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04.12.2021

„Können nicht gegen etwas kämpfen, das wir nicht kennen“

Jugendbuchautor Jason Reynolds „übersetzte“ Standardwerk über Rassismus für junge Leser:innen.

Mehrmals betont der erfolgreiche Jugendbuchautor Jason Reynolds, dass es sich bei „Stamped – Rassismus und Antirassismus in Amerika“ um „kein Geschichtsbuch“ handelt. Obwohl er auf den mehr als 200 Seiten viel über die Geschichte der Diskriminierung, Verfolgung, Unterdrückung Schwarzer in den USA und ihres Kampfes dagegen schreibt, ist es eben sozusagen kein Lehrbuch zum Auswendiglernen von Jahreszahlen und Namen. Der Wissenschafter und Autor Ibram X. Kendi hatte vor fünf Jahren mit „Gebrandmarkt. Die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika“ (C. H. Beck) veröffentlicht. Er bat den Reynolds dieses sozusagen für junge Leser:innen zu „übersetzen“.

Und so verortet das Buch den „ersten Rassisten“ gar nicht in Amerika, sondern in Europa. Im Auftrag von Monarchen einiger europäischer Ländern machten sich bewaffnete Männer auf, um viele Länder der Welt – und ihre Menschen – zu unterwerfen – darunter in Afrika und eben auch Amerika. Dauerhaft herrschen ist immer leichter, wenn (große) Teile der Unterdrückten ihrer Menschenrechte beraubt werden, ja sie oftmals gar nicht als Menschen anerkannt werden.

Noch nicht Geschichte

Neben Jahrhunderten und Namen arbeitet das buch vor allem solche Herrschaftsmechanismen heraus, die darauf beruhen, Weiße als höher- und Schwarze als minderwertig in den Köpfen – selbst der Entrechteten – einzupflanzen. Was auch deren Kampf für Gleichberechtigung massiv erschwert(e). Immer wieder kehrende Narrative helfen mit, auch lange nach Abschaffung der Sklaverei und sogar Wahl von Barack Obama zum US-Präsidenten systematischen Rassismus leider noch lange nicht auf dem Misthaufen der Geschichte landen zu lassen.

Jason Reynolds und Ibram X. Kendi, Autoren von
Jason Reynolds und Ibram X. Kendi, Autoren von „Stamped – Rassismus und Antirassismus in Amerika“

Neuer Schwung

Und dennoch endet das Buch nicht pessimistisch. Der Autor des Originalwerks Ibram X. Kendi dankt am Ende seinem Kollegen, „das Buch zugänglicher gemacht und ihm neuen Schwung verliehen“ zu haben und Jason Reynolds wendet sich vor allem an junge Leser:innen. „Und da habe ich gelernt, dass ihr viel offener und mitfühlender seid als die Generation vor euch. Und zwar so sehr, dass euer Feingefühl auch gerne gegen euch eingesetzt wird, um euch zu beleidigen und herabzusetzen. Euer Wunsch nach einer gerechten Welt wird als Schwäche betrachtet. Ich habe gelernt, dass eure Wut weltumspannend ist, weil die Welt jetzt in eurer Handfläche liegt. Ihr habt heute die Fähigkeit, euch teleportieren zu können, in ein Kriegsgebiet oder zum Schauplatz eines Mordes zu scrollen. Ihr könnt Proteste und Revolutionen in Kulturen miterleben, die nicht die eure sind, wo man euren Frust aber teilt. Eure Ablehnung. Eure Angst.

Mehr als Tipp-Daumen!

Aber ich muss euch warnen. Einfach nur zu scrollen wird nicht ausreichen. Niemals. Etwas zu teilen wird nicht ausreichen. Ein Hashtag wird nicht ausreichen. Weil der Hass es immer irgendwie schafft, uns davon zu überzeugen, dass das Halbe schon das Ganze ist. Damit meine ich, dass wir alle eine bloße Selbstdarstellung ablehnen und aktive Mitwirkung fordern müssen. Wir müssen Mitwirkende sein. Aktiv sein. Wir dürfen nicht nur Zuschauer sein, die bequem auf den Rängen der Moral sitzen und »FALSCH!« brüllen. Das ist zu einfach. Stattdessen müssen wir Spieler auf dem Platz sein, in der Halle, in unseren Klassenzimmern und unseren Gemeinden und versuchen, das Richtige zu tun. Weil es eine ganze Hand braucht – beide sogar –, um den Hass zu packen. Nicht nur einen tippenden Daumen und einen scrollenden Zeigefinger.

Aber ich muss euch noch einmal warnen. Wir können nicht gegen etwas ankämpfen, das wir nicht kennen.“

Und zu letzterem trägt das Buch viel und leicht lesbar bei.

Follow@kiJuKUheinz

Eine kürzere Version dieses Beitrages ist zuerst im Heft Buchkultur spezial Sonderheft Winter 2021 erschienen.

Titelseite des Buches
Titelseite des Jugendbuchs „Stamped – Rassismus und Antirassismus in Amerika“
INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Jason Reynolds/Ibram X. Kendi
Stamped – Rassismus und Antirassismus in Amerika
Jugendbuchausgabe von „Gebrandmarkt. Die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika“ von Ibram X. Kendi
ca. 220 Seiten (plus Anmerkungen und Stichwort-Register ca. 250 Seiten)
Ab 14 Jahren
dtv
Gebundene Ausgabe: 17,95 €
eBook: 14,99 €
Hörbuch (MP3, DC): 19,19 €
Hörbuch (Download): 12 99 €

Zu einer Leseprobe geht es hier

Doppelseite aus dem Jugendbuch "Mein Plan B oder Wie ich zum ersten Mal Brausepulverkribbeln im Bauch hatte"
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