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Szenenfoto aus "Er ist wieder da"
Szenenfoto aus "Er ist wieder da"
27.04.2026

Alter Ver-Führer zu neuer Tragödie?

Timur Vermes‘ Erfolgsroman „Er ist wieder da“ in einer erschreckend mitreißenden Bühnenversion im Theater der Jugend in Wien.

Das typische schmale Oberlippen-Bärtchen – obwohl Charlie Chaplin ein ähnliches hatte -, Gesten, Körperbewegungen, Sprache – und erst recht die Inhalte: Stefano Bernardin erweckt derzeit noch bis Ende April im großen Haus des Theaters der Jugend erschreckend jenen Mann zum Leben, der federführend die Welt in den Abgrund des zweiten Weltkriegs führte. In „Er ist wieder da“, sehr wortgetreu, mit aktualisierten Ergänzungen vom Autor Timur Vermes selbst, nach dessen 2012 erschienen gleichnamigen Erfolgsroman, schlüpft der Schauspieler in die Rolle des Jahrzehnte nach 1945 wieder erwachten Adolf Hitlers (Bühnenfassung und Regie: Thomas Birkmeir), übrigens: Das große Haus des Wiener Theaters der Jugend heißt Renaissancetheater und dieses französische Wort steht für Wiedergeburt.

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Szenenfoto aus „Er ist wieder da“ im Theater der Jugend in Wien

Ver-Führer

In altem Gewande und Gehabe, aber nie als Parodie wie etwa in Chaplins „Der große Diktator“, sondern „nur“ als die neuen (digitalen) Medien schnell lernender Verführer agiert „Er“. Die anderen im Roman und erst recht im Stück in der multimedial genial installierten Bühne mit einem halben Dutzend blitzschnell mit wechselnden Hintergrundbildern zu versehenden LED-Schirmen (Bühnenbild und Video: Sam Madwar) agierenden Personen zeigen sich fast allesamt in irgendeiner Form fasziniert.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Er ist wieder da“ im Theater der Jugend in Wien

Quotenhit

Die einen sehen in ihm einen hervorragenden Satiriker, einen Quotenbringer: Senderverantwortliche Carmen Bellini (Simone Kabst) und Manager Joachim Sensenbrink (Martin Bermoser) sowie dessen Adlatus Frank Sawatzki (Thomas Höfner). Letzterer kippt bald ins Anhimmeln des „Führers“ sowie vor allem die neue Sekretärin „Fräulein Krömeier“ (Victoria Hauer). Als „Er“ gegen Ende von rechtsextremen Skinheads überfallen und verprügelt wird, weil er ihrer Meinung nach den echten Ober-Nazi lächerlich gemacht hätte, stilisieren ihn Anrufer:innen gar zum antifaschistischen Demaskierer von Nazis und wollen ihn jeweils für ihre unterschiedlichen Parteien gewinnen.

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Szenenfoto aus „Er ist wieder da“ im Theater der Jugend in Wien

Falscher Applaus

Eines kann „Er“ ganz gewiss: Massen in Bann ziehen mit seinen Reden „gegen die da oben“ und dem Ansprechen der „Sorgen der kleinen Leute hier unten“. Sein neuer Slogan „Wir gegen Die“ verfängt. Mehr als gut. Baut er doch auf einem seit einigen Jahren leider gut gebauten Fundament auf.

Verfängt leider so gut, dass bei der Premiere – überwiegend erwachsenes Publikum – mindestens die Hälfte des Saals bei einem langen Monolog vor der Pause heftigst applaudierte. Was anderen, unter anderem den Rezensenten, mehr erschütterte als die Rede selbst. Die einzige Beruhigung: Aus Gesprächen mit Beteiligten war zu erfahren, bei Voraufführungen mit überwiegend jugendlichem Publikum wurde an dieser Stelle nicht geklatscht.

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Szenenfoto aus „Er ist wieder da“ im Theater der Jugend in Wien

Mit Ausnahme Bernardins schlüpfen alle anderen in mehrere bis viele Figuren, kleinere Rollen werden dieses Mal sogar von Techniker:innen übernommen: Patrick Amtmann, Thomas Drabinski, Constanze Drach, Amir Eid, Christina Schneider, Emili Staudinger.

Noch nicht erwähnt wurden Clemens Matzka, der vor allem den TV-Parade-Migranten-Talker Ali Wizgür gibt, der von „Adi“ quotenmäßig an die Wand gespielt wird. Und Barbara Spitz, die unter anderem die „kleine“, aber zentrale Rolle der Uroma Krömeier spielt. Ein Foto der von den Nazis in Vernichtungslagern ermordeten Verwandten bringt die Urenkelin, die aus einem Versprecher den Sager von „Geil, Hitler“ gebiert, zum ansatzweisen Umdenken. Sie könne nicht mehr für ihn arbeiten, das könne sie der alten Frau nicht antun, er könne doch wenigstens sagen, dass es ihm leidtue.
Was er – natürlich – nicht macht.

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Szenenfoto aus „Er ist wieder da“ im Theater der Jugend in Wien

Tragödie oder Farce

Vermes‘ Roman und die Bühnenfassung rufen ein Zitat von Karl Marx in Erinnerung: „Hegel bemerkt irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“ (Aus „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, 1852). Damit wollte Marx die Französischen Revolutionen charakterisieren:

1789 den blutigen Sturz der Monarchie und Gründung der Republik sowie mehr als ein halbes Jahrhundert später (1848/49) die Machtergreifung Louis Napoleons (des Neffen Napoleons I.), die zum Putsch mit anschließender Diktatur wurde.

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Szenenfoto aus „Er ist wieder da“ im Theater der Jugend in Wien

Doch die Farce droht zur neuen Tragödie zu werden. Rechts(extrem)e Parteien und Bewegungen, die sich gekonnt neuer Medien bedienen, versammeln in vielen Ländern wieder Massen hinter sich. Und schaffen es – siehe Passage über den Applaus – nicht selten sogar kritische Geister für sich einzunehmen.

Mit seiner letzten Regie-Arbeit, mit der Thomas Birkmeir sein fast ¼ Jahrhundert (2002 – 2026) währende Direktionszeit im Theater der Jugend beendet, knüpft er in dieser Saison an den Beginn im Herbst mit „Der überaus starke Willibald“ (von Willi Fährmann; Bühnenfassung: Sebastian von Lagiewski) an, das KiJuKU als „Farm der Mäuse“ in Anlehnung an Geroge Orwells „Animal Farm“ betitelte – eine Saison für Zivilcourage gegen autoritäre Herrschaft.

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INFOS: WAS? WER? WANN? WO? + BUCH-INFOS

Er ist wieder da

Roman von Timur Vermes
Bühnenfassung von Thomas Birkmeir
Ab 13 Jahren; 2 ¼ Stunden (eine Pause)

ER: Stefano Bernardin
Fräulein Krömeier / Fußballkind / Sohn der Reinigungsfachfrau / Schülerin: Victoria Hauer
Carmen Bellini / Ute Kassler / Kinderwagenfrau / Pensionistin: Simone Kabst
Joachim Sensenbrink / Fußballkind / Skinhead: Martin Bermoser
Reinigungsfachfrau / Fußballkind / Gisèlle / Uroma Krömeier: Barbara Spitz
Kioskbesitzer / Ali Wizgür / Dr. Radulescu: Clemens Matzka
Frank Sawatzki / Kioskkunde / Skinhead: Thomas Höfner
In weiteren Rollen: Patrick Amtmann, Thomas Drabinski, Constanze Drach, Amir Eid, Christina Schneider, Emili Staudinger

Regie: Thomas Birkmeir
Bühnenbild und Video: Sam Madwar
Kostümbild: Irmgard Kersting
Licht: Lukas Kaltenbäck
Dramaturgie: Gerald Maria Bauer
Assistenz und Inspizienz: Eva Maria Gsöllpointner / Lukas Spring
Hospitanz: Maximilian Hofstätter

Wann & wo?

Bis 29. April 2026
Renaissancetheater: 1070, Neubaugasse 36
Telefon: 01 521 10
tdj –> er-ist-wieder-da

Das Buch

Text: Timur Vermes
ER ist wieder da
390 Seiten
Bastei Lübbe Verlag
eBook: 9,99 €
Hörbuch (gekürzte Fassung), CD: 10,30 €
Hörbuch (gekürzte Fassung), MP3-download: 7,99 €
Taschenbuch: 15,50 €

Zu einer – langen Leseprobe, rund 40 Seiten – geht es (bei Blick ins Buch) hier