Bilderbuchklassiker über ein rätsel- und doch fabelhaftes Biest – das von einem Schweizer Figurentheater nun zu einem Stück wird.
Ein älterer Mann, Hut, Brille und erhobener Spazierstock – als würde er zu einem Schlag ausholen. Daneben ein rätselhaftes Wesen, das aber wirkt, als würde sich da wer unter Decken verstecken. So das gezeichnete Bild auf der Titelseite eines Bilderbuchklassikers, der kaum mehr bekannt ist. Auch Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… kam erst über einen Umweg auf die schräge, spannende Geschichte und ihre Bilder in „Das Biest des Monsieur Racine“, beides geschaffen vom französischen Autor, Illustrator, Grafiker Tomi Ungerer (1931 – 2019). Bekannter sind wohl seine „Die drei Räuber“, vielleicht auch weil sie vor rund 20 Jahren als Animationsfilm in Kinos kamen.
Dieser Herr (Monsieur ist die französische Bezeichnung dafür, auch wenn sie manchen vornehmer klingen mag) ist pensionierter „Steuereinnehmer“, also Finanzbeamter. Sein ganzer privater Stolz ist ein Birnbaum mit so köstlichen, hervorragenden Früchten, dass er damit schon viele Preise gewonnen hat. Nicht für viel Geld, das ihm immer wieder geboten wird, will er Früchte oder gar den Baum verkaufen.
Und dann merkt er eines Tages, dass die Birnen gestohlen worden sind. Akribisch, wie er es aus seinem Beruf kennt, wird er nun zum Detektiv, untersucht die Spuren und ist verblüfft. Mit keinen bekannten Fußabdrücken vergleichbar?!
Und dann steht da dieses irgendwie fast monströse Tier vor ihm. Schon freundet er sich mit ihm an – im Gegensatz zum Titelbild streckt er dem „Biest“ zwar einen Degen entgegen, aber an dessen Spitze ein Makrönchen. Von nun an tägliche Besuche, miteinander essen und trinken, gemeinsame Ausflüge… Racine baut dem verspielten Wesen sogar Rutsche und Schaukel im Garten – und freut sich selber daran, wird fast zum Kind.
Schon viel früher lässt ihn Autor und Illustrator Tomi Ungerer (Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche: Hans Manz) sagen: „Ich habe meinen Birnen verloren, aber einen Freund gefunden“, dachte der alte Steuereinnehmer.“
Gleichzeitig beobachtet, vermisst, analysiert der jahrzehntelange Zahlenfuchs das Tier, wendet sich an die Akademie der Wissenschaften, wird – gemeinsam mit dem „Biest“ eingeladen, um die Sensation vorzustellen – und dann… ach, das Ende – wird hier ausnahmsweise gespoilert: Während der Präsentation in ehrwürdigem Rahmen, passierte folgendes: „Das Biest, das sich immer still verhalten hatte, brach in hysterisches Kichern aus. Es schüttelte sich, rollte auf die Seite, platzte aus den Nähten und riss sich selbst auseinander. Aus einem Haufen von Decken und Fellen krochen zwei Kinder…“
Und noch verblüffender: „Aber Monsieur Racine, der Sinn für Humor hatte, fand den Spaß einzigartig…“
Der „Verrat“ der letzten Wendung – eine große Ausnahme hier auf dieser Plattform – erfolgt, weil, und nun wird der Kreis zum Anfang geschlossen: KiJuKU stieß bei „Jungspund“, dem jüngsten (fünften) Theaterfestival für junges Publikum im Ostschweizer St. Gallen über kurze Szenen von „Zämme-n-es Viehchi si“ (gemeinsam das Biest sein) des Figurentheaters Michael Huber erst auf dieses Buch. Und der Spieler nimmt in dem stark von diesem Buch inspirierten Stück, das er erst entwickelt, das Ende sozusagen vorweg – KiJuKU hat darüber auch schon berichtet – Link dazu am Ende der Buchbesprechung. In der Theaterversion mit kleinen Figuren auf einem Tisch und live gespielter Ukulele-Musik tauchen die Kinder zunächst als solche auf und fragen Racine um Birnen. Kommt überhaupt nicht in Frage, meinte der geizig. Und dann verkleiden die sich eben als Biest…
Mit der neu gewonnen Freundschaft, wenngleich erst im Alter, wird der zunächst geizige einstige Finanzbeamte sozusagen (wieder?) zum Kind und beginnt sogar den fast peinlichen Spaß (in der Akademie der Wissenschaftenzu verstehen 😉
Text und Illustration: Tomi Ungerer
Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch: Hans Manz
Das Biest des Monsieur Racine
30 Seiten
ab 4 Jahren
Diogenes Verlag
18,50 €
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