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Szenenfot aus "Die Wiener Stadtmusikanten" im Hof des Volkskundemuseums
Szenenfot aus "Die Wiener Stadtmusikanten" im Hof des Volkskundemuseums
08.07.2021

Wenn der alte aussortierte Esel noch ganz schön viel schleppt

Sehr frei nach den Bremern werden im Hof des Volkskundemuseums „Die Wiener Stadtmusikanten“ gespielt – mit textlichen und musikalischen Zitaten.

Herrlich wie gleich bald nach Beginn der „alte Esel“ mit einer umgedrehten hölzernen Leiter auf dem Rücken zwar gekonnt wackelig aber doch immer sicher, die Last nie fallen lassend aus dem Hintergrund „antanzt“. Stets eine Karotte vor Nase und Mund baumelnd, sie aber nie erreichend, umkreist er die Bühne, entert sie, kriegt nach und nach noch vier kleine, hölzerne Sessel auf die Leiterhaxen gehängt und schleppt sie. Also kann er doch noch ganz schön viel. Dennoch sortiert ihn die Herrschaft aus, ersetzt ihn durch einen jungen Esel. Den sie übrigens genauso mit einer Karotte ködert, die er nie erwischt.

Szenenfot aus

Nach dem Motto der „Bremer Stadtmusikanten“ (der Gebrüder Grimm) „etwas Besseres als den Tod findest du allemal“ spielt Zenith Productions „Die Wiener Stadtmusikanten“ rund um die Diskriminierung Älterer, mitunter auch Age-ism genannt. Wobei in diesem Fall sich Esel, Hund, Katze und Hahn auf den Weg nach Wien machen, weil dort angeblich Musikant*innen gesucht werden. Wobei, einen super-tollen haben sie schon, der die gesamte rund einstündige Produktion mit Ausnahme sehr weniger kurzer Pausen begleitet: Muamer Budimlić sitzt an einer der Hofmauern und spielt auf dem Akkordeon passende Kompositionen u.a. von Franz Schuber, Kurt Weill und Gioachino Rossini.

Angereichert um zweite Ebene

Seit vielen Jahren lässt sich die Gruppe um Kari Rakkola immer eine bekannte, klassische, märchenhafte Geschichte für den kleineren der beiden Höfe des Wiener Volkskundemuseums einfallen und fettet sie oft um humorvolle, aktuelle Bezüge auf, dieses Mal um bitterböse Ironie, fast schon sarkastisch – womit nicht nur Kinder eine flotte Märcheninszenierung sehen, sondern erwachsene (Begleitpersonen) noch eine Ebene für sich selber vorfinden. (Bühnenfassung: Roland Bonimair und Kari Rakkola). Und so kommen Tiere vor, die sich an nichts erinnern können wollen bis zu Menschen, die einerseits auf Biobauernhof tun und andererseits eine alte Katze am liebsten ersäufen wollen, „Tiere“ kommen sowieso vor 😉

Szenenfot aus

Apropos alte Katze: In deren Rolle brilliert Deborah Gzesh, die als einzige des alten Tier-Quartetts voll überzeugt ist, eigentlich noch immer frisch, jung und schön zu sein. Letztlich raufen sich die Alt-Versionen von Katze, Esel (Rakkola), Hund (Tanju Kamer) und Hahn (Carlos Delgado Betancourt) zusammen, um sich darauf zu einigen, wer welches Instrument erlernen sollte für die Bewerbung als „Wiener Stadtmusikanten“. Davor liefern sie sich teils heftige Auseinandersetzungen mit ihren Nachfolger*innen (Jakob Schmölzer – junger Esel und junger Hahn, Hanna Victoria Bauer – junger Hund, Amina Mostageer – junge Katze). Und natürlich den Räuber (neben den Jungtieren, die in Mehrfachrollen auftreten noch Johanna Bertl (auch Katzenbesitzerin), die sie mit ihrem Gesang, eigentlich einem Dada-Gedicht von Hugo Ball, in die Flucht schlagen.

Ein wenig „unter geht“ leider die skandinavisch/nordische Trauer-Begräbnis-Zeremonie für alte Tiere auf Eisschollen. Obendrein führt sie zu Verwirrung, weil das alte Tier-Quartett ja knapp danach die Trauergäste, die sich in die Räuber verwandeln, quicklebendig erschreckt.
Jedenfalls kurzweilig, unterhaltsam und ein bisschen mehr.

Follow@kiJuKUheinz

Szenenfot aus
INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Die Wiener Stadtmusikanten

Zenith Productions für Theater und Musik 2021
Konzept und Regie: Kari Rakkola
Bühnenfassung: Roland Bonimair und Kari Rakkola sehr frei nach dem Märchen „Die Bremer Stadtmusikanten“ von den Brüdern Grimm mit Zitaten von Sokrates, Wilhelm Heinrich Wackenroder, Friedrich Schiller, Samuel Beckett, Hugo Ball, C. G. Jung, Marlene Dietrich

Es spielen
Alter Esel: Kari Rakkola
Alter Hund: Tanju Kamer
Alte Katze: Deborah Gzesh
Alter Hahn: Carlos Delgado Betancourt
Biobäuerin/junger Hund/Räuber: Hanna Victoria Bauer
Hundebesitzer/ junger Esel/ junger Hahn/ Räuber: Jakob Schmölzer
Katzenbesitzerin/ Räuber: Johanna Bertl
Köchin/ junge Katze/ Räuber: Amina Mostageer
Musiker: Muamer Budimlić

Musik: Muamer Budimlić mit Kompositionen u. a. von Jürgen Ganzer, Franck Angelis, Kurt Weill, Franz Schubert, Gioachino Rossini
Kostüme: Hanna Victoria Bauer
Regie-Assistenz: Johanna Bertl

Wann & wo?

Bis 18. Juli 2021
Volkskundemuseum: 1080, Laudongasse 15 – 19
Telefon: 0677 614 05 081
Eintritt: freiwillige Spende (die Hälfte geht an UNICEF)

Facebook -> zenithproductionsvienna

Szenenfoto aus "Lust"
11.03.2022

Viva la Vulva!