Jordan Mechner, Erfinder weltbekannter Computerspiele („Prince of Persia“), präsentierte die nun auch auf Deutsch erschienene Familiengeschichte „Replay“ als Graphic Novel in St. Pölten und Wien.
Aufs erste mag es vielleicht eine ungewöhnliche Kombination sein: Als Jugendlicher begann er sich selber das Programmieren von Computerspielen beizubringen, erfand mit „Prince of Persia“ eine langanhaltende weltberühmt gewordene Erfolgsserie mit Animationstechnik die damals sogar bahnbrechend war. Nun ist – in einem kleinen niederösterreichischen Verlag seine auf Deutsch (nach Französisch, Englisch, brasilianischem Portugiesisch) übersetzte – Familiengeschichte als Graphic Novel erschienen: Replay – Erinnerungen einer entwurzelten Familie“.
Der gebürtige New Yorker Jordan Mechner, der später in Kalifornien wohnte und seit fast einem Jahrzehnt in Frankreich lebt und arbeitet, weilte kürzlich in St. Pölten und Wien, wo er das druckfrische Buch vorstellte, unter anderem im Jüdischen Museum in der Dorotheergasse (Wiener Innenstadt), wo auch die Fotos zu diesem Beitrag entstanden sind.
Für den Schöpfer viele Computerspiele, Drehbücher, Comic-Schöpfer und fast andauernden Skizzen-Zeichner gibt es – wie er sagte eine große Gemeinsamkeit: „Ich liebe Story-Telling. Für mich ging es auch in den Computerspielen – vor „Prince of Persia“ (das erste 1989) entwickelte er schon „Karateka“ (1984) und später „The Last Express“ (1997) – nicht um Punktsammeln, sondern eben darum, eine Geschichte zu erzählen.“
Doch während in seinen Computerspielen die Storys erfunden sind – wenngleich „natürlich überall auch Erlebnisse, Begegnungen, Bilder aus dem eigenen Leben einfließen“ auch als „Echo der Geschichte“ – ist „Replay“ die reale Lebensgeschichte seiner Familie. Großeltern, die vor den Nazis, unter anderem aus Wien, flüchten mussten – und, mit Hindernissen und Umwegen (u. a. Kuba) – auch konnten… Der Großvater väterlicherseits hat viel schriftlich festgehalten, Fotos aufgehoben. Später gescannt, digitalisiert für die Familie, als Website erstellt, macht sich der Autor und Illustrator auch im Buch selbst an manchen Stellen auf die Suche nach einer fehlenden Seite 305A.
Der Großvater Adolf, Spitzname Bubi, vielleicht weil auch schon sein Vater, also Jordans Urgroßvater Adolf hieß, musste schon als Kind zum ersten Mal flüchten – im ersten Weltkrieg aus Czernowitz, damals noch in Rumänien, heute in der Ukraine. Sein Sohn, Francis, genannt Franzi, wurde dann als junger Volksschüler in Wien, wo die Familie zuerst Zuflucht gefunden hatte, zum Flüchtling und landete zunächst in Frankreich, später in den USA.
Wobei wie – in den meisten Familien -, bei Weitem nicht alle Mitglieder der Familie Mechner / Bayer / Ziegler / Feingold / Weitzberg Ermordung durch die Faschisten entgehen konnten.
Die immer wieder auch abenteuerliche Familiengeschichte konnte nicht selten nur dank des Zusammenspiels von Zufällen überhaupt weitergehen – und so erst die Geburt von Jordan und seiner drei Geschwister Linda, Emily und David ermöglichen. Die teils filmreife, aber eben echte, Story lässt der Dauer-Zeichner auf 315 Seiten in spannenden, lebendigen Bildern lebendig werden, die immer wieder die jeweilige – nicht selten lebensbedrohliche – Situationen noch mehr erahnen lassen als die dazugehörigen Texte (Übersetzung ins Deutsche: Lucia Engelbrecht).
Jordan Mechner springt auf den mehr als 300 Seiten immer wieder hin und her zwischen der großväterliche, der väterlichen und seiner eigenen Geschichte. Um jedwede mögliche Verwirrung zu verhindern, hat er sich einen durchgängigen Farbcode ausgedacht, der auf der Rückseite des Buches mit – passend zu Flucht- und Umzugsgeschichten – mit Gepäckstücken symbolisiert ist: Gelb für die Gegenwart, blau für die Erinnerungen an seine Kindheit und Sepia – wie alte Fotos – für die Passagen mit Erinnerungen seines Vaters bzw. Großvaters.
Onkel Joschi fand eines Tages in seinem Keller zwei gemalte Bilder, die er viele Jahre vorher in Wien vor dem Ersten Weltkrieg einem unbekannten, erfolglosen Künstler abgekauft hatte – Adolf Hitler. Mit diesen erwirkte er bei einem begeisterten Nazi-Funktionär Visa für ihn, seine Ehefrau und den gemeinsamen Sohn für Frankreich. (S. 18)
Jordan ist Vater von Jane und Ethan. In einer Episode (S. 208 und 209) treffen Vater und Tochter den (Ur-)Großvater. Sie ist urangefressen über den schulischen Geschichtsunterricht, wo sie gerade Frankreich zur Zeit der Nazibesetzung behandeln – bei Jordans Opa könnte die Schülerin Infos aus erster Hand erfahren. Jane aber ist noch viel erboster über die sexistischen, antisemitischen und rassistischen Anspielungen und Äußerungen des Lehrers und zitiert Sager wie „Ihr wisst ja, wie die Juden sind… Bei Muslimen ist es noch ärger. Die beiden algerischen Jungs regen sich immer auf und diskutieren mit ihm, und er schickt sie aus dem Klassenzimmer.“
Auch Jane hat gesagt: „Das geht gar nicht!“ – „Er (der Lehrer) hat mich zur Direktorin geschickt…“
Autor und Illustrator: Jordan Mechner
Übersetzung aus dem Englischen: Lucia Engelbrecht
Replay – Erinnerungen einer entwurzelten Familie
315 Seiten
Vermes Verlag
30 €
vermes-verlag –> replay
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