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Alma Johanna Koenig - mit Katze
Alma Johanna Koenig - mit Katze
14.09.2021

Schriftstellerin, die Nazi-Opfer wurde, wird in Verruf gebracht

Heftige Kritik der IG Autorinnen Autoren an einem der angeblich „umstrittenen“ Straßennamen in der Ergänzungs-Liste belasteter Namen der „HistorikerInnen-Kommission“ der Stadt Wien

Vor wenigen Tagen stellte die Stadt Wien einen „Ergänzungsband“ zu „umstrittenen Wiener Straßennamen“ vor. Straßen- und/oder Platznamen, die nach Personen benannt sind, die Nazi-Täter waren, solche verherrlicht haben, rassistisch waren usw. sollen Zusatztafeln erhalten, auf denen diese Bedenklichkeit zu lesen sind. Allerdings findet sich unter den nicht ganz zwei Dutzend Namen „umstrittenen Wiener Straßennamen“ im 1. Ergänzungsband auch ein Opfer der Nazis, die Schriftstellerin Alma Johanna Koenig.

„Wir sind fassungslos, dass sich Alma Johanna Koenig – 1942 aus Wien verschleppt und am 1. Juni 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinec von den Nationalsozialisten ermordet“ auf dieser Liste findet, so Gerhard Ruiss, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft Autorinnen Autoren in einer Aussendung. Und nicht nur in der Aussendung. Tagelang beschäftigte dies den Dichter, Interessensvertreter und kulturpolitisch Aktiven Ruiss am Rande der Dramatiker_innenbörse im Vorarlberger Nenzing, wie Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … vor Ort erleben durfte. Die Ignoranz, dass niemand bei der IG, die immerhin Rechtsnachfolgerin von Koenig ist, auch nur nachgefragt habe, regte ihn echt auf.

„Alma Johanna Koenig teilt sich als aus rassischen Gründen in einem Nazi-Vernichtungslager Ermordete dort den Platz mit geistigen Vätern und Tätern des Nationalsozialismus. Begründet wird ihre Belastung durch die Darstellung einer Figur in einer von ihr 1920 veröffentlichten Erzählung. Wörtlich heißt es: „Problematisch in ihren Werken ist – des Antiziganismus wegen – die Erzählung »Schibes«“.

Alma Johanna Koenig
Die von den Nazis ermordete Schriftstellerin Koenig

„Die aus Zitaten aus einer Dissertation über das Frauenbild von Koenig stammenden Ausführungen zu dem ihr unterstellten „Antiziganismus“ in ihrer Erzählung mit der Ausdehnung auf gleich alle ihre Werke sind allein schon ein Skandal, dass sie aber auch noch einer Autorin gelten, die wegen ihrer jüdischen Herkunft von den Nationalsozialisten ermordet wurde, ist durch nichts zu entschuldigen oder zu rechtfertigen.“ 

So „nebenbei“ schafften es jene, die 1977 einen Weg in Wien-Liesing nach der Schriftstellerin benannten, nicht einmal ihren Namen richtig zu schreiben, heißt der doch Alma König (!)

„Nun werden ihr Name und ihr Andenken mit Füßen getreten. Die IG Autorinnen Autoren, die die Rechtsnachfolgerin von Alma Johanna Koenig ist, wird diese Entwürdigung Koenigs nicht hinnehmen. Sie wird nicht zulassen, dass die Verfolgung und Ermordung Alma Johanna Koenigs aus rassischen Gründen durch irgend etwas relativiert werden kann. 

Alma Johanna Koenig ist eine der Autorinnen, mit denen der Zsolnay Verlag 1947 die österreichische Literatur wieder zum Leben erweckt hat, Alma Johanna Koenig ist eines der Opfer, für die von der Republik Österreich eben erst ein Denkmal in Maly Trostinec errichtet worden ist.“

Gerhard Ruiss, Autor und Geschäftsführer der IG Autorinnen Autoren
Gerhard Ruiss, Autor und Geschäftsführer der IG Autorinnen Autoren

In der Aussendung der IG Autorinnen Autoren wird auch der Verwunderung Ausdruck verliehen, dass niemand „konsultiert worden wäre, um in Erfahrung zu bringen, mit wem man es bei Alma Johanna Koenig zu tun hat. Es hätte aber wenigsten ein Gegencheck stattfinden müssen, ob diese Behauptung in irgendeiner Form zutreffen kann und ob es sich um eine Haltung der Autorin handelt oder um eine allenfalls stereotype Zeichnung einer ihrer Figuren in einem ihrer 100 Jahre alten Texte. Es ist zudem eine generelle Zumutung, aus Charakterisierungen einzelner Figuren in Erzählungen, Romanen, Gedichten oder Theaterstücken auf Haltungen ihrer Verfasser/innen zu schließen. Besonders problematisch wird es, wenn Historiker/inn/en aus literarischen Figuren und Handlungen historische Ereignisse machen. 

Wir sind entsetzt, wie schnell und unreflektiert ein Opfer des Nationalsozialismus zur Beschuldigten gemacht werden kann. Wir sind entsetzt, wie schnell das geplante größte Menschheitsverbrechen der Geschichte mit Millionen Ermordeten eine Gleichstellung mit einer einem nicht sympathischen Personendarstellung in einer literarischen Erzählung erfährt. Dem Verbotsgesetz nach ist das Verharmlosung des Nationalsozialismus. 

Wir erwarten uns von der Stadt Wien, den sofortigen Rückruf dieser Einstufung von Alma Johanna Koenig als belastete Person und fordern, dass keinerlei weitere politische Einstufungen auf der Grundlage von literarischen Texten ohne vorherige gründliche literaturwissenschaftliche Befassung und der Einrichtungen, die mit ihnen zu tun haben, mehr erfolgen“, wird abschließend gefordert.

IG Autorinnen Autoren

wien.gv.at -> Umstrittene-strassennamen-1-band.pdf

Doppelseite aus dem Jugendbuch "Mein Plan B oder Wie ich zum ersten Mal Brausepulverkribbeln im Bauch hatte"
14.10.2022

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