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Szenenfoto aus "Früchte des Zorns" im Werk X-Meidling
Szenenfoto aus "Früchte des Zorns" im Werk X-Meidling
15.04.2022

Brutaler Überlebenskampf einst – und noch immer

John Steinbecks „Früchte des Zorns“: Ein Roman-Klassiker über den Gegensatz von Besitzenden und Besitzlosen in einer der wenigen Theaterfassungen im Werk X (Wien-Meidling).

Ein TV-Monitor und Schauspieler:innen die von Land zu Land zappen, um in die jeweilige Version der Casting-Show Voice of … reinzuschauen und -hören – von Deutschland über Albanien bis zur Türkei stellen zu Beginn den irgendwie skurril anmutenden Bogen zu hier und heute – und überall auf der Welt her. Von jenseits eines recht abgenutzt wirkenden schräg nach oben reichenden Förderbandes, wirft ein Kollege, der damit kämpft, ein Zelt aufzubauen, immer neue Länder ein, in denen die Show auch (angeblich) läuft wie Kambodscha, Mongolei… Zwischendurch streuen sie Sätze rund um Flucht und Vertreibung ein.

So der Einstieg in eine der wenigen Theaterversionen eines weltberühmten, seit geraumer Zeit eher fast vergessenen Romans: „Früchte des Zorns“ (etwa noch am 15. April 2022 im Wiener Theater Werk X-Meidling kompakt, dicht und doch die wesentlichen Inhalte samt der Grundstimmung spielfreudig umgesetzt – siehe Info-Box).

Kurz zusammengefasst die Story – für jene, die den Roman nicht kennen

Zunächst für jene, die den Klassiker nicht kennen, andere können diese Absätzen überspringen: Dürre macht – noch dazu in den Jahren nach der großen Banken-Crash in den Jahren der Wirtschaftsdepression das Land im US-Bundesstaat Oklahoma trocken und unfruchtbar. Landarbeiter haben keine Jobs, zu 100.000en machen sie sich auf in den Westen. In Kalifornien, so die Nachrichten, würden massenweise Arbeiter gesucht. Über die legendär geworden Route 66 ziehen sie zu Fuß, in Pferdewage, in alten Autos… Der Schriftsteller John Steinbeck recherchierte unter diesen vertriebenen Wanderarbeitern, Binnenflüchtlingen, verfasste 1936 dazu einige zeitungs-Reportagen. Daraus baute er in der Folge auf rund 530 Seiten seine handelnden Personen, fiktive Figuren rund um eine Familie Joad, in die er aber viele reale Geschichten verpackte. Brutal von den Grundbesitzern in der Heimat vertrieben, unterwegs und erst recht im „gelobten“ Land ebenso ausgebeutet. Die neuen Herren im Westen nutzten die Massen Ankommender aus, um Löhne in Richtung knapp über Null zu drücken.

Der Autor beschreibt alles sehr plastisch, oft Details seitenweise und doch nie langweilig. Mitunter bleibt dir angesichts der beschriebenen Trockenheit selbst die Luft weg. Schon im Jahr nach dem Erscheinen bekam Steinbeck den renommierten Pulitzer-Preis, deutlich später (1962) den Literaturnobelpreis, aber bereits 1940 wurde „Früchte des Zorns“ prominent verfilmt – von Regisseur John Ford mit Henry Fonda als Tom Joad, John Carradine als Jim Casy (ehemaliger Prediger) und Jane Darwell als Mutter/Ehefrau Joad.

Seinerzeitige Reaktionen

Dem großen Zuspruch auf der einen Seite standen Attacken auf der anderen Seite gegenüber, Steinbeck würde die Massen aufhetzen, bis hin zu Bücherverbrennungen gingen die Forderungen der Landbesitzer. Der Autor bringt immer wieder die Gegebenheiten oft in kurzen, knappen Sätzen auf den Punkt, etwa: „Denn die Eigenschaft des Besitzens versteinert dich für immer in ein »Ich« und schneidet dich für immer ab vom »Wir«.“

Aktuelle Umsetzung in Meidling

Die ins Heute und Überall gerückte Szene von kultureller Globalisierung ist oben schon beschrieben. Zusätzlich bringen die Schauspieler:innen hin und wieder viele (Erst-)sprachen ein: Dari (Afghanistan) Rumänisch, Tschechisch, Yoruba (Nigeria), Englisch und Russisch. Danach geht’s in die „alte“ und doch – leider – so zeitlose Geschichte. Die einen, die sich zusammenpacken müssen, um der Arbeit und damit Lebensgrundlagen nachzuhecheln und die anderen, die anderen, die vertreiben und ausbeuten (Inszenierung: Harald Posch). Dass dies nicht von Genen, sondern von Lebensumständen abhängt wird subtil durch Rollenwechsel deutlich. So wird Barča Baxant einerseits zur Joad-Tochter Rose, die – möglicherweise auch durch den Hunger ausgelöste – Totgeburt erleidet. Und andererseits zur brutalen Farmer-Security, die Hungernde und Dürstende ausgerechnet mittels heftigem Wasserstrahl vertreibt. Nikita Dendl gibt mit Al sowohl einen der Joad-Söhne als auch einen skrupellosen Arbeits-Ausbeuter.

Schlussfolgerungen

Nicht alle switchen, wenngleich etwa Martin Hemmer als ehemaliger Prediger Jim Casy wie im Buch auch danach der wortgewaltige Erklärer bleibt, mitunter zur E-Gitarre greift und die von Steinbeck in den Roman eingebetteten (gesellschafts-)politischen Schlussfolgerungen als Sprechgesang wie Kommentare zum Besten gibt.

Oana Solomon wird als Ma (Mutter Joad) zur Zentralfigur der Familie, wie gerade in Krisensituationen oft Frauen diese Rolle übernehmen. Den Vater spielt Ayo Aloba. In den jungen Tom, der eben auf Bewährung aus dem Gefängnis gekommen ist und immer wieder auszuckt, weil er Ungerechtigkeit nicht ertragen kann, schlüpft Sebastian Wendelin. Mehrere Rollen – von einem der Joad-Söhne bis zu befreundeten Mitwanderern – füllt Bagher Ahmadi aus, der in manchen Szenen auch seine zusätzliche Stunt-Ausbildung andeuten kann.

Gleichbleibender Gegensatz

Insgesamt vermitteln die eineinhalb Stunden die schon von Steinbeck krass und berührend beschriebene Ungleichheit zwischen Besitzenden und Besitzlosen, also den Kapitalismus. Die Inszenierung, die Spielfreude nehmen mit. Dazu trägt nicht zuletzt das faszinierende Ambiente mit dem alten Förderband und der hohen, glitschigen Wand bei, die kaum zu erklimmen ist (Bühne & Kostüm: Daniel Sommergruber). Und die auch körperlich argen Szenen des Wegspritzens von oben oder die heftigen Auseinandersetzungen – am ärgsten jene hinter der Wand wo „nur“ die Geräusche zu hören sind, lassen immer wieder den Atem stocken.

Nur Steinbecks Schlussfolgerung, je ärger die Verhältnisse, desto größer der Widerstand in Richtung Veränderung der hat sich bisher leider nicht so erfüllt. Wie in so manch anderen grundlegenden Dingen, hat die Menschheit aus richtigen Erkenntnissen noch lange nicht die wichtigen Lehren gezogen.  

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https://youtu.be/eZOv8oOthq0
Titelseite des buches
Titelseite des Buches, deutschsprachige Taschenbuchversion
INFOS: WAS? WER? WANN? WO? UND BUCH-INFOS

Früchte des Zorns

Schauspiel in drei Akten nach dem Roman von John Steinbeck
1 ½ Stunden

Für die Bühne adaptiert von Frank Galati
Inszenierung: Harald Posch
1 ½ Stunden

Es spielen
Rose von Sharon, Schwiegertochter der Joads/ Vertreiberin von „Landstreichern“: Barča Baxant
Ma, Ehefrau und Mutter Joad: Oana Solomon
Winfield, eines der Joads-Kinder, außerdem Floyd/ Muley u.a.: Bagher Ahmadi
Pa, der alte Joad: Ayo Aloba
Al Joad, Bruder von Tom / Aufseher über die Arbeiter u.a.: Nikita Dendl
Jim Casy, ehemaliger Prediger: Martin Hemmer
Der junge Tom Joad: Sebastian Wendelin

Bühne & Kostüm: Daniel Sommergruber
Dramaturgie: Hannah Lioba Egenolf
Regieassistenz: Alina Hainig
Dramaturgiehospitanz & Recherche: Hannah Grobauer
Bühnen & Kostümassistenz: Silvia Aguilar

Aufführungsrechte: Ahn und Simrock Bühnen- und Musikverlag

Wann & wo?

15. April 2022
Werk X-Meidling: 1120, Oswaldgasse 35A
werk-x -> fruechte-des-zorns/

Buch-Infos

Text: John Steinbeck
Übersetzung ins Deutsche: Klaus Lambrecht
Früchte des Zorns
530 Seiten
dtv
13,95 €