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Bilder aus dem Projektvideo
Bilder aus dem Projektvideo
24.09.2021

Jutkas Schlaflosigkeit – (Schatten-)Theaterszenen über das jüdische Ghetto von Łódź

Jugendliche einer Schule für besondere Bedürfnisse spielen seit Jahren Szenen über ein jahrzehntelang verschwiegenes Kapitel dieser polnischen Stadt beim internationalen, inklusiven Theatertreffen.

Während das Warschauer Ghetto als Art Freiluft-Konzentrationslager allgemein bekannt ist, wurde über jenes von Łódź (1939 bis 1944, ab April 1940 in Litzmannstadt umbenannt) rund 70 Jahre lang der Mantel des Schweigens gehüllt. Seit rund zehn Jahren wird es thematisiert. Neben historischen Dokumenten und Forschungen hat Dorota Combrzyńska-Nogala mit Schatten-Zeichnungen von Joanna Rusinek Ein Kinderbuch dazu verfasst: „Bezsenność Jutki“, (noch?) nicht auf Deutsch übersetzt, der Titel bedeutet Jutkas Schlaflosigkeit.

Hinter Mauern und Stacheldraht

Durften die hierher zwangsumgesiedelten Jüdinnen und Juden – nur abgeriegelt durch eine Mauer mit Stacheldraht in diesem Stadtviertel namens Bałuty ein unter diesen Bedingungen halbwegs normales Leben führen – wenngleich dieses jüdische Viertel schon vorher von der Stadtverwaltung vernachlässigt und damit in Sachen Strom, Ga, Kanal unterversorgt war, so führten die faschistischen Besatzer immer einschränkendere Regeln ein. Bald durften die Menschen kaum mehr auf die Straße, zu essen gab’s fast nichts. Kinder, die Hunger hatten, wurden vertröstet, „vielleicht gibt es morgen was zum Frühstück!“ Manche Menschen von außerhalb dieses Freiluftgefängnisses versuchten zu helfen – was genauso gefährlich war, wie von drinnen nach draußen zu gelangen. Vom Ghetto aus wurden die Eingesperrten in die Nazi-Vernichtungslager Kulmhof, Auschwitz II, Majdanek, Treblinka und Sobibor verfrachtet. Aber auch schon im Ghetto selbst wurden viele Menschen ermordet oder starben an Hunger…

Geschichten übers Leben der Kinder im Ghetto

Die Hauptfigur des Buches, die ein historische Vorbild haben dürfte – zumindest wurde diese Geschichte immer wieder erzählt – ist ein sehr junges Mädchen, das aus dem Ghetto geschmuggelt werden soll. Dafür wird es mit Medikamenten ruhig gestellt. Es darf ja keinen Mucks machen, um den Rettungsversuch nicht zum Scheitern zu bringen.

Kinder der Specjalnego Ośrodka szkolno Wychowawczego Nr 6, einer Schule, in der unter anderem Kinder mit Sehschwächen bis Blindheit unterrichtet werden, haben vor vier und fünf Jahren begonnen, sich gemeinsam mit Pädagog:innen, federführend einer Musiklehrerin, mit dem Buch, Jutkas Geschichte und jener des Ghettos zu beschäftigen. Daraus entwickelten sie ein Theaterstück, das sie schon mehrmals aufgeführt haben. Ausschnitte einer Aufzeichnung – samt Übersetzung in Gebärdensprache – wurden beim – hier schon in mehreren Beiträgen vorgekommenen – internationalen inklusiven Theatertreffen in eben dieser polnischen Stadt gezeigt.

Jahrelanges Projekt

Für sie seien all diese Geschichten aus der Geschichte ihrer Heimatstadt neu gewesen, sagen Kinga Błaszczyk und Robert Wijas zu Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … „Ein bisschen was von der Geschichte hatten wir davon schon gehört, aber nicht, wie schrecklich es für die Kinder wirklich war.“ Als sie mit der Arbeit daran begonnen hatten, waren sie 12 bzw. 13 Jahre. „Das war für uns alle schon schwer zu verkraften“, so die beiden. Gemeinsam mit Tomek Marciniak, Ewelina Czyewicz, Karolina Stachowiak und ihren Lehrerinnen Hania Jastrzebokgzella (Projektleiterin) sowie Marta Crajoyrisko stellten sie bei der genannten internationalen Begegnung ihr Projekt, das Buch und die Aufzeichnungs-Ausschnitte vor. In diesen kam auch vor, die größte Schwierigkeit für das Theaterstück war, „niemand wollte die Nazi-Wächter spielen“. So manches wurde dann über Schattenspiel gelöst.

Fäden knüpfen

Kurze Schattenszenen hatte auch die zweitgenannte Lehrerin gegen Ende eines sinnlich-erlebbaren Workshops gespielt, der damit begonnen hatte, dass die Teilnehmer:innen an den Wänden im Kreis sitzen und in der Mitte auf dem Boden ein schwarzes Stück Stoff liegt. Entfernt erinnerte es an ein Herz, sollte aber den Grundriss der Stadt Łódź darstellen. Sternförmig davon ausgehend lagen Wollfäden auf dem Boden. Jede und jeder nahm sich einen solchen – und alle begannen, diese zu verknüpfen. Und plötzlich war aus den vereinzelten Teilnehmer:innen, die aus den unterschiedlichsten Ländern hierher gekommen waren, eine im Kreis und durch verknüpfte Fäden verbundene Gemeinschaft geworden.

Spiel-Elemente mit Tiefgang

Die Gedanken und Gefühle zu diesem Faden, die nun geäußert wurden reichten eben von der in unterschiedlichen Wort-Bildern ausgedrückten Gemeinschaft bis zur Assoziation mit Märchen oder eben der besagten Stadt, die einst eine Hochburg der Textilindustrie war.

Es folgten weitere spielerische Elemente mit Tiefgang – etwa eine Art kleine Schatztruhe, die die meisten jeweils als Erinnerungsstücke identifizierten und zu denen sie sich kleine Geschichten ausdachten. Als die Projektleiterin Fliegerlärm einspielte, malte ein junger Schauspielschüler mit schwarzer Farbe das Wort Jude auf die dünne, durscheinende Leinwand, hinter der dann besagte Lehrerin Schattenszenen spielte.

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Compliance-Hinweis: Die Berichterstattung konnte/kann nur erfolgen, weil Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … im Rahmen des EU-Projekts von ARBOS auf diese Reise eingeladen worden ist.

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