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Szenenfoto aus "Bent" im Wiener Hamakom-Theater
Szenenfoto aus "Bent" im Wiener Hamakom-Theater
19.11.2022

Über (tödliche) Verfolgung Homosexueller

Klassisches Theaterstück „Bent“ hatte aktuelle Aufführungsserie im Wiener Hamakom-Theater und crowdfunded für Wiederaufnahme.

Vor einer halbrunden dschungelartig bemalten Wand (Bühne und Kostüm: Patrick Loibl) spielt sich Liebe und Tragödie ab. Zunächst im Berlin der Anfang 30er-Jahre des vorigen Jahrhunderts erleben wir Max und Rudy, die sich lieben. Letzterer ein Tänzer, ersterer ein flatterhaftes Wesen, der zusätzlich auch fremde Männer mit nach Hause nimmt. Zuletzt einen SA-Mann. Hitlers Schergen verfolgen diese nach einem angeblichen Putschversuch von deren Anführer Ernst Röhm.

Szenen-Probenfotos aus
Szenen-Probenfotos aus „Bent“ im Keller des Hamakom-Theaters

Sammeln für weitere Aufführungsserie

Aber noch gefährdeter sind Max und Rudy als offen Homosexuelle. Und ab mit ihnen in ein Konzentrationslager. Max verleugnet Rudy, ja auf Auftrag der SS schlägt er ihn sogar… „Bent“ von Martin Sherman, der aus dem Jahr 1979 stammende Klassiker, damals bahnbrechend in Sachen Verfolgung Homosexueller unter den Nazis, hatte nun eine Aufführungsserie im Wiener Hamakom-Theater. Und soll/will im kommenden Jahr wieder aufgenommen werden – wozu eine Crowdfunding-Kampagne der freien Gruppe „wirgehenschonmalvor“ läuft – Näheres im Info-Block am Ende dieses Beitrages.

Szenen-Probenfotos aus
Szenen-Probenfotos aus „Bent“ im Keller des Hamakom-Theaters

Verleugnen

Lieber den gelben Judenstern als den rosa Winkel, „Schwul“ stehen ganz unten in der Hierarchie auch in den Lagern. Aber Max kann sich verbergen aber seine natürlichen Gefühle kommen doch wieder hoch – gegenüber einem anderen Mann namens Horst – mit rosa Winkel. Eine heftige, intensive Liebes-Szene – aus der Distanz nur mit hoch-sexuellem Dialog. Und doch nie auch nur im Ansatz peinlich, was hier Nicolas Streit (Max) und Kai Götting (der sowohl erst Rudy als auch später eben Horst spielt).

Szenen-Probenfotos aus
Szenen-Probenfotos aus „Bent“ im Keller des Hamakom-Theaters

Rollen-Switches

Birgit Stöger schlüpft übrigens in noch viel mehr Rollen – unter anderem als grausamer und doch distanzierter ansatzweise karikaturhafter SS-Offizier, der hin und wieder auch aus der Rolle heraustritt und den historischen Zusammenhang – auch mit der weiteren Verfolgung Homosexueller nach der Nazizeit – zur Sprache bringt. Sie gibt aber auch die Femme fatale Greta in einem Berliner Klub (Musik: Antonia Matschnig) und einen schwulen Onkel, der schon auf die beginnende Verfolgung aufmerksam macht.

Keineswegs vergessen werden dürfen die Kompars:innen – Hannah Bolldorf, Nicole Haselbacher, Paulina Schabacker, Sebastian Schmidt, Aljosha Kovacic und Julian Weixlbaumer (der auch Wolf spielt, den SA-Mann, den Max mit nach Hause genommen hat) -, die immer wieder switchen: Von ganz schwarz gekleideten mit Leuchtmasken agierenden Helfer:innen des Leutnants, späteren SS-Offiziers bis hin zu „Steinen“, die von den KZ-Häftlingen geschleppt werden müssen.

Szenen-Probenfotos aus
Szenen-Probenfotos aus „Bent“ im Keller des Hamakom-Theaters

Der breitere Blick

Sozusagen in einer Art Prolog unterhalten sich die Schauspieler:innen über das Stück (Regie: Matthias Köhler) selbst, um auch darauf hinzuweisen oder auch in Frage zu stellen, ob es überhaupt zulässig wäre, andere aufgrund sexueller Orientierung Verfolgte auszusparen – lesbische Frauen, Trans- oder intergeschlechtliche Personen. Außerdem wird die strafrechtliche Verfolgung bis hin zu Gefängnis noch bis Anfang der 70er Jahre sowohl in Deutschland als auch in Österreich angeführt.

Und am Ende treten nach und nach alle auf die Bühne, um nach der fiktiven Geschichte von „Bent“ reale Namen ermordeter homosexueller Männer zu verlesen zu beginnen.

Bent …

… (der Originaltitel des Stücks) ist einerseits ein abwertender Begriff für Homosexuelle in manchen europäischen Ländern. Andererseits bedeutet er auch „gebrochen“. Zur Zeit der Uraufführung des Stückes gab es nur wenig wissenschaftliche und öffentliche Beachtung für die Verfolgung Homosexueller im Dritten Reich. Das Drama trug zur größeren Wahrnehmung des Themas in Öffentlichkeit und Forschung bei. Richard Gere verkörperte den Protagonisten in der ersten Broadway-Fassung 1980. Im selben Jahr wurde es unter Hans Gratzer im Wiener Schauspielhaus aufgeführt.

Und wie aktuell es noch immer – in etlichen Teilen der Welt – ist, zeigten die jüngsten Äußerungen des katarischen WM-Botschafters, der „Schwulsein als geistigen Schaden“ bezeichnete.

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INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Bent

von Martin Sherman
Eine Kooperation des Theater Nestroyhof Hamakom mit wirgehenschonmalvor

Text: Martin Sherman
Übersetzung: Olaf Roth

Regie: Matthias Köhler

Es spielen:
Rudy/ Horst: Kai Götting
Greta/ Freddie/ SS-Offizier/ Leutnant/ Lageraufseher: Birgit Stöger
Max: Nicolas Streit
Wolf: Julian Weixlbaumer
Komparserie: Hannah Bolldorf, Nicole Haselbacher, Paulina Schabacker, Sebastian Schmidt, Aljosha Kovacic, Julian Weixlbaumer

Bühne und Kostüm: Patrick Loibl
Musik: Antonia Matschnig
Dramaturie: Elena Höbarth
Regie-Assistenz: David Gees

Produktion: wirgehenschonmalvor

Dauer: 1 ¾ Stunden

Crowdfunding-Kampagne…

… für eine weitere Aufführungsserie im Wiener Hamakom-Theater

https://wemakeit.com/projects/bent

Szenenfoto aus "Lust"
11.03.2022

Viva la Vulva!