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Szenenfoto aus "Die Überflüssigen" im Theater an der Gumpendorferstraße (TAG) Wien
Szenenfoto aus "Die Überflüssigen" im Theater an der Gumpendorferstraße (TAG) Wien
28.02.2022

Von der großen Leere im Überfluss

„Die Überflüssigen“ zwar im Hier und Heute, aber nah an Tschechows Original „Iwánow“ im TAG, dem Theater an der Gumpendorfer Straße.

Die Arme, der Checker, der Gute, die Helferin und der einst Superne, jetzt totales A…loch. Um den sich eigentlich alles dreht, der immer (noch) im Mittelpunkt steht. Und gleichzeitig am deutlichsten das Lebensgefühl in Wirklichkeit aller fünf, die für Prototyp:innen stehen, zum Ausdruck bringt. Sich irgendwie ziemlich überflüssig zu fühlen. Was dem Stück auch den Titel gab. Geschrieben von Sina Heiss, stark orientiert und angelehnt an „Iwánow“, eines der Frühwerke von Anon Pawlowitsch Tschechow (1860 bis 1904). Zu sehen und fühlen im TAG, dem Theater An der Gumpendorfer Straße (Wien).

Nah am Original

Im Gegensatz zu den hier oftmals gespielten – meist witzig-tiefsinnigen – Überschreibungen von Klassikern holt die Autorin diesen Klassiker ohne viel Umwandlung „nur“ ins heute. Schon lange vor Corona geplant musste natürlich auch die Pandemie-Ära nun als Hintergrund-Rauschen ins Stück. Als zeitliche Einblendungen – projiziert auf die silbrig-grauen Schnürlvorhänge, die ein leicht zu verschiebendes Bühnenbild ergeben (Ausstattung: Alexandra Burgstaller). Auf die schon vor Beginn mehrere Dutzend Begriffe von Exzess bis zu Korruption, von Idealismus über Leidenschaft bis zu Überfluss geworfen werden.

Langsam bis rasend schnell verschieben die fünf Protagonist:innen die fahrbaren weißen Sitzwürfel bevor sie ins Spiel einsteigen. Die reiche Erbin Anna (wunderbar leidend und doch mit einer Spur Kampfgeist: Michaela Kaspar) ist sterbenskrank. Und vor allem von ihrem Ehemann Nicki – der dem Tschechow’schen Iwánow entspricht, was fast am Ende des Stücks auch angesprochen wird – mittlerweile ungeliebt. Der ist aber zu fast nichts mehr fähig oder willens. Fühlt sich überflüssig, entzieht sich aller Verantwortung, indem er sich ohnehin ständig für alles schuldig erklärt („herr“lich unsympathisch: Raphael Nicholas). Das lässt auch alle Vorwürfe von Annas Arzt Konstantin (sehr selbstgerecht mit einem Anflug von mehr Interesse an Anna: Jens Claßen) abprallen.

Ferner erleben wir noch den ständig aktiven Geschäftspartner Nickis, Michael (chauvinistischer alles-Checker Georg Schubert) und Alex (Alina Schaller), die Halbschwester des Arztes. Die Firma „Brandschatz & Sohn“, die keine Such-Scheinwerfer, dafür aber Nebelwerfer im Angebot hat, geht den Bach runter.

Von der Watschen zur Aufopferung

Wehrt sich Alex noch selbstbewusst gegen die Anmache Michaels – bis hin zu einer schallenden Ohrfeige als dieser ihr auf den Hintern fasst, so beginnt sie Nicki anzuhimmeln. Wirkt es zunächst, als würde sie ihn zu mögen beginnen, weil alle anderen gegen ihn sind, so ist sie bald davon besessen, ihm zu helfen, ihn von seiner Lethargie heilen zu können. Und er lässt sich, obwohl er das anfangs völlig ablehnt, weniger ihretwillen als vielmehr, weil es ihn zu viel stressen könnte, auf die Affäre mit ihr ein – just in der Phase, in der das Leben seiner Ehefrau zu Ende geht.

Die emotionalen Verstrickungen und die Grundstimmung des Runter-ziehens und -gezogen-werdens, die vielleicht viele auch in Pandemie- und Lockdown-Zeiten verspürt haben, verlaufen fast parallel zu den Schilderungen der Figuren in Tschechows Original.

In den USA Fan des russischen Autors geworden

„Ich bin beim Regie-Studium in New York an der Columbia University durch einen meiner Lehrer absolute Anhängerin von Tschechow geworden, weil der so ein genauer Menschenbeobachter war und seine Figuren so nachvollziehbar psychologisch schreibt und baut. Hier entsprechen der Nicki sowie die Anna und die Alex drei Figuren aus dem Iwánow. Michael und Konstantin hab ich aus mehreren der anderen Figuren aus dem Original zusammengepuzzelt“, verrät die Autorin und Regisseurin von „Die Überflüssigen“ zu Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr …

Übervoll bis leer

„Sinnentleerung. Leer, weil zu viel hineingefüllt. Sinnleer, weil übervoll. Der Überfluss wird zum Abfluss. Wir rinnen aus“, heißt es in den Hintergrund Betrachtungen im Programmzettel. Schmerzhaft, wahr, in Pandemiezeiten sicher verstärkt – und dennoch krass eher „1st-World-Problems“ – und da nicht einmal für alle. Zum einen Feuerwerksknaller sowie die Partyhymne „Moskau, Moskau, wirf die Gläser an die Wand“ der deutschen Popgruppe „Dschingis Khan“ während in wenigen hundert Kilometer Entfernung vom autoritären Herrscher in Moskau Krieg gegen das Nachbarland Ukraine angezettelt wurde und zum anderen auch in der „ersten Welt“ zehntausende Menschen ganz andere sich überflüssig fühlende Probleme wie Arbeitslosigkeit oder Armut haben. Die leiden an ganz anderem „Matt“ – in der TAG-Version wird immer wieder kurz Schach gespielt (im Original ist’s Kartenspiel), das Schachbrett und seine Figuren wird in den 1 ¾ Stunden immer wieder von da nach dort – und manchmal ins Zentrum der Bühne getragen.

Und dennoch lässt Sina Heiss ihr Ensemble mit der wiederauferstandenen Anna oder ihrer Gewissensstimme aus dem Jenseits (?) auch das Publikum nicht aus der Verantwortung lassen. „Sollen wir aufhören?“ samt Fragen, ob die Protagonist:innen nicht irgendwie auch die Welt verändern wollten und was denn nun daraus würde…

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INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Die Überflüssigen

Von Sina Heiss, frei nach „Iwanow“ von Anton Tschechow
105 Minuten, keine Pause

Text und Regie: Sina Heiss

Es spielen:
Nicki (Nikoláj Alexéjewitsch Iwánow): Raphael Nicholas
Michael, sein Geschäftspartner: Georg Schubert
Anna, Nickis Ehefrau (Anna Petrówna/Sara): Michaela Kaspar
Konstantin, Annas Arzt: Jens Claßen
Alex, seine Halbschwester (Sáscha): Alina Schaller

Choreografie: Katharina Senk
Ausstattung: Alexandra Burgstaller
Musik: Philipp Kienberger
Dramaturgie: Tina Clausen
Maske: Beate Lentsch-Bayerl

Regieassistenz: Renate Vavera
Kostüm-, Requisiten- und Fundusbetreuung: Daniela Zivić
Tontechnik: Peter Hirsch
Lichttechnik: Katja Thürriegl
Bühnentechnik: Hans Egger, Andreas Nehr, Andreas Wiesbauer

Wann & wo?

Bis Ende der Saison 2022
TAG – Theater an der Gumpendorfer Straße: 1060, Gumpendorfer Straße 67
Telefon: 01 586 52 22
tag -> Die Überfluessigen

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