Das jüngste Stück der Theatergruppe „Die Fremden“ nimmt autoritäre Herrschaften und Tendenzen spannend aufs Korn.
Auf diese tödliche Aktualität hätte die Theatergruppe liebend gern verzichtet. So widmen „Die Fremden“ ihr jüngstes Stück „Fighting Dušman“ im Wiener Off-Theater den mutigen Menschen im Iran. Trotz massenmörderischer Schüsse des wankenden Systems der Ajatollahs gehen sie zu Zehntausenden auf die Straße. Protestieren nicht nur wegen der unleistbaren Preissteigerungen, sondern fordern immer wieder auch das Ende der Diktatur.
Und dennoch ist das aktuelle Stück, an dem die multikulturelle außerberufliche (früher Amateurtheater) Gruppe intensiv ein Jahr lang gearbeitet hat, nicht (nur) auf dieses Land, das derzeit im Fokus der Nachrichten steht, fokussiert. Die Story des rund 1½-stündigen Stücks richtet sich gegen jede Form undemokratischer Herrschaft. So tritt Herr Dušman (Markus Payer), der gern Länder annektieren bzw. Wahrheit oder Pflicht spielt samt Todesschüssen für unerwünschte Anworten, tritt in einer antiken Toga auf; mit Blumentopf als Krone auf dem Kopf. Lächerlich machen ist schließlich eine Form des Widerstandes. Frau Dušman (Sabrina Bee) ist mit einer Art Turban bestätigend an seiner Seite.
Das Wort steht sowohl in den BKS-Sprachen (Bosnisch, Kroatisch, Serbisch) als auch im Türkischen (Düşman) sowie auf Farsi / Persisch als Dashman) für Feind.
Alle Protagonist:innen treffen zu Beginn immer wieder auf einem Flachdach aufeinander – mit guter Aussicht ins gegenüberliegende Theater bis hinein zur Bühne. Die beiden Mädchen Elena (Rabia Alizada) und Pegah (Yasmin Navid) sind Vorkämpferinnen gegen das Regime; Letztere ein bisschen mutiger, erstere rät immer wieder zur Vorsicht.
Das Flachdach ist nicht nur Aussichts„warte“. In der Fantasie der hier aufeinander Treffenden mutiert es mitunter zum fliegenden Teppich oder zum Nest für Greifvögel.
Pegah landet eines Tages im Gefängnis, dessen Wärter Yuri (Garegin Gamazyan) lange Zeit nicht einmal mit ihr spricht, sie dafür aber immer wieder, wenn sie auch hinter Gittern sich nicht einschüchtern lässt, schlägt. Wobei die Schläge völlig kontaktlos gespielt werden, weit voneinander entfernt führt der Wärter Schlag-Bewegungen aus. Armbewegungen des einen und das Zusammenzucken samt Schreien der anderen reichen aus, um die Zuschauer:innen bis tief unter die Haut zu berühren.
Zeitsprung: 30 Jahre später, Elena und Pegah haben unterschiedliche Entwicklungen durchgemacht und sich weit voneinander entfernt, nachdem Erstere die Freundin, die sich bei ihr vor Verfolgung versteckte, weggeschickt hatte. Die ältere Pegah (Sofie Leplae) ist nach wie vor Widerständlerin – und jetzt im Gefängnis. Elena (Katerina Rumenova Jost) ist nun mit dem regimetreuen, speichelleckenden Theaterregisseur Andrej (Armen Abisoghomyan) verheiratet. Seine Sklavin trifft’s viel eher. Dass sie ab 5 Uhr früh in der Fabrik arbeitet, ist ihm egal, sie muss ihm sein Hemd richten, im Theater in der Garderobe einspringen, seine Texte korrigieren und noch der immer wieder anrufenden Tochter Miriam (Bojana Djogović) helfen und für die Star-Schauspielerin Olga (Vanda Sokolović) noch deren Lieblings-Bluse umschneidern, damit diese beim Treffen mit dem Präsidenten und seinen Freunden glänzen kann.
Vom Treffen mit den hohen Herren kommt Olga sehr zerstört wieder bei Elena an, die hohen Herren interessierte die Schauspielkunst nicht im Geringsten, sie dürften sich an der Künstlerin heftig „vergriffen“ haben. Elena hat mittlerweile in alten Sachen gekramt und einen Rucksack ihrer damaligen Freundin Pegah gefunden – mit Heften, in denen diese kritische Texte aufgeschrieben hatte – von den beiden damals Jugendlichen. Und nun einen neuen Text für den Monolog der Schauspielerin ergibt.
Und zum Wiedersehen (nicht nur) dieser beiden, sondern der einstigen Flachdach-Gemeinschaft führt – ein trotz der herrschenden Verhältnisse Mut machendes Symbol.
Übrigens: Die Requisiten – ob Leiter, Kübel, Holzböcke, gewellte Kunststoffwand oder Betonziegel – haben alle etwas mit den persönlichen, von den Mitwirkenden erzählten und ins Stück eingebrachten, Erlebnissen zu tun.
Und: Was ansatzweise in professionellen Theaterhäusern als relativ junge Errungenschaft eingebracht wird, spielt bei dieser 1992 von Dagmar Ransmayr gegründeten und seither geleiteten Gruppe „Die Fremden“ gegründeten Theatergruppe von Anfang an eine große Rolle: Verschiedene (Herkunfts-)Sprachen der Mitwirkenden sind – neben hauptsächlich auf Deutsch gespielt – zu hören; dieses Mal Armenisch, Bulgarisch, Farsi, Flämisch, Italienisch, Kroatisch und Slowakisch.
Die Leiterin führte auch bei „Fighting Dušman“, das sich gegen jede Version undemokratischer Herrschaft bzw. autoritäre Anwandlungen richtet, Regie, für die Choreografie – in einigen Szenen spielt sich Erzähltes fast wortlos in Tänzen ab – sorgte Garegin Gamazyan.
Theatergruppe „Die Fremden“
Leitung und Regie: Dagmar Ransmayr
Schauspiel
Elena jung: Rabia Alizada
Elena alt: Katerina Rumenova Jost
Pegah jung: Yasmin Navid
Pegah alt: Sofie Leplae
Frau Dušman: Sabrina Bee
Herr Dušman: Markus Payer
Andrej: Armen Abisoghomyan
Miriam: Bojana Djogović
Yuri: Garegin Gamazyan
Olga: Vanda Sokolović
Choreografie: Garegin Gamazyan
13. und 14. März 2026
17. Und 18. April 2026
jeweils 20 Uhr
Das Off-Theater Wien: 1070, Kirchengasse 41
Karten: diefremden@gmx.at
diefremden.at
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