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Szenenfoto aus "Das Geheimnis der wilden Gans"
Szenenfoto aus "Das Geheimnis der wilden Gans"
08.09.2021

Ge- und beflügelnde Reise zum Fremden in der Welt

Zum 33. Mal zeigt „Luaga & Losna“ in Vorarlberg internationales und heimisches Theater für junges Publikum.

Drei bunte, clowneske Typen – unterschiedliche, jeweils starke und doch oft zu schweben scheinende Charaktere – gehen ihre Wege. Immer wieder treffen sie aufeinander. Ihre Verbindung: Sie alle suchen – etwas, das ihnen jeweils ganz, ganz wichtig ist. Gemeinsam spielen sie die Märchenfabel „Das Geheimnis der wilden Gans“ als Schauspieler und Musiker. Mit diesem wahren Juwel startete das 33. Internationale Theaterfestival für ein junges Publikum im Vorarlberg, „Luaga & Losna“ (Übersetzung vom Gsi-Bergischen ins Hochdeutsche: Schauen und hören) – in der letzten Ferienwoche (der ersten Schulwoche in Ostösterreich) – noch bis 11. September mit jeweils täglich zwei bis drei Stücken und Performances aus Österreich, der Schweiz und Deutschland (siehe Link und Infos).

Schatztruhe

Juwel deswegen, weil sie in dieser rund ¾-stündigen Aufführung das Publikum be- und verzaubern – selbst etliche viel jüngere Kinder als vorgesehen (ab 5 Jahren) und so „nebenbei“ wichtige Botschaften transportieren, sondern einen wahren Schatz geborgen haben. Selbst jahrzehntelange Fachleute des Kindertheaters kannten den Ausgangstext dieses Mixes aus Märchen und Fabel nicht.  Es handelt sich um eine Märchenfabel „Die weisen Tiere“ – geschrieben von der großen Philosophin und Politikwissenschafterin Hannah Arendt. Selbst intensive Suche im Internet fördert sie nicht zutage, wurde auch noch nie veröffentlicht. Zufällig ausgegraben hat sie ein Mitarbeiter des Theaters Agora aus der deutschsprachigen Minderheit in Belgien beim Studium in New Yorker Archiven.

Szenenfoto aus

DIE besondere Gans

Die Grundgeschichte: Ein kleines Mädchen hütete in einem Dorf Gänse. Eines Tages taucht eine ganz besondere neue Gans auf – mit einem schwarzen Fleck auf der Brust. So unvermittelt wie sie da war, verschwindet sie auch wieder. Das Mädchen läuft ihr spontan nach… eine lange Reise, die sie aus dem Dorf in die große, weite Welt führt. Eine besonders spannende Version einer Coming-of-Age-Story und einer über die Faszination des Fremden, des Ungewöhnlichen, des Suchens, Findens, der Begegnung mit immer neuen Wesen/Menschen, des Gewinnens von Vertrauen, Überwinden von Skepsis und Ängsten, Aufbruch zu neuen Ufern…

Witzig bis ungewöhnlich

All diese großen, ernsten Themen setzt das Team von Agora sehr verspielt, mit vielen witzigen Szenen, komischen Momenten und wunderbaren Percussions-Passagen um – auf selbst gebauten, vor allem einem sehr schrägen Instrument um. Dieses theatergruppe – aus der deutschsprachigen Ecke Belgiens – eignet sich jedes Stück in einem langen Prozess im Team an. Obwohl es sich in diesem Fall sehr stark an Hannah Arendts Text „Die weisen Tiere“ hält, werden die Figuren, wird die Geschichte zu jener von Matthias Weiland, Sascha Bauer und Nikita Zolotar (Regie von Catahrina Gadelha und Ania Miachaelis). Genauso Bestand„teil“ des Teams und damit der Inszenierung waren/sind aber auch der Musiker Wellington Barros, die Szenografin Céline Leuchter sowie die Kostümbildnerin Djuna Reiner.

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Tubofant

Neu in der Agora-Version ist der Vater des Mädchens (Nikita Zolotar), der sich auch die Suche nach seiner Tochter macht, die die Gans sucht. Damit ist natürlich auch ein Brief der Tochter an den Vater neu ausgedacht – passagenweise auf Russisch, einer Sprache, die der Schauspieler mitgebracht hat, der später zum geflügelten/beflügelnden Pferd Pegasus wird – das es schon im Original gibt. Ebenso wie den weißen Elefanten aus dem Ringelspiel (Karussel) aus dem Luxemburg-Garten in Paris. Dessen Besitzer (Sascha Bauer) spielt übrigens auf einem beeindruckenden Instrument, das die Gruppe selbst gebaut und benannt hat: Tubofant. Wie ineinander verschlungene Elefantenrüssel sind Kunststoff-Abflussrohre so zurecht gesägt worden, dass sie beim Schlagen auf die Löcher komplett gestimmte Töne erzeugen. Zolotar spielt auf einem kleinen Schlagzeug unter einem hohen Turm, der an jenen eines Bademeisters oder einer Tennis-Schiedsrichterin erinnert und der dritte im Bunde, Matthias Weiland, spielt auf einer Trimmel-„Boje“. Er sucht – die Geschichte und damit die Welt. Ohne Geschichte keine Welt, ohne Welt keine Geschichte. Diese philosophische Überlegung, die damit auch mit dem Stück und seiner Entstehung selber spielt, ist übrigens auch von Agora neu hinzugefügt.

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Aus dem original hingegen ziemlich 1:1 übernommen sind die biblischen Fabeln vom Kamel, das eher durch ein Nadelöhr geht als dass ein Reicher in den Himmel kommt sowie jene vom Lamm und dem Löwen, die friedlich nebeneinander liegen und die von der zischenden, tratschenden Schlange, die für Zweitracht sorgt …

Hannah Arendt dachte sich die Märchenfabel übrigens für jüdische Kinder aus, die schon aus Nazi-Deutschland flüchten mussten und die sie in Frankreich betreute, bevor diese nach Palästina in Sicherheit gebracht werden konnten und sie selbst in die USA flüchten konnte.

Follow@kiJuKUheinz

Compliance-Hinweis: Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … wurde vom Festival Luaga & Losna eingeladen.

INFOS: WAS? WER?

Das Geheimnis der wilden Gans

nach der Märchenfabel „Die weisen Tiere“ von Hannah Arendt
Agora Theater (Belgien)

Regie: Catharina Gadelha & Ania Michaelis
Spiel: Sascha Bauer, Matthias Weiland, Nikita Zolotar
Musik: Wellington Barros
Szenografie: Céline Leuchter
Kostüme: Djuna Reiner.

Luaga & Losna

33. Internationales Theaterfestival für ein junges Publikum + 26. Dramatiker_innenbörse
7. bis 11. September 2021
Feldkirch und Nenzing, Vorarlberg
luagalosna

Festivalprogramm

Szenenfoto aus "Lust"
11.03.2022

Viva la Vulva!

2 Fotos, auf einem 4 Menschen mit Protestafeln gegen die Sperre von Kultur; auf dem anderen Publikum auf der Straße vor einer kleinen Bühne