Einstündiges Theaterstück ab 7 Jahren hinterfragt und kritisiert raumgreifendes (männliches) Verhalten, „vergisst“ aber den Land- und Viehdiebstahl an der indigenen Bevölkerung Amerikas.
„Yippie-Ya-Yay“ schwebt – für (Groß-)Elterngenerationen ein bekannter Ausruf aus diversen meist actionreichen Filme aus dem sogenannten Wilden Westen der USA über dem lange Zeit wortlos bleibenden klassisch-klischee-beladenen Ambiente der Bühne des kürzlich im Dschungel Wien gestarteten Stücks „Cowboys“: Ein riesiger Stoff-Kaktus, eine rötliche stilisierte Berglandschaft, ein Teppich, der an ein überdimensionales Kuhfell erinnert und an Seilen hängt, zwei halbhohe Saloon-Schwingtüren, zwei hölzerne „Pferde“ und vier herumlümmelnde Protagonistinnen in unterschiedlichen aber ebenfalls aus solchen Filmen stammenden Outfits, manche mit dem „einschlägigen“ Hut (Bühne und Kostüm: Flora Valentina Besenbäck). Er bringt vielleicht auch Reminiszenzen an den ersten der digitalen Animations-Filme der Toy-Story-Reihe aus den Kinderzimmern, wo Andys liebste Spielfigur der Cowboy-Sheriff Woody ist.
Während Defne Uluer eher schüchtern, verhalten neben dem Kaktus lehnt, breitet sich Emmy Steiner (gemeinsam mit Sarah Gaderer auch künstlerische Leiterin der einstündigen Produktion für ab 7-Jährige) sehr raumgreifend auf der Bank vor dem Saloon aus. Die beiden und dazu zunächst noch Martina Rösler und Elina Lautamäki kämpfen – meist (panto-)mimisch, nur selten mit einigen englischen und deutschen Worten um den Platz in der Mitte oder wo auch immer. Mit bekanntem Manspreading- Gehabe, nicht zuletzt dadurch, dass dies von ausschließlich Frauen gespielt wird, schon mit einer gewissen ironischen Distanz. Das zusätzlich übertriebene Spiel von Spuck- und anderen grauslich-abstoßenden Gesten verstärkt die nachvollziehbare szenische Kritik an solchen Verhaltensmustern.
Das Schauspiel, in dem es später zu wilden Ritten auf den hölzernen Pferden und verschiedensten Interaktionen kommt, eröffnet aber auch mehr, denn irgendwann outet sich beispielsweise die oben schon erwähnte schüchtern lehnende Defne Uluer als eine, die Pferde gar nicht mag, weil sie nicht reiten kann. Und wird aber dennoch von den anderen drei nicht ausgegrenzt. Liefert sich aber ein Duell mit Emmy Steiner – auf Mundharmonikas.
Musik spielt auch eine immer wieder kehrende Rolle in „Cowboys“, zum Glück nicht klassische Western-Lieder „vom Tod“, sondern von Elina Lautamäki geschriebene liebliche Songs, mit teils schrägen Texten von einer traurigen Tomate und lächelnden Blumen. Wobei Musik auch in Form rhythmischer Spiele rund ums Reiten auf den Holzpferden eine Rolle spielt und diese Rösser entfernt an den schulischen Turnunterricht und noch entfernten an den alten deutschsprachigen Begriff für Hobby, nämlich „Steckenpferd“, erinnern.
Irgendwann stößt mit Aurora Hackl Timón noch eine fünfte Performerin, die gemeinsam mit den vier anderen und Lina Venegas das Stück entwickelt hat, zur Szenerie. Fast unbemerkt platziert sie sich im Hintergrund, strickt und strickt. Sie hat gegen Ende einen überraschenden – und hier sicher nicht gespoilerten – kräftigen, fulminanten (musikalischen, so viel sei verraten) Auftritt.
Auch wenn klassische „Western“ samt Karl-May-Romanen eher eine (Groß-)Eltern-Kiste sind, sind die raum- und besitzergreifenden Verhaltensweisen vor allem durch Männer „dank“ Manosphere-Influencern auf Social Media selbst für junge Kinder wieder stärker präsent. Ein solcher kam sogar in der Kinoverfilmung von Christine Nöstlingser „Geschichten vom Franz“ als Influencer Hank Haberer vor. Amüsante und sympathisch bricht und hinterfragt diese Vorstellung solches. Und übersiedelt ganz am Ende in sprechgesangähnlicher Tonalität das Geschehen von Texas nach Wien samt dem fast schon pädagogischen Appell, über Gefühle zu sprechen und den Mut, um Hilfe zu bitten, wenn sie erforderlich ist oder wenigstens erscheint.
Allerdings wird eine riesige Leerstelle aufgerissen. Abgesehen davon, dass die „Cowboys“, egal ob als einsame Helden oder doch weniger heroisch und vor allem durchaus divers – die echten solchen waren eben Kuhhirten, Landarbeiter unter wenig ruhmreichen Arbeitsbedingungen. Und doch einfach Helfer, durchaus auch schwarze aus der Sklaverei, jener weißen Eroberer aus Europa, die sich Land und Vieh der angestammten indigenen Bevölkerung unter den Nagel gerissen haben. Und auch das wäre natürlich auch jenseits der „Prärie“ oder des „wilden Westens“ angebracht. Damit sich der Dialog nicht nur unter Privilegierten oder zumindest sich als solche Aufspielenden abspielt und gerade jene, denen sie den Raum wegnehmen, ganz ignoriert werden.
Performance & Tanz; ab 7 Jahren; eine Stunde
Sarah Gaderer + Emmy Steiner
Künstlerische Leitung: Sarah Gaderer, Emmy Steiner
Stückentwicklung: Lina Venegas
Performance & Stückentwicklung: Aurora Hackl Timón, Elina Lautamäki, Martina Rösler, Emmy Steiner, Defne Uluer
Regie: Sarah Gaderer
Bühne und Kostüm: Flora Valentina Besenbäck
Musik: Elina Lautamäki
Licht: Michael Zweimüller
Assistenz Bühnenbild: Lina Eberle, Marlene Scheibenpflug
Assistenz Regie: Hanna Masznyik
Outside Eye (dramaturgische Beratung): Oneka von Schrader, Dagmar Dachauer
Produktion: Julia Haas
Bis 1. Februar 2026
Dschungel Wien: 1070, MuseumsQuartier
Telefon: 01 522 07 20-20
dschungelwien –> cowboys
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