„2062“ als von „1984“ stark inspirierte Dystopie, gespielt von Jugendlichen einer Wiener Schule mit Theaterschwerpunkt.
Die allgegenwärtigen Augen starten nicht erst im Bühnenraum, sondern schon im Foyer des Theaters. „Big Brother ist watching you“ (Großer Bruder beobachtet dich), der aus George Orwells dystopischem Roman „1984“ (1948 veröffentlicht) verfolgt dich sogar bis aufs Klo des Theaters Arche (Wien-Mariahilf; 6. Bezirk). Mit aufgeklebten Augenbildern ebenso wie dem einen oder anderen Spruch – bis hin zu „2 + 2 = 5“, das im Roman eine zentrale Figur beim Schachspiel in den Staub des Tisches schreibt.
Jugendliche der 7 D des Polyästhetik-Zweiges des BORG (Bundes OberstufenRealGymnasiums) in der Hegelgasse 12 (Innere Stadt; 1. Bezirk) spielten hier eine von besagtem Roman stark inspirierte Neufassung: „2062“ (ebenfalls Zahlendreher und obendrein zufällig selber Jahresabstand 36 Jahre), geschrieben von Daphne Anders. Knapp mehr als eine Stunde lassen die Schüler:innen in der Inszenierung des Theater-Co-Leiters (seit einigen Schuljahren gibt es diese Kooperation; Dramaturgie, Choreo und Musik von Lehrpersonen) in diese vor allem Verinnerlichung der Überwachung, des Bewusstseins, ja nicht gegen den Strom schwimmen zu dürfen, alles zur Zufriedenheit der Obrigkeit zu tun, erschreckend lebendig werden.
Winston Smith ist Mitarbeiter des MiniWa – Ministeriums für Wahrheit. Seine und die Aufgabe aller Archivar:innen: Alles je Veröffentlichte ständig an die vorgegebenen Richtlinien der Herrschenden anzupassen, damit keine abweichenden Nachrichten mehr verfügbar sind. Doch langsam behagt ihm das nicht ganz, er beginnt heimlich eigene Tagebuchnotizen zu verfassen. Wie bei sämtlichen der wenigen Einzel- Protagonist:innen schlüpften bei den Vorstellungen abwechselnd Schüler:innen in diese Rolle (Stephan Arlt / Elena Murauer).
Die Mehrheit der Jugendlichen erfüllten in diesem Stück die Aufgabe des unheimlich starken Chores (Thembe Aboulez-Schmid, Helene Hof, Lisa Katschnig, Hannah Koloseus, Viola Kretschmer, Pixie Kronenfels, Sophie Lelenta, Marlen Minichbauer, Tobias Müller, Emma Panić, Julian Ressler, Luise Schaffer, Lilia Schmid, Hannah Stockinger). Ob als Marschkolonnen – mit dem „wachsamen“ offenen Auge auf der Kappe -, oder als extrem bedrohlich stark auf Abwechler:innen zukommende, ohne diese zu berühren aber mehr als einschnürende Stumm-Macher:innen, machten sie mehr Angst als direkte Drohungen von Vorgesetzten Winstons.
Dieser starke Chor manifestiert sozusagen szenisch, dass Diktaturen und Wahrheit-Unterdrückungen über längere Zeit nur dann funktionieren, wenn es ausreichend Mitläufer:innen gibt, die das Herrschaftssystem stützen.
Ob „2062“, „1984“ oder so manch andere Dystopie, die Wirklichkeit scheint fast alle Schreckens-Szenarien zu überholen: In autoritären Regimes à la Putins Russland darf der Krieg gegen das Nachbarland Ukraine nicht einmal so genannt werden, sondern muss „Spezial-Operation“ heißen. Und sogar gewählte Präsidenten (da reicht meist un-gegendert), setzen sich über Gesetze, Verträge… hinweg, diskreditieren seriös recherchierende Medien als Fake News, bauen eigene „Wahrheiten“ auf (Donald Trump nennt seine eigene Plattform Truth Social!), verspottet Journalistinnen (da vor allem Frauen), aber auch sich nicht unterwerfende Politiker:innen…
Und seit mehr als einem Vierteljahrhundert (Start 1999) werden in mehr als fünf Dutzend Ländern TV- bzw. mittlerweile Streaming-Shows „Big Brother“ ausgestrahlt, wo sich Menschen zum Gaudium des Publikums, freiwillig eingesperrt von Kameras dauernd verfolgen lassen…
von Daphne Anders, stark inspiriert von George Orwells „1984“
Ein Projekt der 7D des Polyästhetik-Zweiges des BORG Hegelgasse 12 (Wien) mit Theater Arche
Regie: Jakub Kavin
Dramaturgie: Jakub Kavin & Ute Bauer
Choreografie: Manuela Bayer
Musik: Maria Pfistermüller
Schauspieler*innen:
Winston Smith: Stephan Arlt / Elena Murauer
Julia Silverstein: Hannah Koloseus / Viola Kretschmer
O’Brien: Marlen Minichbauer / Roman Schmidt
Euphemia: Helene Hof / Sophie Lelenta
Nomos: Karolína Rennerovà / Elena Stefanizzi
Mr. Miller: Julian Ressler / Tobias Müller
Noah Greene: Aaron Krieger / Hemma Mayrhofer
Teleradio: Katalin Kammerlander, Jonas Löffelmann / Mathilda Muhrhofer, Georgina Thurn & Taxis
Chor: Thembe Aboulez-Schmid, Helene Hof, Lisa Katschnig, Hannah Koloseus, Viola Kretschmer, Pixie Kronenfels, Sophie Lelenta, Marlen Minichbauer, Tobias Müller, Emma Panic, Julian Ressler, Luise Schaffer, Lilia Schmid, Hannah Stockinger
Goldstein: Morris Janka
Bühne und Ausstattung: Maria Weber
Regieassistenz: Mathilda Muhrhofer
Bühnentechnik- und Lichtassistenz: Julius Baumeister
Choreographie-Team: Thembe Aboulez-Schmid, Helene Hof, Hemma Mayrhofer, Marlen Minichbauer, Emma Panic, Luise Schaffer, Lilia Schmid
Kreativteam Bühne: Morris Janka, Katalin Kammerlander, Lisa Katschnig, Jonas Löffelmann, Hemma Mayrhofer, Karolína Rennerovà, Lilia Schmid, Roman Schmidt, Elena Stefanizzi, Hannah Stockinger, Georgina Thurn & Taxis
Musik-Team: Lilia Beer, Morris Janka, Sophie Lelenta, Tobias Müller, Emma Panic
Produktionsleitung: Ute Bauer
Produktionsassistenz: Ina Saxl
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Instagram. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von X. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen