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"Das ist kein Kopftuch" - von Asma Aiad
"Das ist kein Kopftuch" - von Asma Aiad
09.11.2021

Zwischen Fashion, Kritik und Widerstand

Zeitgenössische Kunst von Installationen, Fotos, Comics, Memes usw. bei Muslim* Contemporary im Atelierhaus der Akademie der Bildenden Künste – bis 12. November 2021.

Zwei Mal das gleiche Kleidungsstück, zwei völlig unterschiedliche ja gegensätzliche Reaktionen. Linker Hand – beim Betreten der mehr als beeindruckenden Ausstellungshalle – hippe Mode. Gegenüber „Unterdrückung“. Genau, es geht um Kopftücher.

Zwei Schaufenster-Frauenfiguren „begrüßen“ sozusagen die Besucher:innen von Muslim* Contemporary im Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste in der Wiener Léhargasse. Bis Freitag sind hier Arbeiten von Künstler:innen zu sehen, für die entweder der Islam die eigene Religion ist, oder streng oder wenig bis gar nicht gläubig oder die von anderen dieser Community zugeordnet werden. Die sich jedenfalls mit Inhalten oder Vorurteilen künstlerisch auf unterschiedlichste Art auseinandersetzen.

Inspiriert von Magrittes Pfeife

Gleich noch zu jenem Stück Stoff, das Frauenhaar bedeckt und bei vielen Menschen spontane Ablehnung hervorruft ohne sich mit dem zu beschäftigen, was die jeweilige Frau IM Kopf hat. „Das ist kein Kopftuch“ steht in Leuchtschrift über neun Fotos die Asma Aiad gemacht hat. Inspiriert zu dieser Installation hat sie der Maler René Magritte mit seiner berühmten Zeichnung einer (Tabak-)Pfeife. In französischer Sprach hat er drunter geschrieben: „Das ist keine Pfeife“. Es handelt sich ja „nur“ um das Bild einer solchen. Eine der Interpretationen. Viele andere Gedanken wollte er anstoßen, hat er doch ein gleiches Bild gemalt und – auf Englisch – dazu geschrieben: Das ist eine Pfeife!

Die junge Künstlerin wollte/will mit dieser Arbeit „auf die leidige Diskussion rund um das Kopftuch in unserer Gesellschaft aufmerksam machen. Mit welchen Fremdzuschreibungen, Interpretationen, Verboten und Zwangsbefreiungen muss der weibliche, muslimische Körper tagtäglich kämpfen? Wie kommt es zur Objektifizierung muslimischer Frauen in einer Debatte, in der es ständig darum geht, über sie zu sprechen, zu verhandeln, zu urteilen und zu bestimmen? …“

Vielfach-Initiatorin

Asma Aiad ist übrigens nicht nur eine Künstlerin, die diese Arbeit – und weitere – zur Ausstellung beigesteuert hat, sie ist die Initiatorin der Schau. Seit drei Jahren studiert sie an der Akademie der bildenden Künste Konzeptkunst. Schon viel länger kämpft sie in vielen Initiativen gegen Vorurteile und Rassismus an – von „Salam Oida“ bis zum Black Voices Antirassismus Volksbegehren von dem etliche Vertreter:innen bei der Eröffnung der Ausstellung Montagabend waren. Gemeinsam mit der Künstlerin und Philosophin Marina Gržinić – und vielen Verbündeten hat Aiad dieses Projekt auf die Beine gestellt. Eine der Künstlerinnen der ersten Stunde dabei war EsRap, die zum Abschluss der Ausstellung Freitagabend eines ihrer Rap-Konzerte geben wird.

Comics, Memes, Installationen

Von Karikaturen rund um „Integration“ von Esma Bošnjaković über ausgedruckte Instagram-Memes in Form von Bild-Text-Collagen als tagespolitische Kommentare von Anahita Neghabat – @ibiza_austrian_memes – bis zur mehrfachen Auseinandersetzung mit Islamfeindlichkeit spannt sich der Bogen Objekte. Dazu zählen unter anderem eine Netz-Installation von Neda Hosseinyar über die Politik der Angst mit Plakaten unterschiedlichster populistischer, rassistischer Organisationen in vielen Ländern Europas sowie mehrere Arbeiten, die sich mit der „Operation Luxor“ auseinandersetzen.

Dazu ist u.a. ein Wohnzimmer nachgebaut, das durchwühlt und mit Absperrbändern versehen wurde. Fast 1000 Polizist:innen hatten rund fünf Dutzend Hausdurchsuchungen gleichzeitig durchgeführt, Konten gesperrt … Existenzen wurden bedroht. Das Innenministerium vermittelte mehr oder minder den Eindruck eines Zusammenhangs mit dem Terroranschlag in Wien eine Woche davor. Übrigens: Erst vor rund zwei Monaten erklärte das Oberlandesgericht Graz die Hausdurchsuchungen für rechtswidrig.

Auch wenn diese Aktion am 9. November des Vorjahres stattgefunden hat, ist der Titel „Der neunte November“ doch deplatziert – ist es doch auch der jahres-/Gedenk-/Tag der Pogromnacht. In dieser hatten Nazis und mit diesen sympathisierende Menschen Jüdinnen und Juden öffentlich schikaniert, misshandelt, ermordet, eingesperrt und in der Folge in Konzentrationslager verschleppt, sowie Geschäfte und Synagogen zerstört. Der Titel sei damit wirklich missverständlich gestand die Initiatorin der Ausstellung gegenüber Kinder I Jugend I Kultur I und mehr …

Theaterszene

Am Eröffnungsabend zeigten zwei Künstlerinnen der Gruppe „Ein Stück Theater“, Safiyah König und Somaya Benhouhou, Ausschnitte aus „Remake.Ringparabel“ (aus 2018). Die Gruppe hatte ausgehend von dem Toleranz-„Klassiker“ über die drei monotheistischen Weltreligionen von Gotthold Ephraim Lessing vor allem die darin „vergessenen“ Frauen vor den Vorhang geholt – mehr über das Stück, damals noch im Kinder-KURIER, im Link hier

Im Rahmen der Ausstellung gibt es auch Lesung, Workshops usw. – siehe Link in der Info-Box.

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INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Muslim* Contemporary

Ein Projekt von Asma Aiad & Marina Gržinić

Die Ausstellung Muslim* Contemporary ist ein Raum für Muslim*innen und als Muslim*innen gelesene Menschen und allen Interessierten, die sich mit den muslimischen Leben in Österreich auseinandersetzen möchten. Neben dem Versuch einer Darstellung der Diversität der Communities, sollen auch Themen wie Identität(en) und Rassismen, bzw. antirassistische Strategien verhandelt werden.

Mit Arbeiten und Beiträgen von:
Amani Abuzahra, Asma Aiad, Muhammet Ali Baş, Esma Bošnjaković, Imen Bousnina, Calimaat, EsRap, Neda Hosseinyar, Ozan Zakariya Keskinkılıç, Hibatullah Khelifi, Dudu Kücükgöl, Anahita Neghabat, Ein Stück Theater

Wann & wo?

Bis 12. November 2021
13 bis 21 Uhr
Gruppenführungen nach Anmeldung: 9 bis 17 Uhr
muslimcontemporary@gmail.com

Atelierhaus Prospekthof
1060, Léhargasse 8/Tor 2
muslimcontemporary.at

Zum Programm

In Kooperation mit Akademie der bildenden Künste Wien, Salam Oida, Black Voices Anti-Rassismus Volksbegehren, Dokumentationsstelle Islamfeindlichkeit, Muslimische Jugend Österreich, Stadt Wien/Kultur sowie Bildung und Jugend, Kulturen in Bewegung, Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport, Wissenschaftsfonds, Creative Europe Programm/EU, PCAP – post conceptual art practices, smashing wor()ds