Über Vielfalt nicht nur reden, sondern sie auch leben – die besten der besten mehrsprachigen Redner:innen von „Sag’s Multi reloaded“ aus Wien; Teil 4 – am internationalen Tag der Muttersprachen.
„Zusammenhalt beginnt mit einem Lächeln“, meinte unter anderem Qianxan Han (AHS Maria Regina) beim Speech Off, dem neu konzipierten Regionalfinale des mehrsprachigen Redebewerbs Sag’s Multi im ORF-Zentrum am Küniglberg (Wien). Die besten der 384 Jugendlichen, die ihre Reden per Video im Herbst eingereicht hatten, halten seit Mitte Februar – bis Mitte März – in den ORF-Landesstudio live und analog (digital gestreamt) ihre Reden vor den Jurys. Die Jüngeren (7. und 8. Schulstufe) in der Kategorie YoungStars, die älteren (9. bis 13. Schulstufe) eben der Speech Masters. An jedem der Tage werden Sieger:innen gekürt – mehr Wettbewerb als bisher. Die Landessieger:innen (neuen Bundesländer plus Südtirol) der Älteren halten dann beim Abschluss-Finale im Wiener Rathaus (17. April) eine neue Rede; eine Jury wählt die beste aus.
Hier nun der vierte und letzte Teil – die anderen sind am Ende des Beitrages verlinkt – über die 30 Reden der Speech Masters aus Wiener Schulen, bewusst heue 821. Februar) veröffentlicht, dem internationalen Tag der Muttersprachen – dazu ein eigener, ebenfalls unten verlinkter Beitrag.
Und damit zurück zu Qianxan Han, die Chinesisch (Mandarin) und – wie alle anderen – auch Deutsch sprach (Bewerbsregel). Das erwähnte Lächeln sei Basis für den Aufbau von Vertrauen, so die Schülerin. Zusammenhalt sieht sie übrigens wie in einem schönen Bild in vielen bunten Farben, der Vielfalt. Denn Unterschiede sollten nicht Grund für den Bau von Mauern zwischen einander sein, sondern für Fenster die es ermöglichen raus-, aber auch rein zu schauen, sich kennen zu lernen… „Denn Zusammenhalt in Vielfalt ist die Hoffnung, dass aus dem DU und Ich ein WIR wird.“
Es sei Zeit, „uns selbst wieder zu finden“, denn alle seien mehr als ihre Likes, geposteten gefilterten Fotos, appellierte Liran Shabtai (Vienna European School) auf Hebräisch und natürlich Deutsch (Bewerbsregel, siehe oben, die ab nun nicht mehr in jedem Abschnitt extra erwähnt wird) an die live anwesenden vor allem Jugendlichen und jene, die via Live-Stream zuschauten – und nicht zuletzt auch sich selbst.
Die Selbstdarstellung in den Netzwerken hätte dazu geführt, nur Bilder von sich zu „verkaufen“. Vergessen werde zu lachen, zu fühlen… Doch jede und jeder habe die Wahl, weiterhin nur zu scrollen oder echt zu leben mit allen Fehlern, Unsicherheiten, Narben. Sie, die es liebe, auf der Bühne zu stehen (vor allem als Tänzerin), rief abschließend auf, es sei Zeit, „Masken fallen zu lassen“.
„Fairness nicht gefunden, Fehler 404“ konstatierte Viola Kaltenberger (Hertha Firnberg Schulen für Wirtschaft und Tourismus, Französisch), wenn – wie es oft passiert, Sprachen in wertvolle und weniger wertvolle auseinanderdividiert würden / werden. Während Englisch, Französisch, Spanisch auch – öffentlich verwendet – vielfach geschätzt werden, heißt es bei Türkisch, Arabisch oder Somali nicht selten „die sprechen ja zu Hause kein Deutsch“.
Damit werden Menschen dieser Sprachen strukturell diskriminiert, ausgegrenzt, ausgeschlossen. Jede Sprache und jede Kultur ist aber gleich viel wert und Vielfalt nicht nur dann super, wenn sie bequem ist, sondern nur echt, wenn alle Stimmen zu hören sind. Und wenn nicht nur davon geredet, sondern erst wenn sie gelebt wird. Sonst bleibe am Bildschirm: Fehler 404.
„Wer Hoffnung sät, erntet Licht!“, so optimistisch und tatbereit beendete Enesa Qorri (GRG 21; Albanisch) ihre Rede. In der hatte sie zuvor die von außen auf ihre, die junge, Generation aufgebürdeten Erwartungshaltungen einer- und die großen Krisen, der sie und ihre Altersgenoss:innen ausgesetzt sehen, andererseits aufgezählt: Sorgen über die Zukunft, Klimawandel, Druck, perfekt sein zu müssen oder wenigstens sollen, „das Gefühl, nie genug zu sein.
Gleichzeitig aber sei dies eine Generation, die viele Fragen und vieles in Frage stelle und sich eine Welt wünsche, in der Menschlichkeit mehr zähle als Leistung.
Schlagzeilen über Kriege und Kämpfe, dann wieder Tanzvideos – solche und andere werden tagtäglich wild durcheinandergemixt in Timelines sozialer Netzwerke gespült, schilderte Kumru-Xezal Merey (VBS – Vienna Business School, private Handelsakademie – Floridsdorf; Englisch) eingangs. Das trage mit dazu bei, mentale Gesundheit zu beeinträchtigen.
Sie versuchte in ihrem Speech-Masters-Beitrag einen Weg aus der Misere aufzuzeigen: Aufhören, einander zu beschuldigen; anfangen an einem Strang zu ziehen; miteinander kreativ sein, statt übereinander zu urteilen. Immerhin werde heute viel über mentale Gesundheit geredet, etwas, worüber früher geschwiegen wurde.
Sie rief letztlich zu einem Austausch für einen Prioritäten-Wechsel in Richtung mit- statt gegeneinander auf: Ex-Change!
Und an die Erwachsenen gerichtet, meinte sie: „Wir sind das Ergebnis eurer Fehler und Erfolge! Aber, wir werden nicht so sehr gehört, wie es sein sollte!“
Auch wenn sie und andere Mädchen und junge Frauen hier und heute ihre Reden halten und dies vor etwas mehr als 100 Jahren hier – und heute in vielen anderen Ländern noch nicht möglich (gewesen) wäre, sei es nicht genug, sich auf Erreichtem auszuruhen. Darüber sprach Hana Cunaku (GRG 21; Albanisch).
Gleichberechtigung sei auch bei uns oft nur auf dem Papier gegeben. Exemplarisch schilderte sie drei Mädchen, allesamt in Österreich geboren, aufgewachsen, hier lebend und Schulen besuchend und doch würden sie nicht gleichwertig wie viele andere behandelt: (Nach-)Name, Hautfarbe oder Kopftuch würden nicht selten „ausreichen“, um verletzende Kommentare abzukriegen, die seelische Wunden hinterlassen. „Niemand sollte sich an Ungerechtigkeit gewöhnen müssen! Gerechtigkeit muss man leben, jeden Tag im Unterricht, auf der Straße… Ich wünsche mir ein Österreich, ein Land, das nicht fragt, woher kommst du, sondern wohin willst du?!“
Und weil sie Realität menschlicher Gesellschaften mit einem bunten statt eintönigem Gemälde verglich, hatte sie ein – von ihrem Vater gemaltes – Bild einer farbenfrohen Landschaft mit zum Redepult genommen.
Sie liebe bulgarische Volkstänze gleichermaßen wie Kaiserschmarren – mit diesem plastischen Wortbild stieg Viktoria Boucheva (AHS Maria Regina; Bulgarisch) in ihre Rede. Sie besuche zwei Schulen, neben dem österreichischen Gymnasium am Wochenende noch die bulgarische, wo sie Sprache und vieles über die Kultur des Herkunftslandes ihrer Eltern lerne. „Was manchmal anstrengend, aber meistens wunderschön ist.“
Was sie nerve: Wenn sie in ihrer Tracht zu Auftritten in der U-Bahn fahre und manche Menschen heimlich Fotos machen, andere die Kleidung angreifen – alles ohne zu fragen oder sich zu interessieren; dann fühle sie sich „wie etwas Fremdes, obwohl ich hier geboren bin, hier lebe und träume“.
Vielfalt bedeute doch, sich eben nicht entscheiden zu müssen für die eine oder andere Seiten, sondern beides leben zu dürfen, ohne sich schämen zu müssen. Sie wünsche sich mehr Schulprojekte, in denen wir gegenseitig voneinander lernen, statt übereinander zu reden, nicht um zu vergleichen, sondern um zu teilen. Unterschiede sollen uns nicht voneinander trennen, sondern verbinden, denn nur gemeinsam sind wir wirklich stark.
Irgendwo anders auf der Welt gibt es – nicht nur – ein 15-jähriges Mädchen, das nichts zu essen hat, hungrig aufwacht und ebenso abends schlafen gehen muss, während sie und ihresgleichen sich hier sorgen, was es zu Mittag gebe oder der Unterricht auch spannend werden würde. Mit diesem plastischen Bild von Ungerechtigkeit begann Victoria Peña (AHS Wien West; Spanisch) ihren Beitrag, einen der letzten am Wien-Tag der Speech Masters wie nun die ältere Kategorie bei Sag’s Multi reloaded heißt.
Diese Ungerechtigkeit widerspreche dem Grundsatz, dass alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten geboren werden, wie sie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte gleich in Artikel 1 festhält.
Und weil es so ist, heiße das aber, bereits in kleinstem Rahmen sich für Menschen einzusetzen, wenn sie unfair behandelt werden. Nur durch Hinsehen und aufzeigen können Veränderungen angestoßen werden. Und wenn sich viele, möglichst alle zusammentun und mithelfen, dann kann auch Großes verändert werden!
Gerechtigkeit wählte auch Asya Sen (HTL Rennweg; Türkisch) als Inhalt ihrer Rede. Und dennoch wird 2026 noch immer von Frauen- und Männerberuf gesprochen, wird Frauen vorgeschrieben, wie sie sein sollen. Sie selbst habe – gemeinsam mit ihrer Mutter – wie zwei Polizisten ein arabisches Ehepaar aufforderten, die Ausweise zu zeigen und die Frau anherrschten, sie möge ihr Tuch abnehmen, um ihre Identität überprüfen zu können. Erst die Mutter der Sag’s-Multi-Rednerin habe die Polizisten dann aufgefordert, diese Frau nicht öffentlich zu entblößen.
Das Kopftuchverbot werde verkauft als gleiche Chance für alle, doch das Verbot sei nichts anderes wie auf der anderen Seite der Zwang zur Verschleierung. In beiden Fällen werden Frauen zu Objekten degradiert und nicht wie denkende Subjekte behandelt. „Eine Frau ist kein Projekt, sondern ein Mensch mit Verstand und Würde!“
Beim nunmehrigen 17. Durchgang des mehrsprachigen Redebewerbs Sag’s Multi! – seit 2020 vom ORF gehostet (davor vom Verein Wirtschaft für Integration) sind einige Regeln neu, auch der Name: Next Level: SAG’S MULTI reloaded.
Statt bisher drei Altersgruppen (7./8., 9./10. sowie 11. bis 13. Schulstufe) sind es nun zwei:
* YoungStars (7. und 8. Schulstufe) bzw.
* Speech Masters (9. bis 13. Schulstufe).
384 Jugendliche haben in diesem Schuljahr ihre mehrsprachigen Rede-Videos eingereicht, 105 YoungStars sowie 165 Speech Masters wurden von den Jurys für die Speech Offs eingeladen.
Bei den Speech Offs – den analogen Live-Reden (im Gegensatz zu den Video-Reden in der ersten Phase) vor Publikum und im ORF-Livestream (danach in der TV-Thek) – werden in beiden Gruppen von der Jury jeweils Platz 1 bis 3 vergeben.
Beginnend mit Wien (16. und 17. Februar) touren die Speech-Offs bis 12. März (St. Pölten/ NÖ)
Die Erstplatzierten aller neun österreichischen Bundesländer sowie aus Südtirol – jeweils in den ORF-Landesstudios – treten bei der Abschlussveranstaltung von Sag’s Multi reloaded im Wiener Rathaus (17. April 2026) – genannt „The Final 9+“ (neun Bundesländer plus Südtirol) mit einer neuen Rede an, wo eine Jury neuerlich bewertet, um eine Siegerin oder einen Sieger zu küren.
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