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Szenenfoto aus "A Human Race"
Szenenfoto aus "A Human Race"
30.09.2021

Grenzen sind da, um über-tanzt zu werden

„A Human Race“ – internationale Krump-Gruppe aus Berlin fasziniert (jugendliches) Publikum im Dschungel Wien.

Ein riesiger Kreis aus hellem Sand mit vielen dunklen Einsprengseln dominiert die Bühne, wenn das Publikum Saal 1 (den größten) im Theaterhaus Dschungel Wien für die Vorstellung der „Tanzkomplizen“ (Deutschland) betritt. Exakt ist die schmale dreiecksförmig nach oben zulaufende Umrandung ausgerichtet.

Dann totales Black. Alles in Dunkel gehüllt. Bevor der erste Licht-Spot angeht und ein Tänzer außerhalb des Kreises mit Bewegungen in Erscheinung tritt. Zunächst einmal lässt er vor allem Arme, Hände und ein bisschen den Oberkörper tanzen. Weniger als eine Vierteldrehung weiter der nächste Lichtkegel. Dasselbe, und doch wiederum nicht. (Ganz) andere Bewegungen. Was sich wiederholt bis alle fünf Tänzer:innen der rund ¾-stündigen intensiven Performance „A Human Race“ (Eine menschliche Rasse; Choreografie: Grichka Caruge) vorgestellt sind: Luka Austin Seydou aka Kid NY, Solomon Quaynoo (Big Liveness, Twinn Wave), Rochdi Alexander Schmitt (Focuz), Mark Sheats (Brui5er, JNY5), Émilie Ouedraogo Spencer (Lady Madskillz).

Szenenfoto aus

Überraschung

Alles noch ohne Musik vorerst. Und dann die Überraschung – für jene, die den Programmzettel oder die Online-Infos nicht vorher gelesen haben. Denn statt erwarteter Hip-Hop-Rhythmen erklingt klassische Musik: Igor Strawinskys „Le sacre du printemps“ (Das Ritual des Frühlings(erwachens).

Zaghafte Versuche, Füße über die sandige Grenze zu heben – vorerst nur in der Luft. Es dauert, bis eine nach dem anderen sozusagen Mut und Kraft aufbringt, den ganz kleinen und doch so großen Wall zu überschreiten. Im Inneren des Kreises wird die Grenze nun aber wieder zur Mauer des Eingesperrtseins. Auch in die Gegenrichtung ist’s nicht leichter. Und in der Enge kommt es nicht nur zur Verschwesterung/Verbrüderung, sondern auch zu ganz massiven Kämpfen gegeneinander. Mitunter ganz schön wild, heftig, aggro, fast brutal. Und dann doch wieder zum Miteinander finden, ohne selbst bei und nach synchronen Passagen miteinander zu verschmelzen.

Kollektiv von Individuen

Auch in der Gruppe bleibt jede und jeder ein eigenständiges Wesen, ein Individuum. Doch die Grenzen zu durchbrechen, den Sand-Kreis zu zerstören, sozusagen Brücken oder Wege vom Drinnen ins Draußen und umgekehrt zu schaffen bis der Grenzkreis letztlich gänzlich aufgelöst, der weite Teile des Bühnenbodens bedeckt, damit gespielt wird – wie zwischendurch auch mit der kappe eines der Tänzer.

Szenenfoto aus

KRUMP

Der Stil, den die „Tanzkomplizen“ mitgebracht haben ist ein ziemlich junger, keine 30 Jahre alt und heißt KRUMP (Kingdom Radically Uplifted Maighty Praised – durch mächtiges Lob erhöhtes Königreich). Entstanden in Los Angeles (USA) in sogenannten Brennpunktvierteln als Verarbeitung von und Ausweg aus Gewalt bei gleichzeitig gewaltigem Protest gegen Rassismus, Unterdrückung, Diskriminierung usw., wurde er anfangs – vor allem in Frankreich von der Hip*Hop-Szene massiv abgelehnt.

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Einst Skandalmusik

Und das verbindet diese Tanzrichtung wiederum mit diesem klassischen Werk Strawinskys. Die Wucht, Kraft, Energie des aufkommenden Frühlings, mitunter furchteinflößende und kaum zuvor gekannte Klänge und Töne sowie Tanz-Bewegungen ließ die Pariser Premiere im Jahr 1913 zum Skandal werden.

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DIE Freiheit

Die Tänzer:innen nicht nur dieser Produktion, die auch verschiedenste Tanzstile kennen und ausgeführt haben, sagen mehr oder minder allesamt, KRUMP ist für sie DIE Freiheit, Wahrhaftigkeit, die Möglich-, aber auch Notwendigkeit, innerste Gefühle auszudrücken, „organisiertes Chaos“, nannte es einer der Tänzer:innen. Alle erzählen auch, dass die doch noch relativ kleine Szene weltweit sich sehr solidarisch verbunden fühlt. Trotz Battle-Elementen in Performances oder auch Weltmeisterschaften, herrscht weniger Konkurrenz als Kooperation, ein gegenseitiges voneinander lernen. Und, so Lady Madskillz (Émilie Ouedraogo Spencer) aus Paris auf nachfrage von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … „auch wenn hier nur eine Frau neben vier Männern auf der Bühne ist, in der Szene gibt es viele Krumperinnen“.

Follow@kiJuKUheinz

Links zu Hintergründen von KRUMP sowie dieser Produktion – unter im Info-Kasten.

INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

A Human Race

The Rite of Krump
Tanzkomplizen (Deutschland)
Ab 13 Jahren; ¾ Stunde

Choreografie: Grichka Caruge
Tanz: Luka Austin Seydou (Kid NY), Solomon Quaynoo (Big Liveness, Twinn Wave), Rochdi Alexander Schmitt (Focuz), Mark Sheats (Brui5er, JNY5), Émilie Ouedraogo Spencer (Lady Madskillz)
Dramaturgie: Livia Patrizi
Musik: Le sacre du printemps von Igor Strawinsky (1913)
Produktionsleitung: Carola Söllner
Ausstattung: Silvia Albarella
Licht: Arnaud Poumarat

Wann & wo?

30. September, 19.30 Uhr
Dschungel Wien: 1070, MuseumsQuartier
Telefon: 01 522 07 20 20
dschungelwien -> A human race

tanzkomplizen -> Begleitmaterial

tanzkomplizen – > Dossier

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