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Szenenfoto aus "Monster" im Burgtheater, Vestibül
Szenenfoto aus "Monster" im Burgtheater, Vestibül: Caroline Baas und Rainer Galke
14.12.2021

Aus einer tristen Ausgangslage Komödie gebaut

„Monster“ – ab 13 Jahren – versetzt eine Jugendliche in die Lage, ihre Jugend gar nicht leben zu dürfen. Und versprüht aus Situations- und Dialogkomik dennoch viel Witz.

Motorradgeräusche, hörbarer Unfall. Alles aus dem Off bevor das Licht an- und der zarte Vorhang auf der kleinen Bühne im Vestibül des Wiener Burgtheaters aufgeht. Am erstmöglichen Tag nach Lockdown 4 bzw. in Österreichs Ostregion sogar Nummer 5, feiert die Tragikomödie „Monster“ (des schottischen Autors David Greig, 2014 mit dem deutschen Jugendtheaterpreis ausgezeichnet) für junges Publikum (ab 13) vor fast ausschließlich erwachsenem Publikum spielfreudige, wenngleich noch nicht ganz eingespielte umjubelte Premiere.

Wie der tödliche Motorradunfall der Mutter von Duck (Max-Reinhardt-Studentin Caroline Baas) – benannt nach einem Kult-Bike (Ducati) „nur“ als Geräusch vermittelt wird, so spielen sich viele Dinge in den rund 1 ½ Stunden unsichtbar und doch so deutlich miterlebbar durch Schauspiel und Andeutungen ab.

Spiel- und Wortwitz

Übrigens bezieht sich der Titel des Stücks auf das genannte motorisierte Zweirad, das im nicht sichtbaren Vorzimmer steht. Auch das ausschließlich dadurch wahrzunehmen, wenn sich die Jugendliche ihre Zehen daran stößt und lautstark „Aua“ rufend ins Wohnzimmer kommt. Dort reicht eine knallrote Kunststoff-Lack-Sitzgarnitur (Bühne: Anneliese Neudecker, Kostüme Elena Kreuzberger), dann und wann um 90 oder 180 Grad gedreht, um die enge tragische Welt von Tochter und Vater (Rainer Galke) zu möblieren.

Der Vater ist an Multiple Sklerose erkrankt, erleidet einen Schub nach dem anderen, wird fast blind – verdeutlicht dadurch, dass er die Tochter immer wieder bittet, das Licht aufzudrehen, das schon leuchtet. Mehr als körperlich verfällt er aber psychisch und emotional. Essen vergammelter Reste aus unsichtbaren Pizzakartons, Chaos, „Gras“. Und dann kündigt sich Linda Underhill vom Jugend- und Sozialamt an. Aus Angst, „in Betreuung“ geschickt zu werden, bietet Duck all ihre Kraft auf, den Vater fit für ein Gespräch zu machen, das der Beamtin signalisiert „wir haben unser Leben gut im Griff“.

Komik lockert Tragödie auf

In diese tragische Ausgangssituation schrieb der Autor (Übersetzung Barbara Christ) viele urkomische Situationen und Dialogen womit aus der Tragödie die meiste Zeit eine Komödie wird (Regie: Felix Metzner).

Sehnsucht nach „Normalität“, was immer das auch sein mag, wie die beiden auch ansatzweise diese Frage aufwerfen, scheint ihr doch sehr wichtig zu sein. Aus dem tristen Alltag entflieht sie durch ihre eigene schriftstellerische Fantasie in eine prinzessinnen-, heldinnenhafte Traumwelt. Baas spielt beide Rollen ein wenig entrückt und souverän, Chefin über das Geschehen – mit doch einem Anflug von Überforderung in der realen Welt. Und lässt damit – obwohl das Stück (2010 geschrieben) das natürlich nicht im Geringsten ahnen konnte – ein wenig anklingen, was viele Jugendliche seit fast zwei Jahren erleben (müssen): Die eigene Jugend nicht ausleben dürfen und „grundvernünftig“ sein müssen.

Doppelrollen

Das dominierende, eingespielte Vater-Tochter-Duo wird nicht nur durch die in Erscheinung tretende Linda Underhill bereichert, die zwar streng im Auftreten aber doch eine soziale Ader anklingen lässt. Katharina Pichler kommt aber schon unvermutet „zu früh“ – allerdings als schräge, anarchistische Agneta aus dem norwegischen Trondheim. Als Agneta ist Pichler einer umwerfende Wucht. Sie ist (mehr als) eine Bekannte des Vaters aus einem Online-Rollenspiel, in das er Nacht für Nacht kippt – wofür die Sehkraft zu reichen scheint.

Das Bühnen-Quartett vollständig macht ein Studienkollege der Duck-Darstellerin, Jonas Graber. Einerseits ist er eine teuflische „Fee der Katastrophe“, der immer wieder auftaucht, um Duck den nächsten Tiefschlag anzukündigen. Dann wiederum erscheint er in der Rolle eines Mitschülers, Lawrence Lofthouse – für verlegene Situationen sorgend und mit einem jenseitigen Anliegen: Weil er sich leidenschaftlich für Mode und deren Design interessiert, habe er den Ruf, schwul zu sein. Diesen Ruf will er zerstören, Duck soll ihm dabei helfen. Obwohl sein Ansinnen mehr als übergriffig ist, transportiert er dieses so, dass ihn Duck so gar nicht abstoßend findet.

Ende wieder Motorrad und Mopedfahrt mit einem Scheinwerfer in der Hand – und Unfallgeräuschen aus dem Off.

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INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Monster

David Greig
Deutsch von Barbara Christ
Ab 13 Jahren; ca. 1 1/2 Stunden

Cast
Duck: Caroline Baas
Vater: Rainer Galke
Katastrophe-Fee/ Lawrence Lofthouse: Jonas Graber
Jugendamts-Frau Linda Underhill/ Agneta, die analog auftauchende Internet-Bekanntschaft des Vaters: Katharina Pichler

Regie: Felix Metzner
Dramaturgie: Maike Müller
Bühne: Anneliese Neudecker
Kostüme: Elena Kreuzberger
Licht: Mathias Mohor
Ton: Christian Strnad, Andreas Zohner
Bühnentechnik: Bernhard Bultmann, Manfred widmann
Requiiste: Christian Kraus

Regiehospitanz, choreografische Unterstützung: Serina Wieser
Bühnenbild-Hospitanz: Irina de Faveri
Kostümhospitanz: Thea Sophie Beck
Inspizienz: Stefanie Schmitt
Soufflage: Yasmine Steyrleithner

Wann & wo?

Nächste Vorstellung: 29. Dezember 2021
Burgtheater, Vestibül: 1010, Universitätsring 2
Telefon: 01 51444 – 4545

burgtheater -> Monster

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