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Szenenfoto aus "Fressen" im Theater Phönix in Linz
Szenenfoto aus "Fressen" im Theater Phönix in Linz
28.06.2021

Pfeif auf Schönheits-Normen, fühl dich wohl in deinem Körper

So lustvoll und lustig war kaum je ein Statement zu Body Positivism wie „Fressen“ von „Henrike Iglesias“.

Ein großes monsterartiges Maul mit spitzen Zähnen dominiert die Bühne im Hintergrund – links und rechts glitzernde Schnürlvorhänge. Aus dem Maul kommen die Darstellerinnen immer wieder – oder verschwinden in ihm. „Fressen“ heißt die mitreißende, lustvolle Show des queerfeministischen Theaterkollektivs Henrike Iglesias (Berlin und Basel) mit der genussvollen Botschaft: Pfeif auch alle dezidierten oder auch unausgesprochenen Ess-Verbote und Aussehens-Gebote. Fühl dich wohl in deinem Körper und lass dir keine Diäten aufschwatzen, einreden oder gar aufbrummen.

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Fleisch-Print und Küchen-Show

Botschaften, die selten zuvor so witzig und sinnlich „verbraten“ worden sind. In Fleisch-Print-Kostümen agiert das Trio, das auch beim Konzept mitgewirkt hat – Laura Naumann, Marielle Schavan, Sophia Schroth – zwischen Herd, Mikrowelle und Mixer. Sie spielen, kochen, mixen, tanzen, springen, reden, rufen, schreien sich Frust über vielfache Aussehens-Zwänge, mit denen sich noch immer vor allem Frauen konfrontiert sehen, von der Seele, von Leib und Herz.

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Wett(fr)essen

Dabei persiflieren sie Koch- und andere Show, starten beispielsweise mit einem Gurken-Wettessen – drei unterschiedliche Arten der Vorbereitung. Die eine hackt nach wildem Schälen wild und stopft die Stücke in den Mund, eine Zweite beißt von der ganzen Gurke möglichst große Stücke ab und die Dritte schummelt, indem sie beim Schälen die Gurke selber gleich viel dünner schneidet. Ach, Gurken haben, so dozieren die Performerinnen, „Minus-Kalorien“ – beim Verbrennen im Körper würden mehr Kalorien verbraucht, als das wässrige Gemüse hat.

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Lustvoll

Ein kleiner Sack voller Erdäpfel (neben Quitten und Sanddorn mitunter Zitronen des Nordens genannt) wird liebevoll wie ein Baby getragen und geschaukelt, bei einem Quizspiel „Wahrheit oder Wahrheit?!“ stopfen die Performerinnen Chips in sich bevor sie Chips mit Mayonnaise bestreichen und mehrere Schichten Senf-Chips schnabulieren. Halbwegs frisch gekochte Spaghetti al dente werden für eine des Trios zum absoluten Lustobjekt – sie verschlingt sie Händeweise und reibt sich den halben Körper damit fast erotisch ein.

Je mehr Verbote, desto kleiner die Welt.
Je mehr Gefühle, desto größer die Welt.

Aus „Fressen“ von henrike Iglesias
Szenenfoto aus

Auch wenn (fast) natürlich während der Performance im Kopf so mancher Zuschauer*innen vielleicht doch Gedanken auftauchen könnten/wahrscheinlich sogar würden wie angesichts von Hungernden nicht mit Essen zu spielen oder dass es auch gesundheitlich negative Folgen haben kann zu viel oder auch das Gegenteil zu wenig zu essen, das sind eben nicht Themen des Abends. Sie werden zwar ausgespart, dennoch keimt nie das Gefühl aus, sie würden ignoriert, der Fokus liegt eben auf was anderem: Lustvoll und lustig alle von außen auf eine/n einprasselnde Schönheits- und Aussehens-Normen über Bord zu werfen und sich daran zu machen, im eigenen Körper wohl zu fühlen.

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Auf die Fresse, fertig, los! – so das Kommando der drei Performerinnen, die auch das Konzept (mit-)entwickelt haben für einige der (Wett-)Spielchen in der Show, die sie damit beenden, dass sie alle möglichen Gemüse-, Obst-Stücke in den Mixer schmeißen und den „Smoothie“ in kleine Becherchen füllen und „ihr habt Glück, wegen der Covid-Maßnahmen dürfen wir die“ nicht mit euch teilen.

Follow@kiJuKUheinz

INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Fressen

Henrike Iglesias (Deutschland/Schweiz) in Koproduktion mit den Münchner Kammerspielen und dem jungen theater basel
Ab 12 Jahren; 70 Minuten

Konzept: Henrike Iglesias (Eva G. Alonso, Anna Fries, Laura Naumann, Malu Peeters, Marielle Schavan, Sophia Schroth)

Text/Performance: Sophia Schroth, Marielle Schavan, Laura Naumann

Licht & Videodesign: Eva G. Alonso
Musik & Sounddesign: Malu Peeters
Bühne: Anna Fries & Eva G. Alonso
Kostüme: Mascha Mihoa Bischoff
Dramaturgie: Anna Gschnitzer

Produktion: ehrliche arbeit – freies Kulturbüro

Trailer FRESSEN on Vimeo

Szenenfoto aus "Lust"
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