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Ausschnitt aus der Titelseite des Jugendromans "Ewig braucht keiner"
Ausschnitt aus der Titelseite des Jugendromans "Ewig braucht keiner"
10.03.2022

„Ewig ist ein Scheißwort“

Romandebüt über eine Gruppe krebskranker, tod-geweihter Jugendlicher, die sich tiefschürfende Weltgedanken machen – und das mit sprachlicher Vielfalt und Leichtigkeit im Ton, ohne die Ernsthaftigkeit zu verletzen.

„Ewig ist ein Schweißwort“. So sollte dieser (nicht nur) Jugendroman ursprünglich heißen. Der Satz kommt mehrfach auf diesen 370 Seiten vor. Aber auch mit dem abgesofteten Titel „Ewig braucht keiner“ ist der Roman eine umwerfende Wucht, sprachliche vielfältig und ein Pageturner mit viel Humor, aber nie oberflächlichem billigen Witz. Und das angesiedelt in einem sehr tristen Setting.

Der Autor Matthias Khom – es ist das Erstlingswerk des gelernten Großhandelskaufmanns und studierten Musikers, der als Klavierlehrer arbeitet – führt uns in eine Klinik für krebskranke Jugendliche. Dort ist das Lebensende fast alltäglicher Begleiter. Aus der Sicht des Tischlerlehrlings Meyer, der seine Vornamen nicht mag und deswegen (fast) nur mit dem Nachnamen angesprochen wird bzw. sich selber so nennt, gerät in eine 6er-Gruppe, die sich die Gründung einer neuen Religion zum Ziel gesetzt haben. Wobei sie gleich diskutieren, ob sie ihre neue Weltanschauung überhaupt als Religion bezeichnen wollen.

Die Leute halten den Tod nicht aus

»Wenn man die Sache mit der Religion ganz nüchtern und pragmatisch sieht«, sagte Adrian, »wird klar: Die Leute halten den Tod nicht aus. Dass nach dem Tod gar nichts mehr kommen soll, das können die allermeisten nicht ertragen. Das Nichts ist zu viel für die Leute. Da überfällt sie das kalte Grauen und das kalte Grauen ist das Allerschlimmste, was dich überfallen kann. Stimmt doch, oder?«
Keiner von uns fünfen sagte was. Aber es war klar und deutlich so eine Art zustimmendes Schweigen.
»Und weil das keiner aushält«, sprach Adrian weiter, »basteln sich die Leute was zurecht, beispielsweise, dass sie ewig leben würden nach dem Tod. Und zack, dann ist’s passiert: Mit dem Wort ewig hast du dieses ganze Götterding mit drin, denn ewig kann nur einer sein, der außerhalb der Zeit lebt, und so einen nennt man halt Gott. Hast du erst mal einen Gott dabei, dann kommt auch gleich ein zweiter und ein dritter. Dann gibt es Götterkonkurrenz und den ganzen Scheiß mit Kreuzzug, Inquisition und Dschihad.
Und wenn diese Ewigkeit erst mal im Spiel ist, dann passiert es ganz zwangsläufig, dass das ewige Leben gegen das irdische ausgespielt wird. Wie da die Kräfteverhältnisse aussehen, das muss ich ja wohl niemandem erklären. Achtzig Jahre Erdenleben gegen ewig in der Ewigkeit – das ist ein Kümmerverhältnis. Null Chance für die achtzig. Mit dem Hebel kann jeder, der die Macht hat, das Leben auf der Erde drücken und kleinmachen.«
(S. 40/41)

Menschen und Menschheit

Jedenfalls wollen die schon genannten Adrian, Meyer sowie Johanna, Ioanna, Natascha und Benno mit ihrer neuen „Religon“ dem kalten Grauen im Angesicht des Todes entgegentreten. Aber nicht mit scheinbar billigen Versprechen nach ewigem Leben in irgendeinem Jenseits. Nein, der Ansatzpunkt von Adrian, der die Initiative gestartete hatte und den fünf weiteren Gründungsmitgliedern: Verknüpfung der einzelnen Menschen mit der gesamten Menschheit. Weiterleben Verstorbener nur dann und so lange auch die Menschheit als solche noch weiter existiert. Also sorgsamer Umgang mit dem Planeten und vor allem den Mitmenschen.

Auf Seite 41 lässt der Autor den Initiator Adrian sagen: „Unsere Religion wäre die erste bürgerliche Religion. Die Religionen hängen doch irgendwie hinterher, sind noch aus dem Feudalismus, mit ihren Königen und Herrschern und goldenen Thronen. Auf dem Gebiet der Religion hat die bürgerliche Revolution bis dato noch nicht stattgefunden, kann folglich noch nicht mal überwunden werden. Unsere kann meinetwegen gerne überwunden werden, irgendwann mal später. Die will ja nicht ewig sein. Ewig gibt’s doch sowieso nicht mehr! Bis dahin hilft unsere Religion gegen das kalte Grauen und richtet auch noch Nutzen in der Welt an.«
Mir (dem Meyer, Anm. d. Red.) kam das alles echt logisch vor. »Klaro, so machen wir’s. Wir werden wiedergeboren, solange es die Menschheit gibt.«

Intensive positive Gefühle

Zwischen neuer Religion gründen spielt sich insbesondere bei Meyer noch was ganz Lebendiges ab. Er und Johanna verlieben sich ineinander, erleben eine sehr intensive Zeit positiver Gefühle. „Die Liebe ist stärker als der Tod, dachte es jetzt in mir, weil ich gerade bemerkt hatte, dass ich meinen Krebs in den letzten Tagen so gut vergessen hatte wie noch nie seit meiner Diagnose. Dann war das Wort Krebs doch wieder da. In meinem Kopf. Wörter sind auch in der Verneinung da, sag ich Euch, gegen Wörter im Kopf hilft kein »Nicht« oder kein »Kein«. Die kannst du nicht durchstreichen und nicht ausradieren, gibt’s kein Mittel für. Das gilt blöderweise wohl auch für das Wort Gott und ich fing an, Adrians Memo 3 zu verstehen:
Vergesst Gott so gut es geht, auch wenn es nicht gut gehen wird auf lange Zeit.
Übrigens: Dass die Liebe stärker ist als der Tod, das gilt nur, solange du lebst. Wenn du tot bist, verschieben sich die Kräfteverhältnisse eindeutig, da kann auch kein Zweifel dran sein.
“ (S. 96)

Daneben aber stirbt erst Natascha, auf deren Begräbnis die überlebenden fünf einen Auftritt mit Verkündung der neuen Grundsätze planen. Was nicht nur glatt geht. Und das Leben Adrians, des Initiators, neigt sich immer mehr seinem Ende zu. Dafür nimmt er ein Video auf, das erst nach seinem Ableben online gestellt werden soll(te).

Quellen des Elends

In der Phase der (Be-)Gründung der neuen Weltanschauung werden sogenannte Memos verfasst und verteilt, die auch tiefergehende Betrachtungen und Analysen der Menschheit umfassen als „nur“ die Sicht auf Leben oder Tod und was danach kommen könnte. Vor allem übers Zusammenleben der Menschen machen sich die sechs jungen Leute, später dann fünf usw. viele Gedanken. So heißt es in „Memo 4: … drei Quellen des Elends: soziales Elend (kein Essen, kein Trinken, kein Geld); psychisches Elend, das von innen kommt und mit mangelhafter Kindheit zu tun hat; existenzielles Elend, weil wir schlimm krank werden können und wissen, dass wir sterben müssen. Gegen Elend aus dritter Quelle soll unsere Religion helfen, ohne den Kampf gegen Elend aus Quelle 1 und 2 zu behindern.“ (S. 99)

Die tiefsinnigen Gedanken schließen trotz ihrer Ernsthaftigkeit nie die Leichtigkeit aus, mit der sich der Roman ganz flott liest und immer wieder schmunzeln lässt.

Autor steigt immer wieder aus der Story aus

Immer wieder wechselt der Autor die Perspektive, springt aus der Geschichte heraus und schreibt – übers Schreiben genau an diesem Buch. Oder darüber, dass so manches filmisch ganz anders erzählt werden müsste. Ja, Khom beginnt sein Roman-Debut sogar genau mit dem „Philosophieren“ übers Erzählen:

„So etwas wie ein Prolog
… … …
Dass der erste Satz einer Geschichte ein besonders gelungener Satz sein soll, ist eine Idee, die ich nach ewigem Rumbasteln an diesem vermaledeiten ersten Satz als überflüssigen Ballast erkannt und dann entschlossen verworfen habe.
Sonst wäre ich nie weitergekommen.
Den ersten Satz liest du im Normalfall auch nicht öfter als den zwölften. Am Ende ist er nicht mehr als ein Satz unter ein paar Tausend anderen.
Dieses Erster-Satz-Problem konnte ich noch mit Willenskraft und per Schlussstrich lösen, andere Fragen, von denen ich mich bald regelrecht umzingelt fand, bedurften anderer Methoden…“

Ganz zu Beginn stellt der Autor dem Roman Lyrics-Zeilen der Band Tocotronic voran: „Man sagt/ Die Revolution/ Werde zuletzt den Tod/ Abschaffen/ Abschaffen/ Abschaffen“ – unter einer Widmung für seine fünf Enkelkinder.

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Titelseite des Jugendromans
Titelseeite des Jugendromans „Ewig braucht keiner“
BUCH-INFOS

Text: Matthias Khom
Ewig braucht keiner
370 Seiten
Ab 12 Jahren
Arctis/Atrium Verlag
16 €
eBook: 12,99 €

Doppelseite aus dem Jugendbuch "Mein Plan B oder Wie ich zum ersten Mal Brausepulverkribbeln im Bauch hatte"
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