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Jugenlicher mit seinem Buch und Zeitschroften, in denen er schon veröffentlicht hat - und mit einem Aufnahmegerät fürs Radiomachen
Jugenlicher mit seinem Buch und Zeitschroften, in denen er schon veröffentlicht hat - und mit einem Aufnahmegerät fürs Radiomachen
25.06.2021

17 Jahre – Literat, Musiker, vielsprachiges Talent

Gespräch mit Ernad Bradarić, Mitglied der RadioFrech-Crew, die das Theater-Festival Schäxpir in Linz und Steyr begleitet.

Biologisch bedenklich
nicht, dass es mich interessiert
Aber natürlich schädlich
Und biologisch bedenklich

Dieser Vierzeiler ist eines der Dutzenden ganz unterschiedlichen Gedichte des 17-jährigen Ernad Bradarić. Und veröffentlicht in seinem Literaturband „Ohnmächte“ (WReaders-Verlag). Bradarić gehört zur „RadioFRECH“ des Medien-Realgymnasiums Stefan-Fadingerstraße. Seit ewig und noch drei Tagen begleitet jeweils eine Gruppe von Schüler*innen das Schäxpir-Festival, um zu berichten. Das reicht von Reportagen bis zu Interviews – mit Künstler*innen, Macher*innen des Events oder mit Besucher*innen über deren Eindrücke des einen oder anderen Stücks. Öfter im Einsatz auch Lena Hölzl, Carla Dick, Lelia Tudoras und Katharina Oster, oft begleitet von einer der beiden Lehrerinnen Helene Siebermair bzw. Birgit Reisenberger.

Bradarić ist aber nicht nur Radio-mäßig aktiv, er schreibt gerne – nicht nur im Festivalheft, Teil 2 ist ein Beitrag von ihm selbst (siehe Seite 25). Wie schon eingangs erwähnt, hat er bereits ein Buch mit Lyrik und Prosa veröffentlicht – vor zwei Jahren. „Ich hab niemandem etwas gesagt, sogar meine Eltern haben’s erst erfahren, als das Buch gedruckt war“. Beiträge von ihm sind aber – seit gut zwei Jahren schon auch in Anthologien und Zeitschriften (u.a. DUM – Das Ultimative Magazin) erschienen, jüngst im Magazin „Biber“.

Jugendlicher mit einem Buch, in dem er selbst einen Beitrag veröffentlicht hat im Festival-Restaurant
Ernad Bradarić mit dem Gastro-Buch für das er gemeinsam mit Luka*s Friedland geschrieben hat – und passend aufgenommen im Schäxpir-Festival-Restaurant im O.K., dem Offenen Kulturhaus in Linz.

Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr …. Wollte wissen, wie der jetzt 17-Jährige zum Schreiben bzw. zu seinem Interesse für Kultur insgesamt gekommen ist.
Ernad Bradarić beginnt zu schildern: „In der dritten Klasse Unterstufe sollten wir Referate über Berufe halten. Ich wollte über Dirigenten referieren. Die Lehrerin hat mir den Kontakt zum Landestheater hergestellt – für ein Interview. Dieser Dirigent hat mir dann ein Ticket für die Oper „Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck verschafft. Es war das erste Mal, dass ich klassische Musik live gehört habe. Aber da hat mich das stark interessiert.“

Es war auch sein erster Besuch in einem Theater außerhalb der Schule. „Ab da hab ich oft in die Programme der Theater geschaut und mir vieles ausgesucht, um es anzuschauen.“

Was mich angesprochen hat

Systematik sei keine dahintergesteckt, „es gab da kein Muster, sondern, was mich angesprochen hat, das hab ich mir angeschaut“.

Das waren dann nicht nur Opern, auch nicht immer mit Musik. „Ich hab schon früh sehr viel gelesen. Hab dann bald einmal diese bekannten, kleinen gelben Hefte entdeckt und mir viele davon besorgt. In der 3. Klasse Unterstufe hab ich Faust gelesen.“

Nach seinen literarischen Anfängen befragt, sagte Ernad Bradarić: „Also zu lesen angefangen hab ich mit Thomas Brezina, aber das ist ja noch nicht „richtige“ Literatur. Was Vieles, meinen ganzen Blick auf Kunst und Kultur und wie ich das alles wahrnehme, verändert hat, war „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett.“

Auf ihn ist er gestoßen, als „wir im Deutschunterricht Bücher vorstellen sollten. Ich hab im Internet gesucht nach etwas, das für mich Sinn machen würde“.

Doppelseite einer Zeitschrift mit dem Text eines Jugendlichen
Beitrag in einem Magazin für das der junge Autor das Dorf seiner (Ur-)Groß-Eltern zum Ausgangspunkt nimmt

Dieses Stück absurden Theaters war für Bradarić der Zeitpunkt „wo ich auch mit dem dramatischen Schreiben begonnen habe“. Er schrieb dann „Kurzdramen – so Einakter, teilweise sehr experimentell.“ Die veröffentlichte er teilweise auf dem Online-Geschichten-Schreib-Portal WattPad, „wo es solche Texte eher nicht gegeben hat. Aber es ist auf jeden Fall ein Raum, in den du auch kritische Dinge reinstellen kannst. Darauf haben dann andere reagiert und so bin ich in Kontakt gekommen mit Personen, die auch in diese Richtung denken, schreiben und lesen.“

Auf diesem Weg ergab sich später eine Kooperation mit einem Deutschen, Luka*s Friedland. Mit ihem veröffentlichte er später gemeinsam einen Beitrag für ein Gastro-Journal – da war Ernad Bradarić gerade 15 Jahre. „Auf so etwas muss man sich einlassen können. Wir haben uns gegenseitig immer unsere Entwürfe geschickt oder Dinge in den Text aufgenommen, die wir im Gespräch gesagt haben.“ Beide fanden sich dann bei einem einwöchigen Schreibworkshop in Berlin wieder, wo sie ein kleines Stück schrieben, dass sie dann in der Nähe, in Brandenburg aufgeführt haben.

Buchstaben-Spiele

Dem dramatischen Schreiben folgten ergänzend auch immer wieder Gedichte – für seinen schon genannten Band „Ohnmächte“ gesellten sich auch bildhafte Buchstaben-/Wortspiele, genannt „konkrete Poesie“ dazu. Was Wikipedia so definiert: „Die Sprache dient nicht mehr der Beschreibung eines Sachverhalts, eines Gedankens oder einer Stimmung, sondern sie wird selbst zum Zweck und Gegenstand des Gedichts. Die Sprache stellt sich also selbst dar. Dabei wird allerdings sehr viel Wert auf die Gestaltung gelegt.“

So steht am Ende des Lyrik-Teils bevor die Prosa-Texte beginnen, „Heimkehr und Umklammerung“ mit einer Vielzahl von Klammern – () und [] – in unterschiedlichen Größen. „Für konkrete Poesie ist Spontaneität ganz wichtig“, so der Jungautor. „Am Anfang des ganzen Buches sind die Gedanken noch klarer, je weiter man liest, desto unverständlicher scheinen sie. Bei diesem Gedicht kommst du heim, weil du mit dem Lyrikteil fertig bist. Der wird umklammert. Bei so einem Gedicht probiert man vieles aus und modelliert es, bis es dem Gefühl entspricht, das du ausdrücken willst.“

Aufgeschlagene Buchseite
Erste Seite des Gastro-Artikels

Wie tut sich jemand, der so schreibt mit schulischen Aufsätzen oder gar Schularbeiten. „Das mit der Mindest- und Maximalzahl von Wörtern ist sehr lästig. In der Unterstufe hatte ich bei einer Kurzgeschichte das Wortmaximum verdoppelt. Das ging dann sogar rauf bis in die Direktion!“

Umso mehr Anklang finden seine literarischen Texte bei so manchen Wettbewerben. Auf der Plattform Lyrix.de wurde Bradarić mit eingeschickten Arbeiten im Juli und September 2020 Monatssieger.

Meist auf Deutsch, aber auch …

In den allermeisten Fällen schreibt der Jugendliche auf Deutsch, „ein Gedicht hab ich auch auf Bosnisch geschrieben.“ In einem Text für „DUM – Das Ultimative Magazin“ beschäftigte er sich mit Orahova, dem Dorf aus dem ein Teil seiner Vorfahr*innen kommt. „Dieses Dorf ist im 19. Jahrhundert von Flüchtlingen gegründet worden. Meine Großeltern mütterlicherseits sind in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts nach Wien gegangen. Die anderen Großeltern sind geblieben, mein Vater ist auch dort aufgewachsen und bevor der Krieg im ehemaligen Jugoslawien Anfang der 90er-Jahre richtig losgegangen ist, ist er gegangen. Seine Mutter, also meine Oma, ist noch dort geblieben.“ Ernad war als Kind öfter dort, „ich hatte noch das große Glück, die Urgroßeltern mütterlicherseits gekannt zu haben.“

Aus all den Impressionen, die Großmutter erzählte zum Beispiel von Gewehrschüssen, die sie nachts gehört hatte, und fiktiven Geschichten baute er seinen hier oben angesprochen Text. „Als 7-Jähriger hab ich, der in Linz geboren und aufgewachsen ist, nie die Frage verstanden: Woher kommst du? Diese Konstellation wurde für mich zu einer Art Existenzfrage.“

Der jüngst publizierte Text – fürs Magazin „biber“ – war Folge eines Zoom-Meetings im Medienunterricht mit zwei Journalist*innen dieser Zeitschrift und des Aufrufs der Insta-Chefredaktion von Melisa Erkurt, dass für die School-Edition von Biber Texte gesucht werden.

Medien – und damit schließt sich der Kreis zur Radio-Begleitung des Schäxpir-Festivals – ist das Wahlpflichtfach, das die genannten und weitere Jugendliche besuchen. „Wir machen dort viel mehr als Radio, auch Fotografie, Bildbearbeitung am Computer, Kurzfilme drehen… Das macht alles Spaß, damit hab ich bisher eine sehr gute Zeit erlebt.“

Dieser Zweig ermöglichte Ernad Bradarić jüngst beim Schäxpir-Festival praktische Journalismus-Luft zu schnuppern. Dazu meint er: „Es macht sehr viel Spaß für eine gewisse Zeit in die Rolle des Reportes und Interviewers zu schlüpfen. Sehr schön ist auch, dass man sich leicht vernetzen kann. Spannend sind immer die Theaterstücke an sich – tolles Publikum das sich auch gerne für das Radiofrech-Team Zeit nimmt. Aufgeschlossenheit und lockere Atmosphäre gefallen mir auch. Schöner kann Schule/Unterricht eigentlich nicht mehr sein!

In Anbetracht, dass man später vielleicht im Journalismus arbeiten möchte, ist das natürlich nochmal doppelt so lässig! Das Festival erlebe ich also als eine wirklich schöne und aktive Zeit, das Negativste ist lediglich, dass es nur alle zwei Jahre stattfindet 😉“

Surrealistische Filme

Damit ist aber das künstlerische Repertoire von Ernad Bradarić noch lange nicht erschöpft: „Gleichzeitig mit dem Interesse für Literatur ist auch das für bildende Kunst erwacht, ich wurde neugierig und hab mir vor allem surrealistische Filme angeschaut.“ Außerdem spielt er seit einigen Jahren Klavier, singt in einem Chor und spielt noch Mundharmonika. Ich hatte auch einmal Waldhorn-Unterricht. „Und ich habe auch Musik für Luka*s Friedland gemacht. Als Student* in Hildesheim hat er ein Großprojekt angelegt mit sehr viel Audio, darunter auch Musikstücke von mir.“ (Link dazu und zu Texten weiter unten).

Ach, und so nebenbei – das meiste kommt bei dem an sich gesprächigen Jugendlichen erst auf Nachfrage, keine seiner Aktivitäten preist er an – lernt der jetzt 17-Jährige seit einigen Monaten Portugiesisch. „Ich konnte mich erinnern, dass mir als Kind ein Zeichentrickfilm sehr gefallen hat, der in Brasilien spielt. Den Klang der Sprache habe ich noch im Ohr. Sie gefällt mir sehr gut und deswegen will ich sie jetzt lernen.“

Danke, hvala lepo, Tank’s a lot, mercie beaucoup und obrigado (als Frau müsste ich obrigada schreiben, ob’s hier eine geschlechtsneutrale Schreibweise gibt, weiß ich leider nicht)

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