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Abschließendes Gruppenfoto
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19.03.2022

Preisverleihung mit mehr als getrübter Freude

25. Auflage der exil-Literaturpreise: Schreiben zwischen den Kulturen, so viel Lyrik wie selten zuvor.

Zum brandaktuellen Krieg in der Ukraine hielt eine der Sieger:innen des zum 25. Mal durchgeführten deutschsprachigen Literaturbewerbes „Schreiben zwischen den Kulturen“ eine zu Tränen rührende Rede, keineswegs pathetisch, sondern ehrlich betroffen und wütend. Einerseits bestärke und ermutige sie es schon, den 3. Preis für ihren Text „Die Klasse, die ich hasse“ gewonnen zu haben, andererseits könne sie sich gar nicht freuen. Immerhin herrscht in der Ukraine der von Wladimir Putin angeordnete Überfall auf das Nachbarland, so Anastassia Vybornova, geboren in Moskau, aufgewachsen in Wien – auch mit Russisch.

In ihrem Text setzt sie sich intensiv und sprachlich vielfältig mit Diskriminierung und Privilegien – auch der Hierarchie von Migrant:innen auseinander, mitunter auch bitterböse über Doppelbödigkeiten in der ach so offenen, liberalen Gesellschaft – aber eben wahr(haftig). „Nein, weißt du, auch Prinzipien muss man sich leisten können.“

Sehr humorvoll

Viel zu Entspannung – auch in der doch angespannten aktuellen Lage – trugen Auszüge aus dem Text der Zweitplatzierten am Preisverleihungsabend bei. Mit sehr viel Sprach- und Wortbild-Witz beschreibt Melike Yağız-Baxant in „ein künstlerischer Therapieabend“ furchtbar erlebte Situationen in der Kindheit als Art Theaterinszenierungen. Vielleicht auch „nur“ rückblickend, weil sie bald ihre Leidenschaft für die Bühne entdeckte – samt den nicht immer gerade angenehmen Theater-Erfahrungen in Wien. Da diese immer – auch in Optimalfällen – von Vorstellungen anderer (Regie usw.) stark bestimmt werden, fühle sie sich seit einiger Zeit beim Schreiben oder eigenen Videos viel wohler, es bedeute „filterlose Befreiung“ wird sie in einem Gespräch zu ihrem Text im Sammelband – siehe Info-Box – zitiert.

Platz 1: Historisches literarisch verpackt

Platz 1 der 25. Auflage des Bewerbs der edition exil, bei der heute so bekannten bzw. aufstrebende Schriftsteller:innen wie Julya Rabinovich oder Dimitré Dinev, Anna Kim, Seher Çakır, Ljuba Arnautović, Samuel Mago, Susanne Gregor oder Didi Drobna ihre ersten Texte veröffentlicht haben, ging diesmal an Anahit Bagradjans für „von oben gesehen sind  alle Toten haarlos“. In ihrem Text, der anfangs für Verwirrung sorgt, schildert sie den sorgfältig geplanten Mord eines Aktivisen von „Nemesis“ an Mehmet Talaat Pascha am 15. März 1921 in der Berliner Hardenbergstraße. Der Mann war osmanischer Innenminister und federführend verantwortlich am Völkermord von mehr als einer Million Armenier:innen. Und das eingebettet in einen Text als wär’s eine private Geschichte.

Zwei Lyrikpreise

Nicht jedes Jahr konnten Preise in der Kategorie Lyrik vergeben werden, dieses Mal waren es sogar zwei.

Gedichte zwischen Licht und Schatten, Unbehagen verschämt und doch thematisierend – aber auch einige Prosatexte – über Sehnsucht, Hoffnung und doch zittriger Angst eines Zuhauses verschafften der in Tel Aviv geborenen Loulou Omer einen der beiden Lyrikpreise der 25. Ausgabe des Bewerbs der Edition Exil.

Schon in der ersten Zeile seines ersten Gedichtes läuft es einem kalt über den Rücken: „Säure lief auf mein Lachen …“ ein anderes beginnt mit „Ich weiß nicht, zu welchem Grab ich meinen Körper bringen soll…“ Fatah Farzam, der seit wenigen Jahren in Graz lebt, musste als Angehöriger der verfolgten Minderheit der Hazara aus Afghanistan flüchten. Gemeinsam mit dem Kunstlabor Graz/uniT baute er die Katib Farsi Bibliothek auf, die mittlerweile mehr als 1000 Bücher in einer der großen Sprachen Afghanistans umfasst. Er lernte heimische Schriftsteller:innen kennen und begann neben Farsi auch auf Deutsch Gedichte zu schreiben. Mit denen er nun gleich einen der beiden Lyrikpreise gewonnen hat.

Blue(t)s

Apropos Afghanistan. „Es heißt, dass es einmal eine Zeit gab, in der die einzige Quelle für die Farbe Blau in Afghanistan lag. Sar-é Sang, eine Lapislazuli-Mine, der Ursprung von Ultramarin. Jenseits des Meeres.“ Diese Sätze stammen aus dem Text einer weiteren Preisträgerin. Zarah Weiss beschreibt in „Bluets for Sohaila“ ihre mittlerweile intensive Beziehung mit dem titelgebenden Mädchen einer Familie, die aus Afghanistan flüchten musste. Damals war Sohaila drei Jahre. Nicht nur die Farbe Blau ist Teil er Erklärung für den ersten Teil des Titels ihres preisgekrönten Textes, sondern auch: „Wenn ich von eurem Haus zur Straßenbahn laufe und nach Hause fahre, höre ich Misty Blue, die Kopfhörer fest auf die Ohren gedrückt. Ich höre so laut und lange Musik, bis die Gedanken aus meinem Kopf verschwunden sind: dass dein Vater keine Arbeit findet, dass deine Mutter keine Deutschkurse bekommt. Dass ihr zurückgehen werdet, sobald ihr könnt. Dass ihr nicht zurückgehen könnt, noch lange nicht.“

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Story über die Jugend-Preisträger:innen

Ausschreibung

Exil-Literaturpreise 2022
Die nächste Runde ist bereits angelaufen. Eingereicht werden können Texte – höchstens zehn A4-Seiten (ca. 1800 Zeichen/Seite) -, die sich im weitesten Sinn mit Themen wie Fremd-, Anderssein, Identität, Leben zwischen Kulturen auseinandersetzen.

Einsendeschluss
Prosa und Lyrik: 30. April 2022
Jugendtexte, Schulprojekte: 30. Juni 2022

Einsendungen: NUR online mit dem Betreff: „exil-literaturpreise“
verein.exil@inode.at

editionexil -> einreichen

BUCH-INFOS

Preistexte 21

das buch zu den exil-literaturpreisen 2021

Herausgegeben von Christa Stippinger
ca. 250 Seiten
edition exil
15 €
Preistexte-21

Doppelseite aus dem Jugendbuch "Mein Plan B oder Wie ich zum ersten Mal Brausepulverkribbeln im Bauch hatte"
14.10.2022

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