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Szenenfoto aus "Es Kamel im Zirkus" von Cirque de Loin
Szenenfoto aus "Es Kamel im Zirkus" von Cirque de Loin
19.02.2022

Kamel und Clown hauen aus dem Zirkus ab

Auftakt zum dritten Schweizer Kindertheaterfestival „Jungspund“ in St. Gallen.

Popcorn-Duft liegt in der Luft, wenn die Zuschauer:innen den Saal betreten. Nein, wir sind nicht im Kino, sondern im ersten Stück beim diesjährigen Kindertheaterfestival „Jungspund“ im Schweizer St. Gallen. Geruch sowie die Maschine mit großem Glaskasten, die Maiskörner aufpoppen lässt, passen natürlich haargenau zum Stück. „Es Kamel im Zirkus“ eröffnete das Festival, das zum dritten Mal in dieser nur rund eine Zug-Stunde von Österreich entfernten Stadt (80.000 Einwohner:innen – mehr als St. Pölten, weniger als Klagenfurt) stattfindet, die alle zwei Jahre zum Treffpunkt der aktuellen Schweizer Kindertheater-Szene wird – mit Gäst:innen aus dem deutschsprachigen Ausland zwecks Vernetzung.

Trauriger Clown

Ein recht kleines Manegenrund ist auf der Bühne zu sehen, im Halbrund dahinter eine Vielzahl von Instrumenten: Gitarren, Cello, Akkordeon, ein Balafon (eine Art Xylofon mit Kürbissen als Klangkörper). Und dann betritt ein Clown (Michael Finger) das Zirkusrund, das heißt er stolpert mehr mit zwei Saxofonen in Händen und an den Mund gehalten. Die Musik hingegen kommt aus dem Off. Irgendwie traurig. Alles wirkt wie aus einem der kleinen, verarmten Wanderzirkusse.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Es Kamel im Zirkus“

Noch traurigeres Kamel

Dabei bleibt’s – das ist schon klar – nicht. Es muss ja noch das Kamel kommen – verspricht es doch der Titel des Stücks der Gruppe „Cirque de Loin“ – und der Kurztext im Programmheft. Dass es sich dabei nicht um ein echtes Tier handeln wird, ergibt sich nicht zuletzt aus der Kleinheit der Bühne. Klar, es wird ein Mensch das Höcker-Tier spielen. Überraschung: Eine Tänzerin (Choreografie: Günter Klingler) in Einhorn-Gewand (Kostüm, Ausstattung: Laura Oertle, Marisa Mayer) erobert die Bühne, sprich die Manege. Julia Anna Sattler stopft als erstes Unmengen von Popcorn in sich hinein. Frustfressen. Was tut sie hier? Was soll das? Wieso wurde sie aus ihrer Heimat hierher entführt, um im Kreis zu laufen mit dem Clown auf dem Rücken, der dort seine Faxen macht – was den auch nicht sonderlich zu freuen scheint.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Es Kamel im Zirkus“

Rollentausch

Ein wenig Abwechslung und ein bisschen Freude bringen sie sich selber – und dem Publikum als sie die vorgegebenen Rollen vertauschen: Einhorn-Kamel turnt auf Clowns Rücken. Aber auch das bringt’s nicht besonders lange. Das Kamel haut einfach ab, will zurück in die Heimat. Der Clown will seinen neuen Freund begleiten. Geht natürlich auch nicht so glatt, Streit. „Du nervst“… Und dennoch erleben sie, dass sie einander mögen, ja sich und die Freundschaft zueinander brauchen. Und eigentlich wird das ihre Heimat – das spüren sie innen drin.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Es Kamel im Zirkus“

Musik erfüllt die Luft

Die beiden bespielen natürlich nicht allein die Manege/Bühne. Die rundum stehenden und liegenden Instrumente werden selbstverständlich gespielt- und nicht nur als Hintergrundmusik, sondern unterstützend: Reto Amann switcht vom Schlagzeug zum Akkordeon und dann wiederum zu Gitarre sowie E-Gitarre, Lorena Dorizzi streicht das Cello und Adrian Egger wechselt zwischen Balafon und Schlagzeug. Dazu überrascht der Clown, in dem er nun doch die beiden Saxofone – nicht auf einmal – spielten kann.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Es Kamel im Zirkus“

Ernstes leicht verpackt

Eine insgesamt verspielte Zirkusgeschichte, in der das Quintett das doch recht ernste Thema Entwurzelung, Verlust von Heimat leicht verdaulich verpackt und doch nicht verniedlicht. Ein kleiner Moment ließ den Rezensenten aus der Geschichte kippen: Als das Kamel die Kinder im Publikum fragt, ob und welche Instrumente sie spielen – und als einige antworten und aufzählen, sie abstoppt und sagt, sie spiele aber lieber mit einer richtigen Band – und die genannten Musiker:innen einsetzen.

Viel Freude bereiten sie am Ende (nicht nur) den Kindern, indem jede und jeder beim Rausgehen einen mit Helium gefüllten roten Ballon mitbekommt und so die Lok-Remise, den spannenden Spielort, verlässt.

Follow@kiJuKUheinz

Compliance-Hinweis: Die Berichterstattung kann nur erfolgen, weil das Festival „Jungspund“ Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … für vier Tage nach St. Gallen eingeladen hat.

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INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Es Kamel im Zirkus

Cirque de Loin (St.Gallen/Bern/Appenzell Ausserrhoden)
Ab 6 Jahren; ca. 70 Minuten

Tanz = Kamel: Julia Anna Sattler
Stück, Musik, Singspiel = Clown: Michael Finger

Gitarre, Akkordeon, Percussion: Reto Ammann
Balafon, Percussion, Stimme: Adrian Egger
Cello, Stimme: Lorena Dorizzi
Choreografie: Günter Klingler
Kostüm, Ausstattung: Laura Oertle, Marisa Mayer

Oeil extérieur (dramaturgische Beratung): Newa Grawit & Noah Egli
Tondesign, Technik: Jonas Häni
Lichtdesign, Technik: Maria Liechti
Produktionsleitung: Rebecca C. Schnyder

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