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Aus "May.be - Was sein darf"
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26.01.2022

Ob Figuren oder Pixel animieren – im Prinzip recht ähnlich

Wiener Schubert Theater lädt zu einem Monat digitalen Theaters und Diskussionen darüber in Future Talks ein.

Als vor fast zwei Jahren Lockdowns Theater zwangen, ihre Türen für Live-Publikum immer wieder monatelang versperrt zu lassen, streamten die einen Vorstellungen, die sie schon früher gefilmt hatten. Die einen hatten professionelle Aufzeichnungen, mitunter aus mehreren Kameraperspektiven, andere nur weniger gute. Von „Streamen gegen die Einsamkeit“ bis zu naja… reichte die Palette. Es ist nicht das Live-Erlebnis, mit dem Theater immer gegen TV oder auch Kino argumentierte. Dann aber gab es auch Theater-(gruppen), die in digitalen Formaten ein eigenständiges Kunstformat sahen und dies auch zu bedienen begannen – manche hatten auch schon davor mit solchen experimentiert. Der in Wien seit der Übernahme des Volkstheaters nicht unumstrittenen Kai Voges hatte mit „Cyberräuber“ schon ein paar Jahre vor der Pandemie bejubelte digitale Stücke inszeniert – großteils als Live-Events, bei denen Zuschaucher:innen einzeln mit VR-Brillen virtuelle (Theater-)Räume durchwandern konnten.

Großteil des Textes von einer Künstlichen Intelligenz

In Wien hat das Schubert Theater (Figurentheater für Erwachsene) in verschiedenen Varianten Digitalität schon vor der Pandemie eingesetzt. So verfasst Direktor Simon Meusburger den Text für das „Projekt Pinocchio“ im Wechselspiel mit einer künstlichen Schreib-Intelligenz, GTP-2 (Generative Pretrained Transformer). Die ist sogar für gute zwei Drittel des Texts verantwortlich, gesteht er bei einem Mediengespräch im Vorfeld der vom Schubert Theater im Februar laufenden Reihe „Future Lab – Die Zukunft und das Theater“.

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Mit dieser Schreib-„Maschine“ hat übrigens auch das Linzer Landestheater in Kooperation mit „Cyberräuber“ im Livestück „Prometheus Unbound“ auf der Studiobühne im Spätherbst 2019 gespielt. Das Schauspielduo zitiert anfangs aus verschiedenen Übersetzungen des klassischen antiken Stoffes aus der Aischylos-Version. Eine Mitwirkende am Bühnenrand tippte die in die Eingabemaske von GTP-2. Die künstliche Intelligenz setzt den Text fort, der wurde an die Wände projiziert und den Schauspieler:innen via Knopf im Ohr zu Gehör gebracht, den die dann performen. Die KI „spuckte“ jeden Abend nicht unbedingt die selben Fortsetzungen aus, sondern erwies sich als kreativ.

Das Linzer Landestheater hat in Pandemiezeiten eine eigene Schiene aufgebaut: „Netzbühne Live“ bieten vor allem interaktive Stücke mit Jugendthemen für digitale Schulklassenbesuche an. Und über „Play on!“ ist es Teil eines Netzwerks neun europäischer Theater (von Estland bis Italien, von England bis Polen.

Ein Würstelstand auf Reisen

Meusburger konnte, wie er sagte, damit seine beiden Leidenschaften endlich verbinden. Schon als Jugendlicher sozusagen ein Computerfreak und fasziniert von Möglichkeiten künstlicher Intelligenz verknüpfte er nun mit (Figuren-)Theater für das er ebenfalls brennt. Lisa Zingerle, Co-Direktorin des Schubert Theaters vermittelte den Medienvertreter:innen, dass die beiden Dinge gar nicht (so) weit auseinander liegen. „Auf der Bühne erwecken wir Figuren und Objekte zum Leben und genau dasselbe machen wir mit digitalen Objekten, Pixeln.“

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Und so wanderte die analoge Puppenfigur der Resi Resch mit ihrem Würstelstand auch in die schier unendlichen Weiten des World Wide Web mit (vorerst) fünf Folgen „Ein Würstelstand auf Reisen“ – ein Interview von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … mit der Figur der Resi Resch (und ihrer Spielerin Manuela Linshalm) in einem eigenen (Video-)Beitrag – hier unten verlinkt.

Werther und möwe.live

Mit am Podium des Mediengesprächs war auch Cosmea Spelleken, Mitbegründerin des Online-Theaterkollektivs „punktlive“. Sie erzielten im Herbst 2020 mit „werther.live“ für die Gruppe selbst überraschenden Zuspruch. „Bei der Premiere waren wir über 130 virtuelle Gäste überrascht, vier Monate später schauten schon mehr als zehn Mal so viele Besucherinnen und Besucher zu. Und wir haben’s sogar in die New York Times geschafft.“ Der virtuelle Theaterraum können auch Nähe und Intimität schaffen, die es auf einer analogen Bühne gar nicht geben kann, nennt sie auch einen Darstellungs-Vorteil des Heran-Zoomens an Schauspieler:innen im virtuellen Raum.

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Übrigens hat schon vor fast sechs Jahren ein junger Schauspieler (Josef Ellers) in der Regie von Helena Scheuba live auf kleinen Bühnen mit Hilfe von Facebook-, WhatsApp- und Instagram-Accounts interagiert und so eine multimediale Version des Goethe’schen Breifroman-Klassikers gespielt: #werther

Barrierefreier und ortsunabhängiger

Digitales Theater habe übrigens noch einige praktische Vorteile, kam mehrfach zur Sprache: Ortsunabhängigkeit und Barrierefreiheit beispielsweise – gerade für Klassenbesuche (die übrigens derzeit aufgrund der Corona-Bestimmungen noch immer nicht erlaubt sind) aus Schulen, die weite Anreisewege hätten.

Video-Beitrag aus der Grazer TU
Johanna Pirker, Gaming-Expertin von der TU-Graz in ihrem Video-Statement

Gaming und Theater

Gaming-Fachfrau und Hedy-Lamarr-Preisträgerin Johanna Pirker von der Technischen Uni Graz stellte in einem zuvor übermittelten Video Erkenntnisse aus dem analogen Theater gerade für VR-360-Grad-Spiele hervor: „Vom Theater hab ich gelernt, den Fokus, die Aufmerksamkeit auf wichtiges Geschehen zu richten.“ In einem ihrer ersten Spiele hätte sie gar nicht bemerkt, dass sich das, worauf’s angekommen ist, hinter ihrem Rücken abgespielt habe. Vom Theater können Spiele-Entwickler:innen viel für Dramaturgie und Regie eines Games lernen.

Befruchtend für die Großen

Wie immer wieder in der Geschichte des Theaters liefern oft freie Gruppen die innovativen, zündenden Ideen, die später auch von (großen) Häusern übernommen werden. Es brauche nur gerechte, ausreichende Förderungen für die Szene, verlangte nicht zuletzt für die IG Freie Theaterarbeit Ulrike Kuner. Im Zuge der Pandemie-Unterstützungen habe es zwar auch einen kleinen Fördertopf für „Von der Bühne zum Video“ gegeben, aber die zwei Millionen waren rasch zu wenig. Vor allem brauche es 100%-Förderungen für solche Projekte, denn freie Künstler:innen in diesem Bereich zwischen Theater mit neuen Technologien und Medien könnten nicht selber „Reste“ von Geldern aufstellen, wenn nur ein Anteil gefördert würde.

Jedenfalls waren/sind sich alle einig, es geht nicht um analoges oder digitales Theater, sondern ein Neben- und Miteinander. Dafür startet das Schubert Theater (Wien) im Februar eine Reihe unter dem Titel „Future Talks“ zum Austausch der verschiedenen Akteur:innen in beiden Szenen – siehe Infos. Schon ab 2. – bis 28. Februar (2022) – gibt’s einen umfangreichen Spielplan im Schubert Theater und online mit digitalen Stücken: MAY.be, Projekt Pinocchio, fünf Folgen von „Ein Würstelstand auf Reisen“ (alle produziert vom Host, also dem gastgebenden Theater) sowie werther.live und möwe.live der Gruppe punktlive – Spielplan-Link in der Info-Box.

Follow@kiJuKUheinz

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INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Future Talks und Future Lab

Future Talk 01: Die Zukunft und das Theater
Digitales Theater: Was ist es, was kann es und wozu braucht man es?
Mit: Simon Meusburger (Schubert-Theater-Direktor), Cosmea Spelleken (punktlive), Johanna Pirker (TU-Graz), Manuela Linshalm (Puppenspielerin), Alexander Kerlin (Mitbegründer der Akademie für Theater und Digitalität, aktuell Dramaturg am Wiener Burgtheater)

17. Februar um 18:30 Uhr (im Anschluss von Folge 5 „Ein Würstelstand auf Weltreise“)
im Schubert Theater Wien und via Livestream: https://schuberttheater.at/future-talks/

Future Talk 02: Wissenschaft und Kunst
Was macht die Kunst mit Wissenschaft und Technologie und umgekehrt? Welche Rolle nimmt das Theater in der Kunst- und Kulturvermittlung ein?
Mit: Simon Meusburger (Schubert-Theater-Direktor), Lukas Mairhofer (Experimentalphysiker), Olivier Schaffer (VR-Experte), Reni Hofmüller (Künstlerin und Leiterin des esc medien kunst labors)

28. Februar um 21:00 Uhr (im Anschluss an die Vorstellung „Projekt Pinocchio“)
im Schubert Theater Wien und via Livestream: https://schuberttheater.at/future-talks/

schuberttheater.at -> Spielplan/

schuberttheater -> Future-lab

punktlive.de

Landestheater-linz -> Netzbuehne-live

play-on.eu

Szenenfoto aus "Lust"
11.03.2022

Viva la Vulva!