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Szenenfoto aus "Der kleine Diktator"
Szenenfoto aus "Der kleine Diktator"
23.01.2026

Satirische und doch bitterernste Schritte, „Chef“ zu werden

Machtspiele rund um ein Schachspiel erklärt: „Der kleine Diktator“, ein leicht fassliches, durchaus mit Humor angereichertes, Stück ab 9 Jahren zu aktuellen Herrschaftsmechanismen und wie sie Demokratie bedrohen und zerstören.

Auf einem Kasten mit etlichen Klappfenster liegt ein großes Schachbrett. Auf dem Feld nur mehr die beiden Könige, dazu noch bei Weiß ein Pferd / Springer, ein Läufer und drei Bauern; Schwarz verfügt nur mehr neben dem König über einen Bauern. Im Hintergrund steht mit Kreide geschrieben: „Matt in 8“.
Neben dem Kasten steht noch ein Sessel mit kleinem, handelsüblichem Schachbrett.

So präsentiert sich die Bühne – auf einem geknüpften Teppich – für das Stück „Der kleine Diktator“ mit Untertitel „Chef werden – eine Anleitung“ der vor allem auf Objekt- und Figurentheater spezialisierten Gruppe „Die Kurbel“. Derzeit gastiert sie mit dem Stück bei „Junge Theater Wien“, tourt aber gern auf Anfrage auch durch Schulen und andere Orte.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der kleine Diktator“

Schachmatt?

Am Anfang Schnarchgeräusche aus dem Hintergrund, die Figuren beginnen scheinbar zu sprechen und versetzen und in eine Schulstunde. Der Läufer jammert, die Hausübung nicht gemacht zu haben, das Pferd wiehert, irgendwer ruft warnend „er kommt“. Der Schachlehrer taucht auf, und versucht nach der Lösung für Lektion 421 zu fragen – der Ausgangsposition die zu Schachmatt in acht Zügen führen soll. Im Schnelldurchlauf erklärt er’s einmal, zwei Mal, drei Mal samt „vergifteten“ Zügen, die scheinbar harmlos wirken, aber dann…

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der kleine Diktator“

Magisch?

Figuren wandern irgendwie magisch über Felder und lehnen sich gegen den Lehrer auf. „Ich mag nicht mehr hier stehen“, bewegt sich der Turm wie von Geisterhand von seiner auf die gegenüberliegende Grundlinie – inzwischen hat der „Lehrer“ (Schau- und Figurenspieler Fabricio Ferrari) alle weißen Figuren in die Ausgangsposition gestellt, der Bauer vor dem Turm hat sich selber entfernt. Aus einem der Klapp-Fenster taucht der Kopf eines zweiten Spielers auf (David Fuchs), was auch die Magie der Figurenbewegungen erklärt. Und an den legendären „Schachtürken“ erinnert – einen angeblichen mechanischen Schachroboter aus 1769, in dem aber ein menschlicher Schachspieler versteckt war.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der kleine Diktator“

Neue Herr-schaft

Der Widerpart aus dem Kasten lässt die Figuren sagen, dass sie nicht tun müssen, was der Schachlehrer anordnet, sie hätten die Wahl, das sei eben Demokratie. Was der Lehrer zunächst mit dem Wortspiel Wahl = Qual beantwortet, um hernach dem König den Kopf abzubeißen, ihm einen Luftballonkopf zu verpassen und diesem aufgeblasenen Kopf auch die Luft auslässt.

Mit der Demokratie hat’s der Herr Lehrer nicht so, aber die alte Monarchie habe auch ausgedient. Er selbst wolle sich gern wählen lassen – zum Chef. Und zwar zu einem unumschränkten – womit wir beim Titel des Stücks „Der kleine Diktator“ und seinem Untertitel wären.

Und – ohne es im Stück anzusprechen – bei einer der Inspirationen für das Stück, neben der anderen von Charlie Chaplins „großem Diktator“: Das Buch der italienischen Autorin Michela Murgia „Faschist werden – Eine Anleitung“ (Übersetzung ins Deutsche: Julika Brandestini, Verlag Klaus Wagenbauch, Berlin).

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der kleine Diktator“

Popolismus

Ihre acht Schritte absoluter, unumschränkter Chef zu werden – klingt ja viel moderner als Diktator – verwandelt „Die Kurbel“, die als Figurentheater rasch Schach als DAS Machtspiel gefunden hatte, in acht Züge
1. Feindbilder: In diesem Fall wird eine übergroße Playmobilfigur aufs Feld gestellt. Erstens bunt, zweitens Arme und Beine – also anders. Schuld an allem.
2. Angst bei den eigenen Figuren gegenüber diesem Angehörigen der „anderen“ schüren
3. … ach nein, alles soll hier sicher nicht gespoilert werden, das Stück ist spannend zu erleben, auch wie die beiden auf der Bühne im immer stärker werden Wechsel- und Kontraspiel der eine die acht Züge entwickelt, der andere doch versucht dagegen zu halten.

Angeteasert werden sollen hier nur lediglich zwei der weiteren Schritte / Züge: Popolismus – bewusst mit diesem einen anderen Buchstaben gespielt und dem einander nicht zuhören – das beide meisterhaft bis hin zum Schrei-Duell exerzieren. So manches kommt einem da aus dem Gruselkabinett der aktuellen (Welt-)Politik mehr als bekannt vor.

Wobei das Stück viel öfter und leichter die satirisch überhöhte Darstellung bricht als das Buch, das durchaus dazu verleiten könnte, auf diese Ideologie auch reinzukippen.

Szenenfoto aus

Aus der Rolle aus- und ins Leben einsteigen

Verraten möchte ich dennoch, dass Fabricio Ferrari am Ende aus seiner Rolle aus- und in sein Leben einsteigt. Dabei schildert er berührend, wie er als Kind in Uruguay (Südamerika) südlich von Brasilien, östlich von Argentinien, in den 13 Jahren Militärdiktatur aufgewachsen ist. Wie er riesengroße Angst der Menschen aber auch beginnenden und schließlich erfolgreichen Widerstand der Donnerstags-Protestaktionen erlebte, die letztlich zum Sturz der Diktatur und Rückkehr zur Demokratie führten.

Konzept, Dramaturgie und der immer wieder auch gruselig-humorvoll Text stammen von Lisa Fuchs, Regie und Gestaltung von Erik Etschel; Figuren-, Kostüm- und Bühnenbau haben neben Fabricio Ferrari, der ja auch spielt, Emanuela Semlitsch und Sofie Pint vorgenommen – Schachfiguren aus Pappmaschee und die übergroße Playmobilfigur aus dem 3D-Drucker.

Titelseite des Buches
Titelseite des Buches von Ece Temelkuran, Wenn dein Land nciht mehr dein Land ist oder sieben Schritte in die Diktatur“

Andere sieben Schritte in die Diktatur

Ausgehend von dem angeblichen, so manche meinen eher inszenierten, Putschversuch Mitte Juli 2016 in der Türkei, beschreibt Ece Temelkuran in „Wenn dein Land nicht mehr dein Land ist oder Sieben Schritte in die Diktatur“ die Entwicklung ihrer Heimat in ein autoritäres System unter Recep Tayyip Erdoğan.

„Die Verwandlung des Populistenführers von einer Witzfigur in einen furchteinflößenden Autokraten vollzieht sich meiner Erkenntnis nach in sieben Schritten, mit denen er die gesamte Gesellschaft seines Landes von Grund auf korrumpiert“, schreibt die Autorin. Und warnte damals schon, Trump war erstmals Präsident (2017-2021), Großbritannien hatte mehrheitlich für den Austritt aus der EU gestimmt, dass ähnliche Szenarien auch „dem Westen“ nicht erspart bleiben würden. „Ob Sie es glauben oder nicht – das was in der Türkei passiert ist, blüht Ihnen erst noch. Dieser politische Irrsinn ist ein globales Phänomen…“ – und das wurde vor sieben Jahren veröffentlicht.

Das Böse der Banalität

Gründen Sie eine Bewegung / Zersetzen Sie das Vernunftprinzip und terrorisieren Sie die Sprache / Schaffen Sie das Schamgefühl ab: Im postfaktischen Zeitalter ist unmoralisches Verhalten gefragt / Demontieren Sie die rechtlichen und politischen Grundlagen / Entwerfen Sie Bürger nach Ihrem Geschmack / Sollen sie über das Grauen lachen! / Erschaffen Sie sich Ihr eigenes Land – heißen die einzelnen Schritte / Kapitel ihres Buches – Details unten in der Info-Box.

„So entsteht ein neuer Zeitgeist, ein historischer Trend, der die Banalität des Bösen (Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen von Hannah Arendt, Anm. der Redaktion) in das Böse der Banalität verwandelt.“

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wikipedia –> Schachtürke

INFOS: WAS? WER? WANN? WO? + BUCH-INFOS

Der kleine Diktator

Chef werden – eine Anleitung
Objekt- und Schauspiel; ab 9 Jahren; ca. eine Stunde

Konzept, Dramaturgie, Text: Lisa Fuchs
Konzept, Regie, Gestaltung: Erik Etschel
Figuren-, Kostüm- und Bühnenbau: Emanuela Semlitsch, Sofie Pint, Fabricio Ferrari
Objektspiel & Schauspiel: Fabricio Ferrari, David Fuchs
Produktion: Die Kurbel
diekurbel –> der-kleine-diktator/

Wann & wo?

19. Februar 2026
10.30 und 14 Uhr
Junges Theater Liesing
Kulturzentrum F23: 1230, Gastgebgasse 4
jungetheaterwien –> der-kleine-diktator

Die Bücher

Text: Michela Murgia
Übersetzung aus dem Italienischen: Julika Brandestini
Faschist werden – eine Anleitung
103 Seiten
Klaus Wagenbach Verlag Berlin
Buch: 10,30 €
eBook: 7,99 €
Zu einer Leseprobe geht es hier

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Text: Ece Temelkuran
Übersetzung aus dem Englischen: Michaela Grabinger
Wenn dein Land nicht mehr dein Land ist oder sieben Schritte in die Diktatur
260 Seiten
Hoffmann & Campe Verlag
Buch: 22,70 €
Taschenbuch: 14,90 €
eBook: 10,99 €
Zu einer Leseprobe geht es – nur – auf der Thalia-Site