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Schauspielerin Jaschka Lämmert und Musikerin Anna Starzinger
Schauspielerin Jaschka Lämmert und Musikerin Anna Starzinger
23.05.2022

„Voll Hunger und voll Brot ist diese Erde…“

Ein berührender, bewegender Abend mit Texten des viel zu früh im KZ Buchenwald verstorbenen Dichters Jura Soyfer – mit unter die Haut gehender Musik-Begleitung.

„Voll Hunger und voll Brot ist diese Erde,
Voll Leben und voll Tod ist diese Erde…“

Diese Zeilen aus dem „Lied von der Erde“ aus „Weltungergang oder „Die Welt steht auf kein‘ Fall mehr lang“ standen am Beginn des Abends mit Texten von Jura Soyfer im Kultur-, Veranstaltungs- und Begegnungslokal „Spektakel“ in der Wiener Hamburger Straße. Weitere Abende folgen – aber aller Voraussicht nach erst im Herbst.

Viel zu wenige bekannt ist dieser höchst talentierte, sozialkritische, politische Schriftsteller, der das drohende, katastrophale Zeitgeschehen sensibel wahrnahm und „vorausahnte“. Mitte der 30er Jahre hatte der „Weltuntergang“ geschrieben, wenige Jahre vor dem 2. Weltkrieg und der Überziehung fast ganz Europas vom (deutschen) Faschismus.

Jura-Soyfer-Straße in Charkiw - 2019 aufgenommen - heute höchstwahrscheinlich sehr vom Krieg zerstört
Jura-Soyfer-Straße in Charkiw – 2019 aufgenommen – heute höchstwahrscheinlich sehr vom Krieg zerstört

Durfte nur 27 Jahre leben

Vor fast 110 Jahren in dem in den vergangenen Wochen wieder sehr bekannt gewordenen Charkiw (Charkow, heute Ukraine) geboren, wuchs er in Wien auf, besuchte das Gymnasium Hagenmüllergasse, wurde Marxist, erst beim Verband sozialistischer Mittelschüler, dann in der KPÖ. Erst von den Austrofaschisten 1937 verhaftet, 1938 im Februar freigelassen, beim Versuch nach dem „Anschluss“ in die Schweiz zu flüchten, verhaftet, erst ins KZ Dachau und später in jenes von Buchenwald eingesperrt, wo er im Februar 1939 an Typhus starb, den er sich als Zwangs-Leichenträger im Konzentrationslager geholt hatte. Im Alter von 27 Jahren. Überlebt haben viele seiner Werke. Und so manche seiner Briefe an seine Lebensgefährtin.

Jura Soyfer
Der Dichter Jura Soyfer

Breiter Bogen

Auszüge aus seinen vor allem Theatertexten und aus Briefen an Helli Ultmann, seine letzte Freundin, und seine frühere Freundin Maria Szécsi, die von viel Gefühl, aber auch (Galgen-)Humor zeugen, stellte Susanne Höhne (Regisseurin, Dramaturgin und Co-Gründerin des Vereins für darstellende Kunst „beseder-theater“) einen nicht ganz eineinhalb-stündigen Abend zusammen. Die Texte las dezent und doch stark präsent Jaschka Lämmert Schauspielerin an den Münchner Kammerspielen, Volkstheater Wien, Schauspielhaus Graz, Salzburger Festspiele, Garage X, Nestroyhof Hamakom sowie in diversen TV und Filmproduktionen). Immer wieder atmosphärisch untermalt von Streich- und Zupfklängen Anna Starzingers auf ihrem Cello. Aber nicht nur, manchmal spielte sie bekannte Melodien wie die Kampflieder „Die Internationale“, „Die Arbeiter von Wien“ oder das antifaschistische Widerstandslied „Wir sind die Moorsoldaten“, hin und wieder rezitierte sie auch Soyfer-Texte.

Schauspielerin Jaschka Lämmert und Musikerin Anna Starzinger
Schauspielerin Jaschka Lämmert und Musikerin Anna Starzinger

Erst Entwurf von Menschen

Dass der Abend, der berührt, bewegt, unter die Haut geht, nachdenklich stimmt, hoffentlich auch aufrüttelt aber nicht „nur“ ein historischer ist, zeigt auch der ebenfalls ziemlich zeitlose Text „Lied des einfachen Menschen“, mit dem das Duo auf der Bühne den Jura-Soyfer-Abend beendet, in dem es u.a. heißt:

Menschen sind wir einst vielleicht gewesen
Oder werden’s eines Tages sein,
Wenn wir gründlich von all dem genesen,
Aber sind wir heute Menschen? Nein!

Soll der Mensch in uns sich einst befreien,
Gibt’s dafür ein Mittel nur allein:
Stündlich fragen, ob wir Menschen seien,
Stündlich uns die Antwort geben: Nein!

Wir sind das schlecht entworf’ne Skizzenbild
Des Menschen, den es erst zu zeichnen gilt.
Ein armer Vorklang nur zum großen Lied.
Ihr nennt uns Menschen? Wartet noch damit!

Follow@kiJuKUheinz

Beseder-theater.com
spektakel.wien

Szenenfoto aus "Lust"
11.03.2022

Viva la Vulva!