Leicht lesbare, schwer verdauliche Lebensgeschichte eines jüdischen Mädchens im Schwechat vor rund 90 Jahren, das dann rechtzeitig mit ihrer Kernfamilie nach England flüchten konnte.
„Eines Tages in Österreich, als ich 4 Jahre alt war, ging ich mit meinem Vater spazieren. Mein Vater war eine besondere Art von Anwalt- er verteidigte Leute, die in Schwierigkeiten waren, aber es sich nicht leisten konnten, viel zu bezahlen. Es war 1933, Hitler war gerade der „Führer“ von Deutschland geworden. Wir waren gerade auf dem Heimweg, als ein Mann, der meinem Vater Geld schuldete, uns anhielt und schrie: „Einen Drecksjuden bezahle ich nicht!“, und dann spuckt der meinen Vater an und lief davon.“
So beschreibt Hedi Schnabl Argent, die heuer 97 Jahre wird, ihre früheste Erinnerung an die Anfeindung die sie als jüdisches Mädchen im niederösterreichischen Schwechat miterleben musste. Vor wenigen Wochen ist ihre Lebensgeschichte auf Deutsch erschienen: „Der Tag, an dem sich die Musik veränderte – Wie ich als Kind vor dem Nazi-Regime fliehen musste“.
Hedi ist Einzelkind, aber mit einem Cousin, den alle „Bubi“ nennen fast wie mit einem Bruder oft beisammen. Und die eingangs geschilderte Szene ist nicht die einzige. Zwei Jahre später an ihrem ersten Schultag wird sie selbst beschimpft. Und was noch härter ist, niemand will mit ihr spielen, „weil ich Jüdin bin… ich mag den Unterricht, aber ich gehe nicht gerne in die Schule.“
Die Autorin ihrer eigenen, echten Geschichte nennt aber auch einen wichtigen Lichtblick. Gerti kam auf sie zu und lud sie ein, gemeinsam zu spielen. Auf die Frage, warum sie sich anders verhalte als alle in der Umgebung zitiert Hedi Schnabl Argent ihre Freundin – bis heute übrigens: „Meine Mutter hat mir gesagt, dass es keine Rolle spielt, was man ist, solange man ein guter Mensch ist.“ Und Gerti lässt sich auch nicht davon abbringen, als nun andere Kinder auch mit ihr nicht spielen und sie als „dreckige Judenfreundin beschimpfen“.
In einfach zu lesenden, aber – selbst beim Wissen um den mörderischen Holocaust, in dem sechs Millionen Jüdinnen und Juden ermordet wurden – nur schwer zu verdauen sind, beschreibt Hedi Schnabl Argent auch außergewöhnlich schöne Tage wie ihren achten Geburtstag und die drei Geschenke, Weihnachten samt Besuchen bei nicht-jüdischen Nachbarn, die zu den wenigen Menschen gehören, die sie nicht anfeinden.
Aber auch jenen Tag, der dem Buch den Titel gab: den 13. März 1938, als Hitlerdeutschland Österreich einverleibte („Anschluss“), was von sehr, sehr vielen Menschen bejubelt wurde. Zum letzten Mal lief im Radio die damalige österreichische Bundeshymne. „Doch nach der Hälfte der schönen Haydn-Melodie wird das Tempo schneller: Sie ist nun die deutsche Hymne.“
Und damit war klar, früher oder später muss die Familie das Land verlassen, wenn sie überleben will. „Von heute auf morgen sind wir Flüchtlinge. Wir gehen nicht auf die Straße. Wir haben kein Zuhause mehr und bleiben, wo immer uns jemand eine Woche, einen Monat oder auch nur ein Wochenende lang Unterkunft gewähren kann…“
Die Familie kann – nach einer vorübergehenden Verhaftung ihres Vaters – doch noch rechtzeitig gemeinsam nach England flüchten. „Wir fragen uns, werden wir uns immer wie Außenseiter fühlen? Werden wir immer Flüchtlinge bleiben?“
Und fast natürlich gelingt es dem jungen Mädchen schneller als den Eltern sich in der neuen Heimat zurecht zu finden – ihr Buch ist vor drei Jahren auch im Original auf Englisch erschienen.
Das Buch lebt von den authentischen Erlebnissen des sehr jungen und später jugendlichen Mädchens in nachvollziehbar verfassten Episoden – und nicht zuletzt den echten Fotos von ihr selbst, aber zum Beispiel auch von der kleinen Puppe Susi, die sie als einziges als Ebenbild der großen Susi-Puppe mit auf die Flucht nehmen konnte. Sogar ihre Enkelkinder haben damit noch gespielt. „Jetzt ist sie alt und zerbrechlich und wohnt zu ihrem Schutz sorgfältig eingepackt in Seidenpapier, in einer Schachtel im National Holocaust Museum in Nottinghamshire.“ (ungefähr in der Mitte Englands).
Hedi Schnabl Argent baut in die rund 60 Seiten immer wieder trotz der tragischen Geschichte ihrer Kindheit hoffnungsvolle Momente ein – Freundin Gerti oder die Nachbarn sind hier erwähnt, aber im Buch finden sich noch mehr. Und sie spannt den Bogen von der Verfolgung von Jüd:innen durch Nazis und andere Antisemit:innen zu Menschen, die auch heute flüchten müssen, um zu überleben.
In einer Art Vorwort schreibt sie unter anderem ebenfalls in einfachen Sätzen diese großen Gedanken: „Dass wir alle anders sind, ist großartig, aber kurioserweise sind wir gleichzeitig auch alle gleich, weil wir alle Menschen sind. Egal woher wir kommen, welche Haut-, Haar- oder Augenfarbe wir haben, ob wir Behinderungen haben oder nicht, an was wir glauben oder nicht, welche Sprache wir sprechen, wir sind alle Menschen und Teil der einzigen Menschheit, die es gibt.
Meine Geschichte handelt davon, was passiert, wenn wir Menschen, die anders sind, so behandeln, als ob sie keine Menschen wären.“
Spannend ist übrigens auch das Nachwort des Herausgebers Nikolaus Franz, der die Entstehungsgeschichte dieses Buches ausgehend von einem Dokumentarfilmprojekt „Schwechat im Krieg“ schildert.
Text: Hedi Schnabl Argent
Herausgeber: Nikolaus Franz
Übersetzung aus dem Englischen: Michelle Redlingshofer
Der Tag, an dem sich die Musik veränderte – Wie ich als Kind vor dem Nazi-Regime fliehen musste
60 Seiten
Ab 8 Jahren
edition lex liszt
15 €
lexliszt12.at –> hedi-schnabl-argent
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