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Szenenfoto aus "Mädchen wie die" im Burgtheater-Vestibül (Wien)
Szenenfoto aus "Mädchen wie die" im Burgtheater-Vestibül (Wien)
17.09.2021

Wenn alle eine zur Außenseiterin machen…

Stück über (Cyber-)Mobbing ab 12 Jahren im Vestibül des Burgtheaters – gespielt von Schauspiel-Studentinnen.

Knitter-Knautsch-Glitzer-Spiegelflächen an den Wänden (Bühne und Kostüme: Jenny Schleif). Die Welt rundum sozusagen ein Spiegel des Geschehens. An einigen Stellen glatte Spiegelfenster – in die virtuelle Welt: Abwechselnd tauchen Darstellerinnen hinter diesen auf, um Styling-, Musik- und andere Videos sozusagen zwischen analog und digital zu spielen. Das erste, kleiner Fenster in den Online-Kosmos aber wird immer und immer wieder geöffnet. Ein Nacktfoto einer Mitschülerin. So oft dieses auch in Papierform aus dem Fenster gezerrt wird, zumindest eins bleibt immer noch.

Rasant, an manchen Stellen fliegen Sätze so schnell aus Mündern, dass sie von Ohren gar nicht vollständig aufgenommen und im Hirn verarbeitet werden können, spielen fünf junge Darstellerinnen – alle Studierende des renommierten Max-Reinhardt-Seminars und voller Energie – das (Cyber-)Mobbing-Stück „Mädchen wie die“ (des kanadisch-britischen Autors Evan Placey, 2013) im Vestibül des Burgtheaters. Vier oder in dem Fall alle gegen eine.

Scarlett (Ines Maria Winklhofer) wird von den andern vier Stylischen zur Außenseiterin und über das im Netz weitergereichte Foto auch noch ins totale Abseits gedrängt. Sie zeigen sich froh, bessere auszusehen als sie, erheben sich über sie. Mobben die einen aktiv, sind andere eher mit von der Partie aus offenkundiger Genugtuung, nicht selbst zum Opfer zu werden. Nur eine, gespielt von Nele Christoph, hat selten aber doch den einen oder andere Anflug von Zweifel, ob das alles so richtig ist. Doch kaum hat sie so einen Gedanken begonnen zu fassen, lässt sie sich mit den anderen – Katharina Rose, Aila Franken und Pia Zimmermann – mitreißen im Strom der Mobberinnen, die ein Gerücht nach dem anderen verbreiten bzw. in Umlauf bringen. Und genauso tussig auszucken, wenn Jungs auf den Schulgängen sichtbar werden – die ebenfalls von einigen von ihnen gespielt werden.

Die Täterinnen beginnen nur – scheinbar – ansatzweise innezuhalten als Scarlett verschwindet und am Fluss die Leiche eines Mädchens gefunden wird. Da versucht das Quartett über tränendrüsen-Posting auf Scarletts Social-Media-Accounts zu verhindern, dass auch nur ja ein Verdacht auf sie fallen könnte, dass sie …

Nun ja, Ende gut – Scarlett taucht auf und hält in der vorgesehenen Trauer- und Gedenkstunde ihr vorbereitetes Referat über Frauen in ihrer Familie. Starke, emanzipierte Persönlichkeiten – die sie teils schon in Szenen davor vorgestellt hatte, ohne dass es da schon der Zusammenhang klar war.

Auch wenn der Autor im Programmheftchen zitiert wird, dass er „keine Moral oder Botschaft“ in seinen Stücken transportieren will, vermittelt die Inszenierung im kleinen Saal am Rande des großen Theaters (Regie: Maria Stadler, Dramaturgie: Claudie Kaufmann-Freßner) doch zumindest Letzteres. Ein wenig mehr Schattierungen als die krasse Schwarz-Weiß-Zeichnung von Täterinnen einerseits und Opfer andererseits würden den 1 ¼ wie im Flug vergehenden Stunden nicht schlecht tun. Und sei’s nur, dass in jener Passage als eine der Schülerinnen die Geschichtsstunde über Mitläufer:innen im Holocaust erwähnt und diese genau missinterpretiert, die eine oder andere Bedenken äußern würde, sich dann genau so zu verhalten.

Im Übrigen ist bei vielen Jugendlichen in den vergangenen rund zwei Jahren eine zunehmende Sensibilisierung in Sachen Rassismus, Sexismus, Solidarität zu beobachten.

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INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Mädchen wie die

Evan Placey
Deutsch von Frank Weigand
Ab 12 Jahren

Regie: Mira Stadler

Es spielen: Nele Christoph, Ines Maria Winklhofer, Aila Franken, Katharina Rose, Pia Zimmermann

Musik: Bernhard Eder
Bühne und Kostüme: Jenny Schleif
Dramaturgie: Claudia Kaufmann-Freßner
Licht: Enrico Zych

Wann & wo?

Vorläufig bis 1. November 2021
Burgtheater, Vestibül, 1010, Universitätsring 2
Telefon: 01 51 44-4545

Burgtheater -> Mädchen-wie-die

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