiner Bücher dieses jetzt öfter tun werde…
Renate Welsh: Genau, das war übrigens ein wunderbarer Brief in einer herrlichen Orthografie, dass ich drei Mal lesen musste, bis ich gewusst hab, was er meint 😉
Oder der Bub, der meine Geschichten mag, „weil in ihnen auch Platz für mich ist“. Das alles sind immer wieder Bestätigungen, die wir als Schriftstellerinnen und Schriftsteller so dringend brauchen, um nicht im echolosen Raum zu schreiben.
Wenn du nicht weißt, wo du das letzte Zipferl von Hoffnung heranziehst, du trotz alledem dranbleiben kannst, dann hilft die bloße Tatsache, dass dir immer wieder Menschen das Gefühl geben, dass sie froh sind, dass man einen Augenblick zweistimmig gedacht hat.
Oder dass die eine oder der andere durch einen deiner Text auf die Idee kommt, dass es vielleicht doch eine bessere Idee ist, selber zu denken. Das ist ein, nein DER Schritt in die richtige Richtung. Und ich glaub, nein bin fest davon überzeugt, dass die kleinen Schritte, die einzige Chance sind, die wir haben.
Die großen Entwürfe sind ja leider letztlich alle schief gelaufen, ob es das Heil im Osten, Modelle wie China waren, von denen viele meinten, sie würden die Welt retten – ich erinnere mich, wie wir mit roten Wangen „Arzt in China“ (J. S. Horn, 1972) gelesen haben -; letztlich haben die alle mit Denkverboten geendet.
KiJuKU: Es gibt ja nicht „nur“ die Reaktionen auf deine Bücher bzw. die Lesereisen mit direktem Kontakt zu Leser:innen, sondern vor allem die dir sehr wichtigen Schreib-Werkstätten, wo es noch viel intensivere Begegnungen gibt, wo du Räume für Gedanken öffnest, bei Menschen, die sich solches vorher oft gar nicht zugetraut hätten.
Renate Welsh: Ich hab da dann immer wieder auch die eine oder andere Methode aus der Situation heraus entwickelt, was und wie gut passen könnte. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine dreiwöchige Werkstatt mit Jugendlichen vor viiiielen Jahren in Norddeutschland. Damals haben wir noch mit Tonband gearbeitet. Die Aufgabe, die ich ihnen gestellt hab: Sie sollten bei einer Geschichte die Stopp-Taste drücken, wenn sie an einem Punkt anders handeln könnten. Meistens haben sie dann davon erzählt, wie die anderen anders reagieren könnten. Das war ein schwieriger Lernprozess, zu sich selbst zu kommen. Aber es hat dann gut funktioniert, auch wenn ich mich zwischendurch mal anbrüllen lassen musste, Wir haben aber auch viele gelacht und Blödsinn gemacht. Ich glaube an die kreative Kraft des Blödsinns.
KiJuKU: Magst du unseren Leser: innen verraten, woran du aktuell schreibst und arbeitest?
Renate Welsh: Das Archiv der Zeitgenossen hat meinen Vorlass übernommen. Die haben nicht nur analoge Unterlagen, sondern auch alles Mögliche aus meinem Computer geholt. Sie wollen alte Texte oder Entwürfe, von denen ich von vielen gar nicht mehr gewusst habe – herausbringen. An deren Überarbeitung schreibe ich.
Außerdem an „Bruchstücken von Erinnerungen von diversen Lesereisen“, Impressionen von Begegnungen, zum Beispiel der fast unglaublichen Kommunikation mit der Mutter des Chauffeurs als ich in Teheran (Iran) war. Sie konnte weder Englisch noch Französisch noch Deutsch und ich außer „bitte“ und „danke“ nichts auf Farsi. Sie hat mir erzählt, dass sie drei Stunden vor Sonnenaufgang aufstehen muss, um für all ihre Familienmitglieder, die nicht mehr fromm sind, zu beten. Ich hab das alles verstanden, wie mir der Sohn später erklärt hat, aber nur, weil ich kein Wort verstanden habe. Wenn du wenige Wörter kannst, bleibst du bei dem einen oder anderen hängen. Wenn du gar nix verstehst, schaust du auf die Körpersprache, die Mimik.
Solche Aha-Erlebnisse aus verschiedenen Teilen der Welt will ich in diesen Impressionen aufschreiben.
KiJuKU: Hast du dir das alles aufgeschrieben?
Renate Welsh: Manches schon, vieles andere hab ich brühwarm Shiraz (Ehemann) erzählt, wenn ich nach Hause gekommen bin. Viele davon auch gut 1000 Mal und so erzählt er sie mir, dass ich sie aufschreiben kann.
KiJuKU: Jetzt läuft der Film „Renate“ über dich im Kino, wie war das, dich so groß auf der Leinwand zu sehen?
Renate Welsh: ich finde den Film sehr gelungen, der Martin (Nguyen, Filmemacher) hat mich da über Jahre hindurch sehr sanft begleitet, so dass oft die Kamera „verschwunden“ ist. Aber so groß, das ist nicht einfach, auch auf der Straße dem Plakat mit der Filmankündigung zu begegnen – da reißt’s mich jedes Mal.
KiJuKU: Du hast mir im Herbst geschrieben, dass auch „Vamperl“ verfilmt werden soll, wird es das – als Spiel- oder Zeichentrickfilm?
Renate Welsh: Ja, jetzt kann’s ich offiziell sagen, Verträge sind unterschrieben. Es wird ein Spielfilm. Beim Drehbuch will ich nix dreinreden, davon versteh ich nix. Aber die Dialoge will ich schon beeinflussen, Dialoge schreiben kann ich.
Außerdem wird ein altes Buch von mir „Alle Kinder nach Kinderstadt“ (Jugend & Volk, 1974) in Vorarlberg für die Bühne dramatisiert. Kinder kommen in die Kinderstadt, die Alten in die Seniorenstadt, alle Gruppen werden getrennt. Aber ein kleines Mädchen hat enge Verbindungen zu ihrem Großvater – die beiden beginnen zu buddeln und einen Tunnel zu graben, um diese Spaltungen zu überwinden.
Dann soll „Johanna“ (erstveröffentlicht 1984, zuletzt neu 2021 im Czernin Verlag) verfilmt werden und das „Theater Spielraum“ (Wien, Kaiserstraße) bringt „Die alte Johanna“ (ebenfalls 2021, Czernin Verlag) auf die Bühne (April, Mai 2026).
KiJuKU: Anknüpfend oder besser gesagt / geschrieben den Bogen zu unserem letzten Interview kurz vor deinem 80er im Jahr 2017: Damals war dein Wunsch ein „Spiegel, in dem sich groß und allmächtig gebende Männer, die oft nur von Speichelleckern und Kriechern umgeben sind und keine Kritik an sich heranlassen, sehen wie sie im Grunde genommen wirklich sind, oft lächerlich.“
Ein Spiegel, der sozusagen die Rolle des Kindes übernimmt, das in „Des Kaisers neue Kleider“ sagt: „Der Kaiser ist ja nackt!“ Reicht ein solcher Spiegel heute, sieben Jahre und zwei Monate später, noch?
Renate Welsh: Die Trumps, und es ist ja eben nicht nur er, es herrschen derzeit viele solcher Typen, sind furchtbar gefährlich, weil sie so von Angst zerfressen sind, irgendwann nicht (mehr) die Allmacht zu besitzen von der sie glauben, dass sie sie haben. Die meinen, die Rettung der Welt würde von ihren jämmerlichen Egos abhängen. Wenn man ihnen diese ihre Angst nehmen könnte, dann bräuchten die vielen, vielen anderen keine Angst mehr vor diesen angstdurchfressenen Gewaltmenschen haben.
KiJuKU: Sozusagen ein „Vamperl 2.0“?!
Renate Welsh: Ich glaube an die Klarheit und Ehrlichkeit. Im Grunde braucht es einen ehrlichen, konstruktiven Egoismus, einen der sich nichts vormacht. Der wäre eine bessere Form des Umgangs miteinander. Es kann mir nur gut gehen, wenn die Kluft zwischen mir und den anderen nicht größer ist als die Natur sie verlangt. Es gibt schon genug Ungerechtigkeiten in der Natur durch unterschiedliche Voraussetzungen und Lebensbedingungen. Menschen sollten diese Ungerechtigkeiten nicht noch vergrößern.
Dann muss der Mensch nicht so schrecklich Angst vor den Nachbarn haben. Nur, wenn’s den anderen gut geht, kann’s mir auch gut gehen.
Ein Grundübel sind die ständigen Vergleiche. Warum kann ich nicht einfach etwas schön, gut, wert… finden, sondern nur, wenn es größer, besser und so weiter sein soll?!
Wir müssten lernen, uns an der Vielfalt der Welt zu freuen, statt immer alles zu benoten, zu be- und abwerten.
Ich bin ja überzeugt, dass der Mensch im Grunde gut ist, oder zumindest gut sein möchte.
KiJuKU: Viiiiielen, herzlichen Dank, liebe Renate – auf noch viele Bücher, Schreibwerkstätten und Gespräche!
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