Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… im Gespräch mit Thomas Birkmeir, den jahrzehntelangen Direktor des Theaters der Jugend, der Robert Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ nun – nach 25 Jahren – neu inszeniert hat.
KiJuKU: du hast die Stückversion nach Robert Musils Roman vor rund 25 Jahren geschrieben und sie damals dann auch hier inszeniert. Was ist der wesentliche Unterschied deiner Herangehensweise von damals im Vergleich zu heute?
Thomas Birkmeir: Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, wusste schon der englische Philosoph Thomas Hobbes. Dieses Thema wird immer wieder auf Bühnen dargestellt, aber es wird allzu leicht verdrängt. Die Gefahr ist, dass vieles weggewischt wird oder wie C.G. Jung (Schweizer Psychiater, Begründer der analytischen Psychologie, 187 – 1961, Anm. der Redaktion) sagt: Schau dir deine Schattenseiten an. So lange du nicht checkst, dass auch in dir eine Bestie steckt, bist du kein ganzer runder Mensch.
KiJuKU: Aber das gilt ja über alle Zeit hinweg…
Thomas Birkmeir: Ja, aber Törleß wird von vielen als Pubertäts- und Entwicklungsroman gesehen und ich weiß nicht, warum man Entwicklung mit Pubertät gleichsetzt, das ganze Leben ist eine Entwicklung – hoffentlich.
KiJuKU: Wobei Törleß hier ja schon fast so endet, er wird dann zum angepassten, nützlichen Teil der Gesellschaft…
Thomas Birkmeir: Das haben wir bei Büchner (Georg, Schriftsteller, Mediziner, Revolutionär, 1813 – 1837) geklaut: Die drei werden zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft.
Und Verwirrungen – auch das beschränkt sich nicht auf Pubertät. Wenn du dir die heutige Weltlage anschaust, sind doch die allermeisten verwirrt, ich selber bin es auch. Stichworte Trump Venezuela und Grönland, Putin Ukraine, China und Taiwan. Das Zusammenbrechen jeglicher halbwegs erarbeiteter Ordnung. Da kommt das Gefühl auf, Europa ist fast noch die letzte Bastion der Vernunft und Demokratie. Auch da bin ich schon vorsichtig.
KiJuKU: War dies der Grund für die Auswahl dieses Musil-Romans für eine Bühnenversion gerade jetzt, in dieser Saison?
Thomas Birkmeir: Ja, wir haben diese Spielzeit ja unter das Motto Antifaschismus gestellt. Wir hatten „Der überaus starke Willibald“ (Stückbesprechung unten am Ende verlinkt), haben jetzt den Törleß, dann „König Gilgamesch“ (Mitte Februar bis Mitte März) und „Er ist wieder da“ im April. Und dann spielten auch die Vorwürfe gegen meine Person mit in einer Art Selbstjustiz wirst du an den Pranger gestellt. Da laufen noch meine Klagen.
KiJuKU: Zurück zur ersten Frage: Was war der wesentliche Unterschied im Herangehen an die Inszenierungen vor einem Vierteljahrhundert und heute?
Thomas Birkmeir: Damals hab ich das viel mehr als Pubertätsdrama gesehen. Jetzt ist es die Frage, wie kann man sich gegen solche Menschen, die wie die Ajatollahs im Iran für die der Beineberg mit seinem religiösen Wahn steht oder Machtmenschen wie der Reiting und die Indifferenz vom Törleß, der genauso gefährlich ist wie die Täter, wehren. Solche Typen werden ja sogar in demokratischen Systemen gewählt, was bei Trump für die Hälfte der US-Amerikaner:innen gilt.
Was ist dieses Gewaltsame – auch ein ähnliches kolonialistisches Herangehen, siehe Grönland?! Nicht wenige meinen ja, vieles davon erinnere an die Zeit vor dem 1. Weltkrieg. Und Musil hat seinen Roman ja nicht zuletzt geschrieben unter dem Eindruck dieser patriarchalen Gesellschaft, die später auch im Faschismus mündete. Wir haben als 16-Jährige in der Schule Klaus Theweleit „Männerphantasien“ gelesen, uns mit patriarchalem Verhalten auseinander gesetzt und wie solche Strukturen in den Faschismus geführt haben.
KiJuKU: Geht so etwas verloren?
Thomas Birkmeir: Du hast jetzt immer mehr das Gefühl, es gibt rundum kaum mehr Moralkodizes – und darum geht’s auch im Törleß-Stück. Es erzählen uns Lehrer:innen, dass Jugendliche sagen, warum soll ich mich moralisch verhalten, Herr Trump gebärdet sich unter anderem so, dass er eine Journalistin als Schwein beschimpft (Die Bloomberg-Reporterin Catherine Lucey hatte eine kritische Frage zu den Epstein-Akten gestellt und der US-Präsident sie mit „Quiet, piggy“ / „Sei still, Schweinchen“ angeherrscht).
KiJuKU: Noch eine Frage, die Musikauswahl für die jetzige Inszenierung war anders als vor 25 Jahren?
Thomas Birkmeir: Die war neu, das heißt deckungsgleich waren die Sones „Tears go by“.
Zur Stückbesprechung – samt Detailinofs, wer, wo bis wann spielt im ersten Link unten.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Instagram. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von X. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen