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Postkarten mit jeweils zwei Kindern und dem Spruch "Kind ist Kind"
Postkarten mit jeweils zwei Kindern und dem Spruch "Kind ist Kind"
25.03.2022

1300 Fluchtwaisen sind in Österreich Kinder zweiter Klasse

40 Vereine, NGO und Initiativen starten Kampagne „Kind ist Kind“. Auftakt-Mediengespräch am Freitagmittag.

„Unbegleitet kommen wir Kinderflüchtlinge in Österreich an, wir sind Fluchtwaisen. Wir haben uns meist allein auf den Weg gemacht. Einige sind gemeinsam mit ihren Familienangehörigen aufgebrochen und haben dann Österreich zusammen mit diesen erreicht. Andere sind am Weg von unseren Eltern getrennt worden.“ Mit diesen einleitenden Sätzen verleiht die Schauspielerin Hilde Dalik rund 1300 Kindern und Jugendlichen in Österreich eine Stimme.

Ihre Kollegin Susi Stach übernahm den Part der Mehrheitsgesellschaft und fragte: „Was müssen wir Österreicher*innen tun, um dieses Geschenk zu entfalten, um zu nützen, was für unser Land so einfach greifbar ist?“

Es war Freitagvormittag im Dschungel Wien, dem Theaterhaus für junges Publikum im MuseumsQuartier, der Auftakt zur Kampagne „KIND ist KIND“. Denn die genannten 1300 Fluchtwaisen, oft auch rechtstechnischer als Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge (UMF) bezeichnet, sind sozusagen Kinder und Jugendlicher zweiter Klasse. Sie werden nicht gleich behandelt wie andere Kinder und Jugendliche in Österreich, die – aus verschiedenen Gründen – auch nicht bei ihren Familien leben können.

Banner der Kampagne
Banner der Kampagne „Kind ist Kind“

Kein Recht auf (Aus-)Bildung

Abgesehen davon, dass sie beispielsweise, so lange ihr Asylverfahren läuft, nicht arbeiten dürfen, fallen sie auch nicht unter die Bestimmungen für die Ausbildungsgarantie. Haben sie das Pflichtschulalter überschritten, so steht ihnen – derzeit – das Recht auf (Aus-)Bildung nicht zu. Dies ist jetzt abhängig von Zufällen, in welchem Bundesland sie gelandet sind, ob sie Unterstützung von Vereinen, Initiativen oder Einzelpersonen haben usw.

Daher haben sich – initiiert von der asylkoordination österreich mehr als vier Dutzend Organisationen zusammengeschlossen, um darum zu kämpfen, dass diese Fluchtwaisen genau gleich behandelt werden wie andere Kinder und Jugendliche, die hier leben. Denn eigentlich müsste dies nach den Grundsätzen der Kinderrechtskonvention so sein.

Glück gehabt

Shahab Rahimi, 23, der stellvertretend für einen früheren Fluchtwaisen stand, hatte, wie er beim Mediengespräch erzählt, das Glück nach seiner langen Flucht aus Afghanistan (2013) mit längerer Zwischenstation im Iran 2015 bald nach seiner Landung in Traiskirchen Kontakt zu einem engagierten Verein (Tralalobe) bekommen zu haben. So konnte er vorübergehend die HTL Mödling besuchen, bekam einen Aufenthaltsstatus, fand eine Lehrstelle und ist nun ausgelernter Hotelkaufmann, strebert gerade für die Berufsreifeprüfung, um danach an einer Fachhochschule zu studieren. Und nach seiner Ausbildung wird er jahrzehntelang ins österreichische Steuer- und Sozialversicherungssystem einzahlen.

Kein Almosen, sondern Recht UND Investition

Denn auch das – so die beiden Schauspielerinnen – die einleitend von Realitäten und Visionen schilderten, schlossen damit ab: „Es geht also nicht um Luftschlösser, deren Umsetzung in die Realität Unmengen Geld verschlingen würde. Vielmehr geht es darum, die Würde und Menschrechte von uns Fluchtwaisen zu wahren. Österreich ist verpflichtet, nach einer dauerhaften Lösung für uns zu suchen und uns Schutz und Hilfe angedeihen zu lassen. Es würde sich bei der Umsetzung dieser Vision nicht um das Verteilen von Almosen handeln. Vielmehr handelt es sich um eine volkswirtschaftliche Investition in den Produktionsfaktor Arbeit.

Postkarten mit jeweils zwei Kindern und dem Spruch
Eine weitere der Postkarten der Kampagne …

Die frühe Investition in Schutz, Hilfe und Unterstützung von uns Kinderflüchtlingen zahlt sich mehrfach aus. Gut ausgebildete, resiliente Menschen werden gebraucht. Sie sind keine Belastung für den Staat, sondern tragen durch das Bezahlen von Steuern zum Erhalt des Systems und der Absicherung des Generationenvertrags bei. Getätigte Investitionen im Kindesalter kommen mehrfach zurück. Wir Fluchtwaisen haben ein ganzes Arbeitsleben in Österreich vor uns, während dessen wir die „Investitionen“ durch Steuern, Abgaben und Beiträge rückfinanzieren. Langfristig betrachtet wäre unsere Vision ein günstigeres Szenario als der unbefriedigende und zum Teil menschenrechtswidrige Status Quo. Denn: Kind ist Kind, egal woher!“

Postkarten mit jeweils zwei Kindern und dem Spruch
Und noch eine Karte, die darauf hinweisen will: Kind ist Kind …

Obsorge ab Tag 1

Übrigens hatte auch die Menschenrechts-Kommissarin des Europarates, Dunja Mijatović, bei ihrem Österreich-Besuch u.a. verlangt: „Ich fordere die Behörden auf, für diese jungen Kinder von Beginn des Asylverfahrens an vollwertige Vormünder zu benennen und die Gespräche mit den Ländern fortzusetzen. Es muss sichergestellt werden, dass diese ihren Anteil übernehmen und die Asylbewerber nach Abschluss des Zulässigkeitsverfahrens überstellen, so wie es das Gesetz vorsieht.“ Dabei unterstrich sie die entscheidende Bedeutung von Rechtsbeistand im Asylverfahren und forderte die österreichischen Behörden auf, die Qualität des von der Bundesagentur für Aufnahme- und Unterstützungsleistungen geleisteten Beistands und die Unabhängigkeit dieser Agentur sowohl in der Praxis als auch im Gesetz zu gewährleisten.

Obsorge ab Tag 1, das wurde auch am Freitag beim genannten Mediengespräch mehrfach gefordert.

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www.asyl.at