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Schauspel-Duo in Polizei-Verkleidung: Laura Eichten und Nazim Dario Neunman. Sie spielen das Klassenzimmertheaterstück "Rage" (Wut)
Schauspel-Duo in Polizei-Verkleidung: Laura Eichten und Nazim Dario Neunman. Sie spielen das Klassenzimmertheaterstück "Rage" (Wut)
09.06.2021

„Kollektiv der Unmündigen“: Jugendliche treten in den Streik

„Rage“ (Wut) – ein Klassenzimmerstück vom Deutschen Theater Berlin lief am Vorabend des diesjährigen DRAMA|TIK|ER|INNEN|FESTIVAL in Graz.

Zwei Typen in Staubmänteln – wie sie vor Jahrzehnten typisch in Filmen auf Hunderte Meter gegen den Wind erkennbare (Geheim-)Polizisten (damals immer nur Männer) getragen haben, entern ein Klassenzimmer. Inklusive Aktenkoffer. Die Schauspielerin (Laura Eichten) trägt aufgeklebten, fetten Schnurrbart und gibt das Kommando. Der Kollege (Nazim Dario Neumann) ist nur Praktikant. Sie karikieren also offensichtlich ihren Job.

Dienstmarke zeigen und los geht’s. Wer weiß was über „Esther“. So nennt das Duo die Anführerin der neuen Bewegung „Kollektiv der Unmündigen“. Diese hat in den sozialen Medien ein „Rekrutierungsvideo“ veröffentlicht. Immer mehr Jugendliche schließen sich ihr an. Entziehen sich der Schule und ihren Eltern. Denn – so die Forderung – „wir sind 15 Prozent der Bevölkerung, aber unsere Meinung zählt nicht, ist nicht gefragt.“ Und so lange die Gesellschaft sie nicht mitreden, u.a. wählen lässt, so lange wollen sie sich aus der Gemeinschaft vertschüssen.

Schauspel-Duo in Polizei-Verkleidung: Laura Eichten und Nazim Dario Neunman. Sie spielen das Klassenzimmertheaterstück
Eines der Inszenierungsfotos

Kein Wahlrecht – das Klassenzimmerstück ist für Deutschland geschrieben, in Österreich gibt es immerhin schon seit einem Jahrzehnt das Wahlrecht ab 16 Jahren, wobei mittlerweile auf regionaler und lokaler Ebene auch in Deutschland 16-Jährige schon wählen dürfen. Aber in erster Linie werden Jugendliche nur als konsumierende Gruppe wahr- und für voll genommen, kritisiert die neue Bewegung. Ein wenig erinnert die Kampfmethode an die klassische griechische Komödie „Lysistrata“ des Dichters Aristophanes. Frauen der seit fast 20 Jahren sich bekriegenden Städte Sparta und Athen verbünden sich, treten in den Ehestreik und erzwingen so, dass ihre Männer Frieden schließen.

Zurück ins Klassenzimmer, wo „Rage“ (Wut) gespielt wird. Das Polizei-Duo will von Schüler*innen rauskriegen, ob sie Kontakt zu der Anführerin oder anderen Mitgliedern der Gruppe haben, oder wenigstens mehr wissen. Vom Schikanieren einer Einzelnen, Reinschauen in deren Insta-Account – samt schneller „Verwandlung“ für ein eigenes Posing-Foto, spannt sich der Bogen der „Ermittlungen“.

Schauspel-Duo in Polizei-Verkleidung: Laura Eichten und Nazim Dario Neunman. Sie spielen das Klassenzimmertheaterstück
Eines der Inszenierungsfotos

Könnte in einer echten Klasse wirklich spannend werden, in der Streaming-Version mit offenbar jugendlichen Schauspieler*innen – noch dazu sehr wenigen – kommt praktisch keine Dynamik der Interaktion auf.

Eine solche gab es im Vorfeld, bei der Stückentwicklung. „Wilke Weermann hatte mit Berliner Schüler*innen – Recherchereise durch fünf Berliner Schulklassen gemacht hat. Von Marzahn bis Pankow, von der 8. bis zur 12. Klasse – gesprochen, die für ihre Zukunft kämpfen. Aus dem Recherchematerial und Interviews entstand (nicht nur dieses) Stück über das politische Lebensgefühl junger Menschen“, heißt es im Text auf der Homepage des Deutschen Theaters. Wobei dieses Lebensgefühl im Stück nur aus zweiter Hand kommt – vermittelt über erwachsene Schauspieler*innen. Aber in echten Klassen können Jugendliche reagieren – und an das 3/4-stündige Stück schließt sich noch einmal eine Schulstunde der Reflexion und Diskussion an.

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DRAMA|TIK|ER|INNEN|FESTIVAL Graz

Das 5. internationale fragt Autor*innen, Theatermacher*innen und andere Künstler*innen: Welche Geschichten brauchen wir auf dem Weg ins ÜBERMORGEN und wie kommen wir dort hin? Wir suchen nach Theaterabenden, Texten und Fiktionen, die das Potenzial haben, Zukunft zu sein.

dramatikerinnenfestival

Compliance-Hinweise: Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … wurde für die Dauer des Festivals nach Graz eingeladen.

Szenenfoto aus "Lust"
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