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Präsentationen der Arbeitsgruppen im Plenum
Präsentationen der Arbeitsgruppen im Plenum
23.11.2021

Selbstbestimmtes Leben für alle Menschen – mit und ohne Behinderung

Selbstvertreter:innen-Kongress „Volle Kraft voraus“ im Austria Center Wien – gerade noch vor dem Lockdown; Lokalaugenschein von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr …

Auf dem Weg in den Weltraum – zu Venus, Merkur, Uranus, Saturn, Jupiter – geht’s ins Veranstaltungszentrum Austria Center in Wien-Kaisermühlen. Gegenüber vom Eingang steht seit Monaten ein kleines Container-Dorf – Anmeldestationen für die größte Corona-Impf- und Teststraße des Landes.

Glück gehabt, dass der Kongress, über den hier im Folgenden berichtet wird, in der Vorwoche geplant war, sonst – eh schon wissen.

Und nein, es ging dabei nicht um Fragen der Astronomie oder gar von All-Tourismus. Rund 200 „Selbstvertreter:innen“ aus sechs österreichischen Bundesländern und dazu aus der Schweiz und Belgien kamen für drei Tage zusammen. Menschen mit unterschiedlichsten Behinderungen diskutierten, besprachen, berieten und sich damit gegenseitig unterstützten und stärkten in immer wieder wechselnden Kleingruppen, wie sie sich und ihre Anliegen mehr und stärker umsetzen sowie in die Öffentlichkeit bringen können.

Nicht über uns ohne uns!

Die eine oder andere Beeinträchtigung soll bzw. darf kein Hindernis sein, eigene Bedürfnisse auszudrücken, Wünsche und Forderungen zu erheben und vor allem, für sich selbst zu sprechen. Nicht als bemitleidenswerte, befürsorgte Hascherln betreut oder gar wegesperrt werden, sondern einfach als Menschen wahr- und ernstgenommen zu werden. Das ist die gemeinsame Grundforderung gewesen. „Nicht über uns ohne uns!“ ist so eine zentrale Botschaft – auch bei dieser Veranstaltung

Und das kennzeichnete auch den Kongress, der überwiegend von Selbstvertreter:innen mit-organisiert und -vorbereitet worden war. Auch dass alles sozusagen in einem Weltraum-Ambiente stattfindet, war deren Idee. Im großen Saal, in dem am Ende alle zusammenkamen, um die auf zwei, drei Zeilen verdichteten Forderungen der Arbeitsgruppen vorzustellen, stand neben der Bühne eine schlanke metallene Rakete. Beklebt mit den Forderungen des Dutzends an Arbeitsgruppen mit den Namen der eingangs genannten Planeten unseres Sonnensystems – manche mehrfach mit Zusatznummern im Stil von Raketen wie Saturn 11 beispielsweise. Ja, und auch „Erde“ kam zwei Mal vor. Alles durchgezogen – in den Pausen mit Wechsel der Arbeitsgruppen erklang auf den Gängen des Austria Centers „Major Tom –völlig losgelöst“ von Peter Schilling.

Volle Kraft voraus bis ganz nach oben!

Die Sprüche auf den Aufklebern: „Mut und Freiheit zur Selbstbestimmung und Inklusion!“, „Nicht über uns ohne uns!“, „Informationen müssen für alle verständlich sein -> Informationen ohne Hindernisse!“, „Wohnen einmal anders“, „Zuhören – wir für uns“; „Jeder Mensch kann sich selbst vertreten“; „Sei mutig + trau dich!“, „Ich kenne wen, der wen kennt, der/die mir weiterhelfen kann“, „Eine selbstbewusste Selbstvertretung kann sich vernetzen!“, „Mehr Mitsprache & Austausch zwischen den Organisationen ist wichtig“, „Mitsprache & Mitbestimmung: Volle Kraft voraus bis ganz nach oben“, „Gemeinsam sind wir stark + unabhängig!“, „We can manage together. Strong together!“ (Wir können es gemeinsam schaffen. Gemeinsam sind wir stark), „Ohne gute Mitbestimmung gibt es keine Selbstbestimmung!“

Dann Countdown – nein, die Rakete hob natürlich nicht wirklich ab – aber hybrid sozusagen. Neben der Bühne das angreifbare Raketenmodell und ab in den Weltraum – in der Animation auf der großen Leinwand. 😉

Langjähriger Selbstvertreter

Aus jener Werkstatt von Jugend am Werk in Wien-Altmannsdorf, in der die beschriebene dreistufige Rakete gebaut worden war, kommt auch einer der Arbeitsgruppen-Vortragenden, Rainer Kohlweis. „Weil ich immer meinen Mund aufgemacht habe, wurde ich 2005 erstmals Selbstvertreter“, vertraut er Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … an. Erreichen konnte er bisher „eine Woche mehr Urlaub für über 50-Jährige in den Werkstätten, Pflegegeld und Pflegeurlaub“. Der für ihn – und alle im Arbeitskreis, dem der Reporter einen Besuch abstattete – wichtigste Satz auf einem handschriftlich voll geschriebenen Plakat: „Wünsche mir, dass ALLE Menschen mit und ohne Behinderung ein selbstbestimmtes Leben leben sollen“.

Auch selbst gefordert

Klaus Brunner, Selbstvertreter bei der Lebenshilfe im Vorarlberger Götzis, fühlte sich am wohlsten in der Arbeitsgruppe aus dem belgischen Gent. Die Gruppe hatte sogar ein Handbuch erarbeitet, das Selbstvertreterinnen und -vertreter in ihrer Arbeit unterstützt, Erfahrungen weitergibt und damit Anregungen für die eigene Arbeit enthält – für Belgien. Der Vorarlberger brachte immer wieder die Frage des selbstständigen Wohnens zur Sprache. „Das ist mir ein großes Anliegen. Es ist aber nicht nur eine Frage der gesellschaftlichen Akzeptanz, sondern ich muss mich da immer wieder auch sprichwörtlich selbst treten. Ich bin da selbst gefordert, zu sagen, was ich brauche. Ich bin nicht nur Rollstuhlfahrer, sondern auch Epileptiker und brauche Unterstützung. Aber wir alle brauchen auch Träume, um uns Ziele zu setzen, die wir erreichen wollen“, sagt er dem Journalisten.

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