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Rabia Alizada und Yasmin Navid als Lalita und Ziba
Rabia Alizada und Yasmin Navid als Lalita und Ziba
25.01.2022

Wie die unsichtbare Ziba ihrer Freundin Lalita hilft

„Eine Tasche mit Ziba“ als jüngstes Stück der Laien-Theatergruppe „Die Fremden“ im Wiener Off-Theater. Plus Interviews mit den beiden jüngsten Darstellerinnen.

Mit wenigen, sehr wandlungsfähigen, sozusagen Allzweck-Requisiten, erschaffen „Die Fremden“ immer wie immer mit sehr viel Spielfreude und so manchem Spielwitz auch die Welt ihres jüngsten Stücks. „Eine Tasche mit Ziba“ thematisiert Flucht vor unhaltbaren Zuständen, Ankunft im Ungewissen, bürokratischen Schikanen ebenso ausgeliefert wie windigen Geschäftemachern.

Lalita (Rabia Alizada) will so gern lernen, ist schlau und vif, aber ein Mädchen, daher darf sie in keine Schule. Ohne es zu nennen, dürften wir in diesen Szenen in Afghanistan sein. Ihren älteren Bruder Rafik (Garegin Gamazyan) muss sie bedienen, für den jüngeren Bruder Farid (Maisam Rahimi) dessen Hausübungen machen. Und ansonsten den ganzen Haushalt führen. Seelisch überlebt sie all das nur weil sie sich eine Fantasiefreundin erschafft: Ziba (Yasmin Navid).

Als Lalita dann gar noch auf Geheiß eines Großonkels mit einem alten Mann zwangsverheiratet werden soll, meint sogar Rafik, sie müsse flüchten, das Land verlassen. Und da muss Ziba, die sonst niemand sehen kann, natürlich mit in eine der großen, bekannten, karierten Taschen.

Szenenfoto aus
Das gesamte Bühnen-Ensemble des Stücks „Eine Tasche mit Ziba“

Besondere Rolle

Die Figur dieser Ziba ergab sich aus dem – wie es „Die Fremden“ immer tun – gemeinsamen Entwicklungsprozess des Stücks (Regie: Dagmar Ransmayr, die Gründerin der Gruppe). Die 20-jährige Yasmin Navid, die schon als junges Kind von Schauspiel träumte und mit 12 Jahren in ihrer ersten Heimat Iran fast ein Jahr lang durch alle Ecken und Enden Teherans mit einem Stück tourte, „wollte was Besonderes spielen, keine normale Figur“, wie sie im Interview mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … nach dem Premierenabend erzählt. Die Interviews mit ihr sowie Kollegin Rabia Alizada, Darstellerin der Lalita, in zwei eigenen Artikeln – damit nicht zu lange nach unten ge-scrollt werden muss 😉

Und so kam diese erdachte Ziba ins Spiel. In der neuen Heimat, zunächst einmal nur in Zufluchtsort/-land treffen wir in dem rund zweistündigen Stück (eine kurze Pause) im Off-Theater (Wien-Neubau) auf viele Facetten, die die meisten Mitwirkenden auf der Bühne aus eigenem Erleben/Erleiden kennen.

Schikanen und Ausbeutung

Waaarten auf Ämtern und Gerichten. Eine scheinbar überkorrekte Beamtin, die sich später als korrupt herausstellt, Frau Maier (Niloofar Nadimi), einen ausbeuterischen, bestechenden Firmenboss, Herr Weinhold (Markus Payer). Letzterer nutz auch die Notlage eines weiteren Geflüchteten aus, Mani (Armen Abisoghomyan) wickelt für ihn die schmutzigen Geschäfte ab – illegale Papiere an in enge Unterkünfte zusammengepferchte Arbeiter. Eines seiner Opfer, Piotr (Tomasz Nowak) ist nach einem Arbeitsunfall arbeitslos, will die Machenschaften Weinholds aufdecken und wird von diesem vor den Türen der aufgestiegenen leitenden Beamtin zusammengeschlagen. Und wir erleben Vanessa (Sofie Leplae), der die Obsorge ihrer zehnjährigen Tochter Marie entzogen werden soll, die ihrem Bruder Mani Unterkunft gewähren muss und die obendrein von Weinhold sexuell ausgebeutet wird.

Fast als Running Gag taucht immer wieder Thompson (Osas Imafidon) auf, der in den Büros der Beamtin oder des Firmen-Chefs fröhlich vor sich hinsummend, -singend, -lächelnd putzen will, aber stets gerade störend verscheucht wird. Und wir sehen/hören Mr. Ju (Vhen Wan), den Geschäftspartner Weinholds, der letzterem billige Arbeitskräfte vermittelt.

Große Kunststoffkisten, wie sie auf Marktständen üblich sind, werden zu großen Video-Monitoren, so wie kleinere dieser Kisten sowie Mini-Holz-Paletten in unterschiedlichen Kombinationen Schreibtische, Regale, Wartebänke am Amt oder im Gericht sowie Sitze im Autobus sein können.

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INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Eine Tasche mit Ziba

Theatergruppe „Die Fremden“

Regie: Dagmar Ransmayr

Schauspieler:innen
Mani: Armen Abisoghomyan
Lalita: Rabia Alizada
Rafik: Garegin Gamazyan
Thompson: Osas Imafidon
Vanessa: Sofie Leplae
Ziba: Yasmin Navid
Piotr: Tomasz Nowak
Herr Weinhold: Markus Payer
Farid: Maisam Rahimi
Frau Maier: Niloofar Nadimi
Mr. Ju: Chen Wan

Musik: Titel und Interpretationen von Melissa Etheridge: This War is Over, The Prison, Into the Dark, Enough of Me, Stronger than Me, I shall be released, It‘s only Me, Heroes and Friends, Bring me some Water, Gently we row, How would I know

Wann & wo?

25. und 26. Februar 2022
jeweils 20 Uhr
Off Theater: 1070, Kirchengasse 41
Unbedingt reservieren unter: diefremden@gmx.at

Hintergrund-Infos

Die multikulturelle Theatergruppe „Die Fremden“ wurde 1992 von der Wiener Theaterpädagogin und Regisseurin Dagmar Ransmayr gegründet. Ziel war es zunächst, Menschen, die in Österreich ihre neue Heimat finden, durch das Spiel eine erweiterte Form des Austausches und der Kommunikation zu geben.

Themen, die die SpielerInnen der Gruppe bewegten, wurden einander vorgespielt, diskutiert und schließlich auf die Bühne gebracht. 1993 entstand das erste abendfüllende Stück mit dem Titel „Die Fremden“, nach dem sich die Gruppe dann benannte.

„Die Fremden“ entwickelten sich zu einem Pool von theaterschaffenden Laienspieler:innen. Alle Stücke und Figuren werden in Gruppen- und Improvisationsarbeit entwickelt. Die Individualität und Besonderheit der/des Einzelnen bleibt im Ensemble erhalten, braucht sich nicht dem Produkt unterzuordnen, sondern im Gegenteil– bestimmt genau dieses.

Der Weg von der ersten Idee (meist begründet in persönlichen Erfahrungen und aktuellen politischen Situationen) hin zum fertigen Stück, das (in der kulturellen Vielfalt) Sich-Einigen auf einen immer neuen, veränderten Plot, Verlauf und eine neue Technik und Zugangsweise, ist ein sehr (zeit)intensiver Weg. Behutsam, Szene für Szene, Figur für Figur schält sich ein Stück aus der Fülle. Der Entwicklung, der Improvisation, dem Gespräch wird sehr viel Zeit geschenkt.

„Die Fremden“ verstehen sich als politische Laientheatergruppe (die in ihrer Probenarbeit nach den Methoden des Theater der Unterdrückten arbeitet). Soziale Miss-Stände werden aufgegriffen und (in teilweise verfremdeter Form) auf der Bühne umgesetzt. Unterdrückung und Unterdrückt-Werden sollen zum einen als zentrale Themen betrachtet aber auch hinterfragt werden.

Seit 1992 haben rund 70 Personen aus 39 Ländern in der Gruppe mitgewirkt, mitgestaltet, improvisiert. Das implizite Thema Fremdheit ist wie der Name als roter Faden geblieben.

diefremden.at

Szenenfoto aus "Lust"
11.03.2022

Viva la Vulva!