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Jugendliche Schauspielerin setzt einen Fuß vor den anderen in den Sand im Keller
Jugendliche Schauspielerin setzt einen Fuß vor den anderen in den Sand im Keller
04.05.2021

Theatersaal als Ausstellungsraum und kleinster Kinosaal in einem LKW

Begehbare Installation nach Ruth Klügers „weiter leben“ an vier Stationen in Wien-Leopoldstadt.

Im wohl kleinsten Kino der Welt – abgesehen von Heim-Kinos – zitiert ein Schauspieler ein reales Kino-Erlebnis der im Vorjahr verstorbenen Schriftstellerin und Literaturwissenschafterin Ruth Klüger von der Leinwand in einem umgebauten LKW.

Das Zitat und das Theaterfilm-Erlebnis für jeweils eine Person sind Teil einer begehbaren Installation an vier Orten, an denen Auszüge aus „weiter leben. Ein Jugend“ von Ruth Klüger in Projektionen szenischer Rezitationen gezeigt werden. Wie Volkstheater oder Oper, die zeitweise in Soft-Lockdown-Phasen als Museen für Publikum öffneten, spielen makemake produktionen und Theaterverein Odeon in Zusammenarbeit mit Hamakom/Theater Nestroyhof und Milieu Kino nun filmische Sequenzen an vier Orten in Form von kurzen Ausstellungsbesuchen.

Kino im LKW

Klüger muss, schrieb sie, ungefähr acht oder neun Jahre gewesen sein, wollte im Kino Walt Disneys Schneewittchen anschauen. Was scheinbar einfach Normales. Aber, es war nach 1938 und Ruth ein jüdisches Mädchen. Vieles war ihr verboten. Wer sollte schon auf ein kleines Mädchen achten? So meinte die Mutter. Und dann saß Ruth in der Nähe der Bäckersfamilie. Die waren Nazis. Und so bekam Ruth wenig vom Film mit, aber zitterte vor Angst. Blieb am ende lange sitzen, doch die Bäckerin auch.  

Im 1992 erschienen Buch „Weiter leben. Eine Jugend“ schrieb die Schriftstellerin, die als Kind die Konzentrationslager Theresienstadt und Auschwitz – letzteres nur durch einen Trick – überlebt hatte darüber dies: „… im Vollgefühl ihrer arischen Herkunft, wie es sich für ein BDM-Mädel schickte, und noch dazu in ihrem feinsten Hochdeutsch: »Weißt du, daß deinesgleichen hier nichts zu suchen hat? Juden ist der Eintritt ins Kino gesetzlich untersagt. Draußen steht’s beim Eingang an der Kasse. Hast du das gesehen?« Was blieb mir übrig, als die rhetorische Frage zu bejahen?

Das Märchen vom Schneewittchen läßt sich auf die Frage reduzieren, wer im Königsschloß etwas zu suchen hat und wer nicht. Die Bäckerstochter und ich folgten der vom Film vorgegebenen Formel. Sie, im eigenen Hause, den Spiegel ihrer rassischen Reinheit vor Augen, ich, auch an diesem Ort beheimatet, aber ohne Erlaubnis, und in diesem Augenblick ausgestoßen, erniedrigt und preisgegeben.“ (S. 37, Wallstein Verlag)

Es ist dies noch eine der „harmloseren“ Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen, denen sie als Kind ausgesetzt war – nur weil sie Jüdin war. Aber eine Szene, die schon junge Jugendliche sehr gut nachempfinden können. Aus solcher Empathie lässt sich der Mechanismus systematischer Abwertung und Ausgrenzung ziemlich gut verstehen.

Vier Orte

Das „Milieu Kino“ ist eine von vier Stationen der begehbaren Installation „weiter leben“. In einer umfangreichen Zusammenarbeit mehrere Theaterhäuser und -gruppen sind zentrale Passagen des Buches als Videos von szenischen Präsentationen der Textstellen zu erleben. Ursprünglich „natürlich“ gedacht, dass die vier Schauspieler*innen – Alireza Daryanavard, Martin Hemmer, Anne Wiederhold, Emma Wiederhold – zumindest kleinen Publikumsgruppen die literarisch verarbeiteten Szenen Klügers live vorspielen, war schon bald klar, so bald wird daraus nichts. Und so wurde beschlossen in der Regie von Sara Ostertag und Kathrin Herm diese szenischen Interpretationen zu filmen und an den vier Orten zu projizieren.

Überlebens-Trick und Gedichte als Rettung

Neben dem fahrbaren Kino sind der Saal im Hamakom/ Theater Nestroyhof sowie ein Nebenspielplatz des Theater Odeon und ein Keller im selben Gebäude weitere Installations-Orte. Letzterer ist besonders spooky, weil auf einer der Metalltüren Luftschutzbunker steht und in einem langen Gang des unverputzten Kellerganges drei Scheinwerfer leuchten, als käme ein Zug auf dich zu. Die Schauspieler*innen rezitieren szenisch von den Leinwänden aus Klügers Buch. Dazu gehören jene Szene in der die Autorin schilderte, mit welchem Trick sie als 13-Jährige letztlich doch der Selektion in die Vernichtung entgangen ist. Und wie sie eigene Gedichte, die sie ausschließlich im Kopf hatte, immer und immer wieder Mit-Häftlingen zu Gehör brachte. Das war ihr Hilfsmittel, psychisch zu überleben.

Follow@kiJuKUheinz

Zu Kritiken Jugendlicher einer Theaterversion von „weiter leben. Eine Jugend“ vor acht Jahren – damals noch im Kinder-KURIER geht es hier.

INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Weiter leben
Begehbare Installation nach Ruth Klüger
Koproduktion makemake produktionen & Theaterverein Odeon
In Kooperation mit Theater Nestroyhof / Hamakom & Milieu Kino

Regie: Sara Ostertag, Kathrin Herm
Spieler*innen: Alireza Daryanavard, Martin Hemmer, Anne Wiederhold, Emma Wiederhold
Videoregie, Videoproduktion, Schnitt: Alex Lazarov
Kamera: Clemens Hillinger, Alex Lazarov

Musik: Martin Hemmer
Ausstattung: Max Kaufmann, Eva Grün, Mirjam Mercedes Salzer
Bau & Bespielung Milieu Kino: Max Kaufmann

Dramaturgie: Anita Buchart
Tonmeister: Johannes Kollman
Colour Grading: Marin Lazarov
Regieassistenz: Luca Perfahl
Hospitanz: Lisanne Berton, Lena Knapp, Sabine Rechberger, Lisa Varouxis

Produktionsleitung: Julia Haas

Aufführungsrechte: Wallstein Verlag GmbH, Göttingen

Die begehbare Videoinstallation führt auch an Ort, die über (enge) Stiegen erreichbar sind, daher bedauert das Team, dass keine Barrierefreiheit möglich ist.
Weiteres wird empfohlen, wetterfeste, unempfindliche Kleidung zu tragen, da sich einige Stationen außerhalb des Theaters befinden. FFP2-Maskenpflicht an allen Spielorten.

Wann & wo?
Bis 20. Mai 2021
Beginnzeit jeweils 13.30, 15.30 und 17.30 Uhr
Start: Nestroyhof/Hamakom: 1020, Nestroyplatz 1
Telefon: 01 8900314
hamakom.at -> Tickets

makemake.at -> weiter-leben

Szenenfoto aus "Lust"
11.03.2022

Viva la Vulva!