Musical über ein Biotop und seine Bedrohung durch Ausgrenzer; schwungvoller, inhaltsreicher Abschluss der aktuellen Saison im Theater der Jugend in Wien.
„Diese Wiese“ reimt sich gut auf „wie im Paradiese“. Ein unzerstörtes Biotop aus Pflanzen und Tieren, die gemeinsam blühen, gedeihen, kacken und damit friedlich miteinander leben steht am Beginn des Musicals „Die Wiese“ (Text: Peter Lund, Musik: Thomas Zaufke), mit dem das Theater der Jugend in Wien seine Saison, beschließt – bis 21. Juni singen, spielen, tanzen Biene, Grashüpfer, Mücke, Marienkäfer, Mistkäfer, Regenwurm, Schmetterling, Motte und Termiten.
Doch das schwungvolle, kurzweilige Musical ist keine reine Wohlfühlveranstaltung. Frei nach dem Motto „es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“ (aus Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“) braucht’s einen Feind. Der kommt von außen. Aber nein, die Wiesenbewohner:innen machen die neu auftauchende Ameise nicht zum Sündenbock. Liebevoll nehmen sie den Ausgestoßenen auf. Vor allem die empathische Biene, die klassisch Maja heißt (Lucia Miorin) und selber ihren Stock verlassen hat, bemüht sich um Albert (Stefan Rosenthal, der übrigens zum ersten Mal hier die Rolle eines Bösen spielt). Ein bisschen zu viel, findet ihr bester Freund, der Grashüpfer Flip (Dennis Hupka, der auch Peter, das Hinterteil des großen Regenwurms spielt).
Albert tut sich aber nicht nur schwer mit der locker-leicht-beschwingten Fröhlichkeit der Wiese. Als die aus Südamerika neu zugewanderten Termiten Theodore (Markus Schöttl, auch Anna Assel und Regenwurm-Kopf Hans) und Thea (Ariane Swoboda, auch Molly Motte, Raupe und Schmetterling) zu einem köstlichen Willkommens-Buffet einladen, wirkt er nicht nur griesgrämig und grantig. Er beginnt gegen „die Ausländer“ zu wettern, nach und nach ihnen die Schuld an allem und jedem zu geben. Es müsse sich so manches auf der Wiese ändern… Nach und nach zieht er – zunächst Marienkäfern Herrn Müller (Uwe Achilles), sogar den immer fröhlichen, Dialekt sprechenden Mistkäfer Kurt (Paul Csitkovics) und schließlich sogar Flip auf seine Seite um als „Bürgerwehr“ mobil zu machen. Sein Trick: Gerüchte verbreiten UND beispielswese dem Grashüpfer ein bislang kaum gekanntes Gefühl zu vermitteln: „Ich will auch einmal wichtig sein!“, brüllt der einst beste Freund der einfühlsamen Biene.
Die sich natürlich darum bemüht, die fremdenfeindlichen, rassistischen Aktionen einzudämmen: „Wir müssen was tun“, hofft sie Mitstreiter:innen für den Erhalt oder Wiedergewinn des Biotops aufzurufen. Denn die Verbannung des Regenwurms durch die Bürgerwehr, nur weil der seinen Kopf aus der Erde streckt, kostet bereits der großen Rose (Ausstattung: Ulrike Reinhard) ein Blatt nach dem anderen. Der Boden wird nicht mehr „beackert“. Die abendlichen Zusammenkünfte im Abflussrohr werden ebenfalls ge-cancelt wegen fehlender Dies- und Das-Genehmigungen, wie die Bürgerwehr befindet.
Obwohl viele deren Vorgehen nicht so leiwand finden, scheint Maja länger als einzig Mutige, die sich der „neuen Ordnung“ entgegenstemmt. Die freiheitsliebende, frech-witzige Mücke namens Mücki (Ursula Anna Baumgartner) will einfach auswandern, auch wenn sie natürlich bedauert, was sich da abspielt.
Albert Ameise wird immer gehässiger – bis hin zum Angriff des Termitenbaus mit brennenden Fackeln. Erst dann fährt seinen Anhängern der Schreck in die Glieder…
Natürlich geht die Story letztlich – mit Überraschungsmomenten, die hier klarerweise nicht gespoilert werden, gut aus.
Mit diesem spannenden, bunten, immer wieder auch mitreißenden Plädoyer für Vielfalt – nicht nur – auf der Wiese, schließt dieses Musical auch einen spielerischen Bogen, der im Herbst auf derselben Bühne mit „Der überaus starke Willibald“ begann – hier als „Farm der Mäuse – der Weg in Tyrannei und mögliche Auswege“ startete. Dazwischen bildete „Er ist wieder da“ – für Ältere (ab 13 Jahren) – einen Höhepunkt des antifaschistischen Schwerpunkts der letzten Saison unter der Direktion Thomas Birkmeir, der fast ¼ Jahrhundert das Theater der Jugend leitete; Links zu den Besprechungen der beiden hier gerade erwähnten Stücke unten am Ende des Beitrages.
Was auch immer die kommenden Saisonen bringen – noch ist alles geheim – für Vielfalt bürgt die neue Leitung sicherlich: Aslı Kışlal im Team mit Bérénice Hebenstreit; siehe auch KiJuKU-Interview mit dem Duo, unten verlinkt.
Musical von Thomas Zaufke (Musik) und Peter Lund (Text)
ab 6 Jahren; 2¼ Stunden (eine Pause)
Maja, eine Biene: Lucia Miorin
Flip, ein Grashüpfer / Peter, ein Regenwurmhinterteil: Dennis Hupka
Albert, eine Ameise: Stefan Rosenthal
Mücki, eine Mücke / Blattlaus: Ursula Anna Baumgartner
Herr Müller, ein Marienkäfer / Ein Seidenspanner: Uwe Achilles
Kurt, ein Mistkäfer / Eine Libelle: Paul Csitkovics
Theodore Termitini, eine Termite / Anna Assel / Hans, ein Regenwurmkopf: Markus Schöttl
Thea Termitini, eine Termite / Molly Motte / Schmetterling / Raupe: Ariane Swoboda
Swing: Kathrin Hanak, Steffen Gerstle
Regie: Peter Lund
Komposition und Orchesteraufnahme: Thomas Zaufke
Arrangement: Markus Syperek
Ausstattung: Ulrike Reinhard
Licht: Peter Lund, Ulrike Reinhard
Choreographie: Nina Tatzber
Musikalische Einstudierung und Korrepetition: Béla Fischer jr.
Dramaturgie: Sarah Caliciotti
Assistenz: Eva Maria Gsöllpointner
Inspizienz: Maximilian Hofstätter
Hospitanz: Nadja Pinelli
Bis 21. Juni 2026
Renaissancetheater: 1070, Neubaugasse 36
Telefon: 0152110-0
tdj.at –> die-wiese
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