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Szenenfoto aus "Animal Farm" in der Theaterwerkstatt des NÖ Landestheaters in St. Pölten
Szenenfoto aus "Animal Farm" in der Theaterwerkstatt des NÖ Landestheaters in St. Pölten
19.03.2026

Rebellen, die sich zu „Gleicheren“ erheben

George Orwells Klassiker „Animal Farm“ als – leider – wieder sehr aktuelle Inszenierung in der Theaterwerkstatt des NÖ-Landestheaters in St. Pölten.

Vogelgezwitscher, grunzen, mähen, muhen, bellen, schnauben… – mit Tiergeräuschen stimmt das kleine Ensemble schon vor Beginn der Aufführung in der Theaterwerkstatt des niederösterreichischen Landestheaters auf „Animal Farm“ ein.

Alt, aber leider ziemlich aktuell ist diese Fabel von Eric Arthur Blair, besser bekannt unter seinem Pseudonym George Orwell (1903 – 1950). Vor 81 Jahren im englischen Original veröffentlicht, wurde sie mehrfach von unterschiedlichen Übersetzer:innen als „Farm der Tiere“ ins Deutsche übertragen, mitunter auch illustriert (u.a. von Friedrich Karl Waechter); die St. Pöltner Theaterversion greift auf die von Michael Walter

zurück. Vielfach verfilmt, für Bühnen als Theaterstücke ebenso dramatisiert wie in Form von Musicals, vor sechs Jahren erschien sogar ein Videospiel – „Orwell’s Animal Farm“.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Animal Farm“ in der Theaterwerkstatt des NÖ Landestheaters in St. Pölten

Die Story

Die Grundgeschichte – für jene, die’s (noch) nicht kennen, für andere zum Überspringen dieses und der folgenden beiden Absätze bis „Umsetzung“: Knapp vor seinem Tod hält der alte Eber Old Major eine Ansprache bei der Versammlung der Tiere der „Herren-Farm“. Dabei prangert er die Ausbeutung der Tiere durch den menschlichen Besitzer Mr. Jones an und hofft auf eine Rebellion – wann auch immer.

Eine solche erfolgt nach Majors Tod sogar früher als erwartet bzw. befürchtet. Nachdem der Besitzer (wieder einmal) auf die Fütterung der Tiere „vergessen“ hat, vertreiben sie ihn gemeinsam, übernehmen den Bauernhof, nennen ihn in „Farm der Tiere“ um und geben sich sieben einfache Regeln. Gekennzeichnet sind diese davon, dass Menschen die Feinde sind, Tiere sich in ihren Verhaltensweisen von diesen abgrenzen sollen (keine Kleidung, kein Alkohol, nicht in Betten schlafen), vor allem einander nicht töten und zuletzt „alle Tiere sind gleich!“

Doch bald übernehmen Schweine, die sich für die Schlauesten halten, die Macht, vor allem Napoleon, zunächst auch noch Schneeball und Schwatzwutz. Nach und nach beginnen sie die anderen Tiere zu unterdrücken, eigenen sich Verhaltensweisen an, die gegen die gemeinsamen Regeln verstoßen, schreiben diese auch um – und verbrüdern sich mit Menschen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Animal Farm“ in der Theaterwerkstatt des NÖ Landestheaters in St. Pölten

Umsetzung

Auf der von Thorben Schumüller gestalteten eher kleinen Bühne spielt sich alles auf einem kompakten, doch wandelbaren Raum ab. In „schweinischen“ Grundkostümen (ebenfalls Schumüller) schlüpfen die Schauspieler:innen Tobias Artner (Schwatzwutz / Schaf / Kuh / Hund / Mr Whymper / Huhn / Schlachter), Marthe Lola Deutschmann (Schneeball / Hahn / Huhn / Muriel / Mensch), Sven Kaschte (Minimus / Boxer / Kuh / Hund / Schaf / Mensch) und Katharina Rose (Napoleon / Benjamin) – die Reihenfolge der Genannten übrigens nur nach den Anfangsbuchstaben der Nachnamen, keine Wertung!) in die Rollen verschiedenster der Tier-Charaktere. Jene, die auch Menschen verkörpern tragen Gesichtsmasken zum tierischen Körper.

So zum Teil sogar wie eben zu lesen sehr viele unterschiedliche Rollen, so wandlungsfähig, teils dadurch auch ziemlich gegensätzlich, erweisen sich eben die vier Akteur:innen. So spielt Rose ja einerseits den sich immer mehr zum absoluten Diktator aufspielenden, letztlich sogar mit Menschen Geschäfte machenden und dafür die anderen Tiere ausbeutenden Diktator; und andererseits den alten Esel Benjamin. Der pendelt zwischen abgeklärt, zynisch und das Ganze Geschehen durchschauen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Animal Farm“ in der Theaterwerkstatt des NÖ Landestheaters in St. Pölten

Historisch und Gegenwärtig

Historisch gesehen verfasste der Autor, der übrigens von 1936 bis 1937 an der Seite der Republik im Spanischen Bürgerkrieg gegen die aufkommende, später jahrzehntelange Diktatur Francos kämpfte, seine Parabel als Kritik am Stalinismus. Aus der sozialistischen Idee am Beginn der Sowjetunion (1917) hatte Josef Wissarionotwitsch Dschugaschwili (Kampfname Stalin) nach und nach eine autoritäre, diktatorische Herrschaft gemacht.

Die schleichende, mitunter auch rasante Entwicklung von anfänglichen Utopien zu Dystopien hat sich leider mehrfach wiederholt wie Beispiele Nicaragua, Venezuela, Simbabwe und andere Länder im Großen, aber auch kleinere Gemeinschaften etwa Mühl-Kommune gezeigt haben. Aber auch gegenwärtig vollziehen sich unter Schlagworten wie vor allem Freiheit Umdeutungen mit stark autoritären Tendenzen. Jene, die sich Wähler:innen-Stimmen von den „kleinen Leuten“ holen, nutzen ihre dann verliehene Macht oft vor allem für eigene Geschäfte und Verbrüderung mit anderen Prifiteur:innen wie US-Präsident Donald Trump.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Animal Farm“ in der Theaterwerkstatt des NÖ Landestheaters in St. Pölten

„Erschrocken“

„Mein künstlerisches Team und ich waren eher erschrocken, wie viele Parallelen wir zu aktuellen Entwicklungen entdecken konnten“, wird Regisseur Jonathan Heidorn auf der Homepage des Landestheaters zitiert. „Vor allem das Verhalten der Schweine erinnert, in der Art und Weise wie sie sprechen und die Wirklichkeit verzerren, umdeuten und neugestalten, an gegenwärtige autoritäre Strömungen, die unsere demokratischen Werte, wie Gleichheit, Solidarität und Toleranz in Frage stellen. In der Inszenierung untersuchen wir daher insbesondere, welche Kippmomente auf dem Weg von einer freiheitlichen Gesellschaft, hin zu einem totalitären System, auszumachen sind.“

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Animal Farm“ in der Theaterwerkstatt des NÖ Landestheaters in St. Pölten

Videos

Mehrfach wird das Spiel der Tiergestalten unterbrochen und Videos an die Farm-Wand projiziert in denen die Schauspieler:innen in ihren unmaskierten Menschengestalten zum Thema diskutieren und unter anderem die Politikwissenscahfterin und Autorin Natascha Strobl zitieren: „Es ist nicht angenehm, in einer Zeit zu leben, in der das Alte untergeht und das Neue noch nicht da ist. Darauf mit dem Versuch zu reagieren, zu einer verklärten Normalität zurückzukehren und die Vergangenheit zu idealisieren, ist verlockend. Doch wenn wir ehrlich sind, hat auch schon diese Normalität nicht funktioniert. Vielmehr hat sie erst das Jetzt hervorgebracht.“

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Animal Farm“ in der Theaterwerkstatt des NÖ Landestheaters in St. Pölten

Nichts gelernt?!

Und trotz aller Beteuerungen nach historischen von Menschen verursachten Katastrophen – sei es Faschismus, zweiter Weltkrieg oder eben auch Stalinismus – „nie wieder!“ drängt sich der dramatische Gedanke auf, der auf dieser Seite schon mehrfach zitiert wurde (vor allem rund um Theaterstücke mit ähnlichen Themen, zuletzt „Der überaus starke Willibald“ nach dem Buch von Willi Fährmann im Theater der Jugend in Wien): „Die Illusion ist das zäheste Unkraut des Kollektivbewusstseins; die Geschichte lehrt, aber sie hat keine Schüler.“ (Antonio Gramsci, 1921 in „Ordine Nuovo“).

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INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Animal Farm

von George Orwell, in einer Übersetzung von Michael Walter
Landestheater Niederösterreich, Theaterwerkstatt

Inszenierung und Sounddesign: Jonathan Heidorn
Schauspiel
Schwatzwutz / Schaf / Kuh / Hund / Mr Whymper / Huhn / Schlachter / Mensch: Tobias Artner
Schneeball / Hahn / Huhn / Muriel / Mensch: Marthe Lola Deutschmann
Minimus / Boxer / Kuh / Hund / Schaf / Mensch: Sven KaschteRebellen, die sich zu „Gleicheren“ erheben
Napoleon / Benjamin: Katharina Rose

Bühne und Kostüme: Thorben Schumüller
Dramaturgie: Sabrina Hofer

Wann & wo?

Bis 6. Mai 2026
Landestheater Niederösterreich, Theaterwerkstatt
3100 St. Pölten, Roßmarkt 22
02742 90 80 80 600
landestheater.net –> animal-farm