Wrestling-Crew goes Schauspiel: Gastspiel im großen Haus des Theaters der Jugend vom Mythological Theatre mit „Mythos Ragnarök“.
Das Gastspiel-Team verwandelt die Bühne in einen offenen Ring ohne Seil-Geviert oder Käfig. Das Schauspiel: ein showmäßig choreografierter, akrobatisch-athletischer Ringkampf mit Geschichte – diese über weite Strecken eher nur angedeutet und Subtext, dazwischen immer wieder doch auch vordergründiger. Der nordische Götterkampf „Mythos Ragnarök“ wird seit Kurzem – bis fast Ende April – im großen Haus des Theaters der Jugend, dem Renaissancetheater in der Wiener Neubaugasse, von Wrestler:innen gefightet und gespielt.
Und führte schon bei der Medien-Premiere zu heftigen Publikumsreaktionen. Szenen-Applaus, manches Mal nur knapp unter der Schwelle zum Anheben von Gejohle wie bei den (Schau-)Kämpfen, wie sie weltweit, in Wien heute in der Stadthalle, im vorigen Jahrhundert (bis 1997) noch immer legendär weitererzählt, auf dem Heumarkt (wo im Winter Eislaufen stattfindet) über die „Bühne“ gehen bzw. gegangen sind. Fast noch legendärer als die Schaukämpfe und Charaktere, die Berühmtheit erlangt hatten, die entfesselten Publikumsreaktionen.
Odin, Thor, Loki, Freya, Hel – das bekannteste Personal aus der Sagenwelt der nordischen Gött:innen -, Feuer- und Eisriesen und dazu noch einige, die Eingeweihten geläufig, für alle anderen neu sind. Sowie der große Graben zwischen extrem heiß und frostig kalt, Gut gegen Böse ausgehend von einem Irgendwo zwischen „middle of no-where und everything every-where“ wird zu einem dramatischen Ringen auf Biegen und Brechen – zumindest klingen viele der Schulter- und anderen Würfe auf der gefederten Kampffläche so. Und doch immer wieder auch mit augenzwinkernden Show-Effekten.
Dennoch: Die einen im Publikum können sich vor Partei ergreifender Zustimmung samt fast ekstatischem Applaus nicht zurückhalten, andere zucken zusammen, halten sich immer wieder die Augen zu. Auch wenn klar ist, alles ist gespielt, so eine geballte Ladung von inszenierter Gewalt auf der Bühne ist nicht für alle aushaltbar – so erging’s dem Schreiber dieser Sätze und Zeilen. Fast noch erschreckender, die im Theater zwar „zivilisiertere“ aber doch spürbaren fast martialischen Reaktionen in den Reihen der Zuschauer:innen.
Aber jedenfalls: Symbolischer Hut ab vor der (schau-)spielerischen Leistung, die sprichwörtlichen sagen-haften Kampf in einen durchgängig extrem körperbetonten übersetzt.
Wobei: Der Weg war hier umgekehrt. Die Truppe – das sind echte Wrestler:innen. Einzig Ed Gamester hat „einen Background am Theater“, wie er nach der umjubelten Premiere Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… anvertraute. „Vor fünf Jahren haben wir als Gruppe das Angebot bekommen, so einen Bühnen-Show zu entwickeln. In einem Tag hab ich das Script verfasst. Dann hat es viel Überzeugungsarbeit gekostet, das Team dazu zu bringen. Da gab’s die große Angst, wie wird das sein, wenn nicht gejohlt wird, wenn wir kämpfen.“
Melanie Watson, die gemeinsam mit Gamester die Crew leitet, in dieser Show als Fate kämpft und spielt, hat „vorher Büro- und Verwaltungsarbeit gemacht; in knapp zwei Wochen hab ich dann die ganzen Kostüme für Mythos Ragnarök designt und geschneidert. Und das ist eine spezielle Herausforderung. Die Gewänder müssen nicht nur passend ausschauen und gut sitzen, sondern ziemlich viel aushalten.“
London, das Edinburgh Fringe Festival, Australien, Kanada, Niederlande, nun Wien, Istanbul hat angefragt, bei der Premiere war ein Gast aus Frankreich im Publikum, der die Show erleben wollte, um sie gegebenenfalls nach Paris zu holen…
Mit Ausnahme der Übersetzung vom Englischen ins Deutsche – dies als Übertitel zur in Originalsprache gespielten Aufführung sowie Dramaturgie und Inspizienz, die vom Theater der Jugend kommen, liegt alles bei „Mythos Ragnarök“ mit dem das TdJ völlig neue jugendliche Publikumsschichten ansprechen will, beim Mythological Theatre, das die darstellenden Kämpferinnen bzw. kämpfenden Darsteller:innen stellt.
Der Master of Ceremonies, Ed Gamester agiert selber in der Roll von Loki. Louise Young gibt eine umwerfende Gullveig, die ihre Kämpfe dominiert. Und dennoch verlieren muss, weil es der Mythos so vorsieht. Des Weiteren beweist Heidi Katrina als Freyja, dass in der doch eher männlich dominierten, kampfbetonten Wrestling-Szene jene Frauen, die an den Start gehen, um nichts nachstehen. Wie die beiden genannten sowie Melanie Watson als Fate und Staecey Coad, die als getötete Hel aus der Unterwelt wieder in Kämpfe einsteigt sind sie im akrobatisch-athletischen körperbetonten Schauspiel ihren Kollegen Howard Drake (Odin), James Dunn (Thor), Sam Gardiner (Surtr und Jormungandr), Beau Charles (Baldr), Fin McCarthy (Borr bzw. Fenrir) ebenbürtig. Wenngleich die alte Sagen-Story letztlich einige der Männer siegen lässt.
Im ausführlichen, bunt bebilderten, zweisprachigen Programmheft, in dem die mythologischen Hintergründe der einzelnen Figuren erläutert sind, erklärt Ed Gamester die Beweggründe für die Show ausführlich: „Das Erzählen von Geschichten als gemeinsame menschliche Erfahrung zu kultivieren und zu erleben“ einerseits. Und andererseits: „Professionelles Wrestling in einen neuen Kontext zu stellen und dadurch dem Publikum zu zeigen, was für eine phänomenale Performance-Kunst es ist. Wrestling ist eine grob missverstandene und nicht gewürdigte Form der Kunst, die als „unecht“ angesehen wird, während Stunts, Bühnenkampf und Schauspielerei „echt“ sind.“
Wie bei Pop-, Rock- und anderen Konzerten sowie eben Wrestlings-Events, stellen sich die Akteur:innen nach der Vorstellung dem Publikum für Selfies zur Verfügung und verkaufen am Merchandising-Stand einschlägige Schmuckstücke von Thor-Hämmern bis zu mythologisch komplexeren Symbolen.
Von Ed Gamester nach Sagen der nordischen Mythologie
in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Theater der Jugend, The Mythological Theatre Ltd. und Georg Hartmann
2 Stunden; ab 13 Jahren
Odin: Howard Drake
Loki: Ed Gamester
Surtr / Jormungandr: Sam Gardiner
Gullveig: Louise Young
Baldr: Beau Charles
Freyja: Heidi Katrina
Thor: James Dunn
Borr / Fenrir: Fin McCarthy (ab 3. April Jordan Elliot Boulton und später Andy Rigby)
Fate: Melanie Watson
Hel: Stacey Coad
Regie: Ed Gamester
Digitales Bühnenbild: Nina Vidra
Kostümbild: Melanie Watson
Licht: Dan Phillips
Produzenten: Ed Gamester, Georg Hartmann
Produktionsleitung: Georg Hartmann
Dramaturgie: Gerald Maria Bauer
Übersetzung: Sebastian von Lagiewski
Inspizienz: Viktoria Klampfl
Bis 28. April 2025
Renaissancetheater: 1070, Neubaugasse 36
Telefon: 01 52110-0
tdj.at -> mythos-ragnaroek
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