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Szenenfoto aus "Prinzessen"

(Märchen-)Rollen vergnüglich zerlegt

Ein hoher Berg von Matratzen. Während das Publikum den kleineren Saal des Theaterhauses im MuseumsQuartier, Dschungel Wien, betritt, liegt eine märchenhaft verkleidete Spielerin drauf, stellt sich schlafend, also recht lange. Auch wenn irgendwann aus dem Off eine Stimme mit den bekannten Worten „es war einmal“ beginnt, legt das zweite „e“ im Titel „Prinzessen“ der Gruppe Plaisiranstalt mehr als nahe, dass dies kein klassisches Märchenstück ist.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Prinzessen“

Wachküssen

Das macht der heftige, wilde Auftritt der zweiten Schauspielerin nach wenigen Augenblicken noch klarer. Die schwarz irgendwie punkähnlich gekleidete (Ausstattung: Alexandra Burgstaller) Frau zuckt richtiggehend aus. „Na supa, scho wieder a Turm!“ Durch Dornenhecken hindurch wurde sie hierher verbannt. Dann entdeckt sie die Schlafende, erinnert sich an Märchen, geht einige durch und – eh klar Dornröschen. Sie erklimmt den Matratzenberg und küsst die Prinzessin wach.

Die meint zunächst – ganz im klassischen Märchen verhaftet – von einem Prinzen erweckt worden zu sein. Und dann? Weder Prinz, ja nicht einmal Prinzessin! Und dann noch geküsst auf den Mund!?

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Prinzessen“

Freiheitsliebe

Rapunzel, so gibt sich die Wachküsserin zu erkennen, gelingt es nicht und nicht Dornröschen, die hier mit Roswitha sogar einen richtigen Namen hat, schmackhaft zu machen, dass sie doch jetzt aus der vorgesehenen Rolle ausbrechen könnte.

Von dieser Dynamik mit viel szenischem Humor und Wortwitz lebt das Stück über lange Zeit. Da die wilde, Freiheit und Unabhängigkeit liebende Rapunzel (Sophie Berger), die sich aus dem Turm befreite – einfach schlau genug, ihr uuuurlanges Haar abzuschneiden, um sich selbst abzuseilen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Prinzessen“

Überspitzung

Als Gegensatz die der Tradition verhaftete Prinzessin (Charlotte Zorell), die vom Prinzen träumt. Alles will sie regelkonform und brav machen, versucht das auch von der anderen zu verlangen, pocht auf feine Sprache, immer wieder oberlehrerinnenhaft korrigierend… Und doch stets mit einer Spur Überspitzung, die dieses Verhalten in Frage stellt.

Autor Raoul Biltgen, Regisserin Paola Aguilera und das gesamte Team woll(t)en von Anfang an diesen Druck zum sogenannten Brav-sein-müssen bzw. -sollen thematisieren und in Frage stellen, was witzig und immer wieder abwechslungsreich gelungen ist. Natürlich macht Roswitha eine Wandlung durch. Aber auch Rapunzel wird auf die Probe gestellt. Sie weiß zwar gut, was sie alles nicht möchte, aber was sie denn wirklich wolle – da muss sie auch erst hinfinden.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Prinzessen“

Ausbrechen

Ach ja, im letzten Drittel, so viel darf schon verraten werden, taucht dann doch noch ein Prinz auf, Charly mit Namen (Paul Graf). Auf „Retter“ vorprogrammiert, strahlt er aber auch aus, so ganz taugt ihm die auferlegte Rollenzuschreibung nicht. Was er letztlich ziemlich am Ende als seinen Berufswunsch gesteht – nein, das wird hier nicht gespoilert.

Was schon noch verraten werden soll: Sophie Berger greift immer wieder zum Mikro, um zu singen (Lieder: Thorsten Drücker).

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Doppelseite aus "Ich will ein Schokocroissant. Sofort!"

Bertie ist nicht Rapunzel

Hoch auf dem Berg und noch dazu ganz oben im Turm erwacht Prinzessin Bertie. Ihr Wunsch – wie schon der Titel des Bilderbuchs – neu in kleinerem, handlicherem Format aufgelegt – ankündigt: „Ich will ein Schokocroissant. Sofort!“

Und so macht sie sich auf ins nahegelegene Dorf. Ur-laaaaaaaange Haare hat sie, die schlängeln sich die Treppen des Turms entlang, den ganzen Weg und zwischen den Häusern. Und dann noch das: Im ersten Geschäft gibt’s nur Hüte, im zweiten Schwerter, es folgen Schuhe, Gläser und so manches, aber nirgends ein Croissant.

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Ich will ein Schokocroissant. Sofort!“

Für alle

Klar, was wäre ein Buch, in dem nicht irgendwann der Titel doch Wirklichkeit würde. Hier helfen Kinder auf die sie trifft, die weisen ihr den Weg zur Bäckerei. Aber in der Zwischenzeit bleiben ihre Haare an Häusern hängen. Also weg damit. Und dann – Schokocroissants für alle Kinder.

So nebenbei taucht noch ein reitender Prinz auf, der nach dem Weg zum Turm und der Prinzessin fragt, denn – so behauptet er -, die würde auf ihn warten. Die steht vor ihm und hat alles andere als auf ihn oder seinesgleichen gewartet. Sie ist ja nicht Rapunzel, die statt an ihren eigenen langen Haaren den Turm runter zu klettern, darauf wartet, einen schweren Mann in Rüstung an diesen Haaren hinaufzuziehen, um sich „befreien“ zu lassen 😉

Und so hat Jean-Luc Englebert (Übersetzung Alexander Potyka) mit Bertie ein selbstbewusstes Mädchen geschaffen, das noch dazu – entgegen dem Titel – nicht bedient werden will, sondern sich selbst zu helfen weiß. Und obendrein gern teilt.

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Titelseite von
Titelseite von „Ich will ein Schokocroissant. Sofort!“
Szene mit Pferd und Einhorn

Rapunzel mit Kurzhaar, (junge) Zauberblumen und Gnom:innen

Die neue Frisur ist – urkurz und glatt. Die langen zu Zöpfen geflochtenen Haare sind fast allgegenwärtig am und im Schloss. Gleich einmal beim Turm in dem die namensgebende Figur eingesperrt ist und an vielen Wänden und im Bühnenbild der Schluss-Szenen gar als ganze Vorhänge. „Rapunzel – neu frisiert“ heißt die Jubiläumsproduktion des Märchensommers im Weinviertler Schloss Poysbrunn. Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… war bei der Premiere (6. Juli 2023), sprach davor mit einigen der Kinder-Darsteller:innen von Zauberblumen und Gnom:innen und konnte/musste – wie der Großteil des Publikums – bei etlichen Szenen wegen des Spiel- und so mancher Wortwitze viel lachen.

Märchenschloss

Gibt es ein Gebäude, das als Kulisse für ein altes Märchenschloss hergerichtet werden müsste, könnte die Bühnenbauer:innen getrost Anleihe bei dem von Poysbrunn im niederösterreichischen Weinviertel nehmen. Das dachte sich vor mehr als eineinhalb Jahrzehnten auch die Intendantin des Märchensommers und Regisseurin der Stücke (Nina Blum) und pflanzte ihre neuen bzw. neuen – frei bearbeiteten – Märchen-Theaterstücke mit Musik einfach hierher.

Die Mauern weitgehend von Grünpflanzen bewachsen, ein kleines Wäldchen im Garten, Hügel, ein Turm und so weiter. Seit einigen Jahren wird – wegen des großen Andrangs – neben dem Schloss noch ein riesiges Zelt aufgebaut. Auf der dortigen großen (Dreh-)Bühne steigen einige der Szenen – für das gesamte Publikum auf einmal. Denn dazwischen machen sich Zuschauer:innen jeweils mit einer/einem der Protagonist:innen auf interessante Wanderschaft durch Räumlichkeiten des Schlosses wo einzelne Szenen stattfinden. Dazu gilt es auch so manche, teils hohe, Stufen und Stiegen zu überwinden, womit – kleiner Wermutstropfen – das Stationen-Theater allerdings nicht barrierefrei ist.

Die Story

Ins Zelt geht es nach der ersten Szene, die rund um einen Turm-Balkon startet. Den Turm – und nicht nur diesen, sondern viele Teile im Schloss zieren prall gefüllte zu „Zöpfen“ geflochtene Stoffbahnen. Rapunzel (Patrizia Leitsoni) selbst erscheint aus dem Turmzimmer auf dem Balkon – mit Kurzhaarfrisur. Sie muss immer wieder ihre Haare schneiden und für die „haarfee“ spenden. Und nicht allein, sondern in Begleitung eines grünen, großen Haustieres namens Lucy, einem Chamäleon (Adriana Zartl, bei einigen Vorstellung speilt diese Rolle Veronika Rivó). Onkel Tim (Daniel Ogris) besucht sie, bringt ihr Limonade und Kuchen, säuselt, wie lieb er die Nichte hat, schärft ihr aber ein, weder den Turm zu verlassen noch Besuch zu empfangen.

Da tauchen Prinz Felix (Johannes Kemetter) und sein Pferd (Christian Kohlhofer, manches Mal auch Bernhard Viktorin) auf. Dieses stellt sich als stolzer Ferdinand, der Dritte aus uraltem Lipizzaner-Adel vor und betont obendrein mit Kleiner Onkel, dem bekannten Pferd von Pippi Langstrumpf, verwandt zu sein. Eben frisch lackierte Hufe, kann er den Prinzen aber gar nicht tragen, umgekehrt muss der den Gaul huckepack transportieren – auf der Wanderschaft bettelte er Zuschauer:innen an, dass diese ihn tragen.

Die beiden Duos kommen ins Gespräch. Warum auch immer, hatte sich Rapunzel an Tims strenge Auflagen gehalten, wollte nie selber die engen Mauern jenseits des Balkons verlassen. Selbst das aufmüpfig-freche Chamäleon ließ sich gefangen halten. Da müssen erst die beiden Männer – Prinz und Pferd – daherkommen, um ihr von der Freiheit der Welt vorzuschwärmen und in ihr die Sehnsucht nach Freiheit zu erwecken.

Bleibt ja auch rätselhaft, wieso im Original Rapunzel zwar so starke Haare auf ihrem Kopf hat, dass der rettende Prinz daran hinaufsteigen kann, sie aber nicht selbst an ihrem langen Haar den Turm hinunter klettert.

Wie auch immer: Ab nun – also wenn Rapunzel und Lucy mit Felix und Ferdinand auf Entdeckung der Welt gehen -, passiert Abenteuerliches. Zwei Gnomenkinder entführen den Prinzen und das Publikum muss nun mit der/dem jeweiligen Protagnoist:in – Rapunzel, Chamäleon oder Pferd – auf der Schlosstour herausfinden, wo sich der Prinz befindet und sich bemühen, draufzukommen, wie er befreit und rückverwandelt werden kann.

Viel mehr sei nicht verraten (Text: Michaela Riedl-Schlosser, Musik: Andreas Radovan). Nur so viel, es gibt noch einen bösen Zauberer, eine Gnomin (Gudrun Nikodem-Eichenhardt) und einen Gnom (Tobias Eiselt, der auch große Zauberblume spielt), viele Gnomenkinder, Zauberblumenkinder (bei den vielen Vorstellungen kommen viele verschiedene Kinder dran) – und ein Einhorn (gespielt von der Darstellerin der Gnomin, die übrigens auch alle Liedtexte geschrieben hat). Ach ja, natürlich endet auch dieses neu geschriebene Märchen – nach knapp mehr als 1 ¼ Stunden – happy.

Cool, verbotene Wörter sagen zu dürfen

Ziemlich unaufgeregt, gar nicht nervös stellen sich einige der Kinder, die Zauberblumen bzw. Gnom:innen spielen den Interviews mit Kinder I Jugend I Kultur I und mehr…

Die Gnom:innen, die rund eine Stunde bevor das Stück wirklich anfängt – bei der Premiere halten einige, manche sogar sehr lange Eröffnungsreden – schon voll verkleidet kommen sind in echt Linus (6), Oskar (6), Mattis  (7), Finn (5) und die neunjährige Johann. Die spielt in manchen Vorstellungen statt einer Gnomin eine der Zauberblumen. Übereinstimmend sagen alle spontan, „Gnom spielen macht Spaß“. Auf die Nachfrage des Reporters, was an dieser Rolle so viel Freude bereitet, meinen manche „dass wir den Prinzen entführen dürfen“. Das gilt allerdings immer nur für zwei der jungen Gnom:innen. Bei der Premiere durften die beiden erstgenannten jungen Gnomen-Darsteller diese Aufgabe übernehmen. Aber was nicht nur die beiden, sondern auch ihre Kolleg:innen, mit einem Lächeln bis lustvollem Lachen an ihren Rollen unbändigen Spaß macht: „Wir haben einen Spruch, den wir sagen mit Wörtern, die wir sonst nie sagen dürfen.“ Natürlich will Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… den Spruch wissen. Auch wenn er später bei der Aufführung natürlich mehr-, nein vielfach fällt, verraten die fünf Gnom:innen ihn schon jetzt. Und wir ihn hier – auch für jene, die die Aufführung vielleicht gar nicht sehen werden: „Krötenschleim und Furzendreck, Ochsenhirn und Vogelpipi“.

Mehr zu tun

Zwei Valeries (7 und 11 Jahre) und Elsa (noch 6) finden ihre Rollen als Zauberblumen – und damit natürlich auf der Seite der Guten – „viel cooler als die von Gnomen“. Was sie daran besser finden, will daraufhin natürlich der Journalist wissen. „Als Zauberblumen haben wir viel mehr zu tun“, sagen sie fast im Chor. Alle drei sind nicht zum ersten Mal bei einem Stück des Märchensommers im Einsatz, die beiden Jüngeren zum zweiten, die Elfjährige sogar schon zum vierten Mal. Valerie, Valerie und Elsa gefällt an den Zauberblumen aber nicht nur, dass sie mehr zu tun haben, sondern „das Gemeinsame, dass wir alle miteinander tanzen“.

Märchenfiguren

Die Märchenstücke im Schloss strahlen seit einigen Jahren schon auf den ganzen Ort Poysbrunn aus, das sich seit zwölf Jahren „Märchendorf“ nennt. Viele Bewohner:innen haben Märchenfiguren gebastelt, ausgesägt, gebaut und vor die Häuser in den Garten oder auch an den Straßenrand gestellt. Selbst auf dem Weg vom Schloss zum abseits gelegenen Gäst:innen-Parkplatz finden sich zwei – eines für den „gestiefelten Kater“, der Ausgangspunkt fürs nächstjährige Märchen wird, und eine besonders aufwändige Installation zum „tapferen Schneiderlein“ samt sogar altem Nähmaschinen-Tisch in einer offenen Holzhütte.
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Älterer Märchensommer-Bericht, damals noch im Kinder-KURIER