Robert Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß in einer sehr nahe gehenden Inszenierung des Theaters der Jugend (Wien).
Heftig. Heftiger. Heftigst. Immer wieder musst du (wahrscheinlich) wegschauen, die Augen schließen, vielleicht sogar die Ohren zuhalten. (Fast) nicht auszuhalten. Auch wenn du natürlich weißt, das alles spielt ist nur auf der Bühne gespielt. Schläge, Gürtel-Peitschenhiebe treffen nicht, Blutergüsse sind geschminkt. Schmerzens-Schreie gut gestimmte Laute eines Profis.
Und dennoch, wer nicht gänzlich unter Empathie„befreiung“ leidet, kann so manche Szene dieser 1¾ Stunden im Theater im Zentrum (Wien) schwer ertragen, insbesondere die in gänzlicher Finsternis (Licht: Lukas Kaltenbäck). Bei der – am Ende vielumjubelten – Premiere der Neu-Inszenierung von Robert Musils Klassiker jugendlicher gewalttätiger Mobbing-Attacken „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ verließen einige Zuschauer:innen auch deswegen den Saal des kleineren Hauses des Theaters der Jugend in Wien.
Vor 120 Jahren erschienen, wirkt der erste Roman des damals 26-jährigen Autors lediglich anhand des althergebrachten Begriffs Zögling alt. Die Bühnenversion von Thomas Birkmeir, die er schon vor einem ¼ Jahrhundert – vor seiner Übernahme der Direktion des Theaters der Jugend – geschrieben und inszeniert hat, konzentriert sich auf die vier Haupt-Charaktere in einem Internat. Basini der vielen Mitschülern Geld schuldet, wird bei einem Banknoten-Diebstahl ertappt. Beineberg, dem das Geld gehört und Reiting, dem er es schuldet(e), wollen ihn – entgegen dem Ratschlag von Törleß – nicht anzeigen. Viel ärger, sie schreiten zur Selbstjustiz, machen ihn zum Sklaven, demütigen, schlagen, missbrauchen ihn.
Musil hat die drei unterschiedlich typologisiert: Reiting, der Möchtegern-Diktator genießt die Erniedrigung des Opfers und seinen autoritären Macht-Status. Beineberg fantasiert sich in ein Glaubens-Konstrukt, eine Art religiösen Fanatismus, aus dem heraus er zum Quäler wird. Und schließlich Törleß, dem Musil ja auch den Titel weiht, zeichnet sich durch Abgehobenheit, scheinbare Abgeklärtheit aus, er will nur beobachten, „studieren“, wie sich Basini fühlt, was in ihm vorgeht. Als dieser gegen Ende Törleß auf Knien anfleht, ihm zu helfen, kommt als Reaktion: „Ich werde dir nicht helfen. Ich hatte vielleicht eine Zeit lang ein Interesse an dir…“ und nach längerer Pause: „Nur eines noch: Wie ist dir jetzt zumute?“
Die Inszenierung auf der schiefen Gitterrost-Ebene (Bühnenbild: Ulv Jakobsen) lebt einerseits vom starken Spiel des Quartetts: Robin Jentys als das Opfer Basini bringt dennoch immer wieder die Kraft auf, um sein (psychisches) Überleben zu kämpfen. Haris Ademović in der Rolle des Drahtziehers Reiting, lässt in wenigen Momenten mitschwingen, aus Angst vor eigener Schwäche zum Riesen-A…-loch zu werden – samt Spiel mit einem Weltkugelball und damit unverkennbar einer Anspielung auf Charlie Chaplins Film „Der große Diktator“ (1940) und seinen Anton Hynkel (original Adenoid Hynkel) als Satire auf eh schon wissen.
Beineberg-Darsteller Jakob Elsenwenger versucht in seinem Glaubenskonstrukt eine Rechtfertigung für sein Agieren zu finden, mit hin und wieder aufblitzenden Anflügen, es selbst vielleicht gar nicht so wirklich zu glauben, es aber so „verkaufen“ zu können. Und last but not least verkörpert Ludwig Wendelin Weißenberger den über den Dingen zu schwebend scheinenden Törleß, der aber die ärgste Gewalt gewähren lässt; kein dumpfer Mitläufer, sondern ein „schöngeistig“ Intellektueller, der zwischendurch immer wieder auch live dem Geigenspiel frönt.
Apropos Musik, Regisseur Birkmeir baute mit vielen ohrwurmgängigen Hit-Schnipseln, darunter mehrmals „As Tears Go By“ – sowohl in der Version der Rolling Stones als auch der von Marianne Faithfull gesungenen des von Mick Jagger, Keith Richards auf Drängen des Band-Managesr Andrew Loog Oldham geschriebenen Songs – eine Art Brücke vom Originaltext zum zeitlosen Spiel um „Herr oder Knecht“ bzw. allgemeiner Herrschaft und Unterdrückung.
Denn schon Musil beschränkte die Gewalttätigkeit nicht auf das individuelle Verhalten seiner Protagonisten, sondern bettete sie – nicht zu plakativ, mitunter humorvoll – ins autoritäre System – beispielhaft des Internats – ein. Wenn Törleß an einem Konstrukt wie imaginäre Zahlen zweifelt, ihm Lehrer erklären, das seien „Denknotwendigkeiten“ und Beineberg kontert: „Einem vernünftigen Menschen vermögen sie ihre Geschichten nicht vorzuerzählen. Erst wenn er zehn Jahre in der Schule mürbe gemacht wurde, geht es…“
Diese Inszenierung setzt – fast – an den Schluss eine im Roman früher angesiedelte Passage, die (nicht nur) Törleß‘ weitere Entwicklung zeichnet: Als in der Mitte der Gesellschaft angekommener, angesehener Mann, der die „Verwirrungen“ seiner Jugend mitnichten bereute.
Und das trifft erst so richtig mitten ins Herz, samt fast schon Zwang zu fragen, wie steht’s da bei einem selbst!
Manche meinen ja, Törleß wäre „nur“ die jugendliche Version von Ulrich, dem Protagonisten in Robert Musils dreibändigem gut 1500 Seiten starken und wahrscheinlich noch bekannterem, wenngleich eher weniger gelesenem Monumental-Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“. Ist übrigens in einer sehr spannenden Inszenierung mit vier verschiedenen Schauspieler:innen in der Hauptrolle im Theater Arche (1060, Münzwardeingasse) zu erleben – in mehreren Spielblöcken jetzt im Jänner und dann im März 2026.
Gespräch mit Regisseur Thomas Birkmeir hier unten
nach Robert Musil von Thomas Birkmeir
Ab 15 Jahren; 1¾ Stunden (ohne Pause)
Törleß: Ludwig Wendelin Weißenberger
Basini: Robin Jentys
Reiting: Haris Ademović
Beineberg: Jakob Elsenwenger
Regie: Thomas Birkmeir
Bühnenbild: Ulv Jakobsen
Kostümbild: Irmgard Kersting
Licht: Lukas Kaltenbäck
Dramaturgie: Gerald Maria Bauer
Assistenz und Teilinspizienz: Natalie Ogris
Teilinspizienz: Lara Maria Schöttl
Hospitanz: Maximilian Hofstätter
Playlist der (angespielten) Musiktitel in dieser Inszenierung
As Tears Go By – The Rolling Stones
College Boy – Indochie
Berlin By Overnight – Max Richter
Hazard – Gossling
Nothing’s Gonna Hurt You Baby – Cigarettes After Sex
Lavender Moon – Haroula Rose
Flickers – Son Lux
From 553 W Elm Street, Logan Illinois (Snow) – Max Richter
End Credits Suite – Nicholas Britell
Kill and Run – Sia
Crystalised – The xx
Simple Death – Chelsea Wolfe
Fratres (Version for Cello & Piano) – Arvo Pärt
Melody X – Bonaparte
As Tears Go By (1987 Version) – Marianne Faithfull
Lux Aeterna – Clint Mansell
Sara Goldfarb Has Left the Building – Clint Mansell
Cries and Whispers – Jo Yeong-Wook
Aufführungsrechte: Rowohlt Theater Verlag, Hamburg
Bis 20. März 2026
Theater im Zentrum: 1010 Wien, Liliengasse 3
Telefon: 01 52110-0
tdj.at –> toerless
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