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Szenenfoto aus "Blade.Unwichtig"
Szenenfoto aus "Blade.Unwichtig"
03.11.2021

Wie der Dystopie entkommen, die sich schon breit macht?

„Blade.Unwichtig“ – ein Mash-up (Mix) nach Werner Schwabs „ÜBERGEWICHT, unwichtig: UNFORM“ und Ridley Scotts „Blade Runner“, das auf dem Roman „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ von Philip K. Dick aufbaut.

Ein Wirtshaus inmitten von Baustellengerüsten (wunderbare Ausstattung und Kostüme: Devi Saha), derb-ordinäre, grobschlächtige Charaktere, verhaftet in überkommenden Rollenklischees – überzeichnet fast als könnten sie aus Karikaturen von Manfred Deix entsprungen sein. Erster Eindruck vielleicht für jene, für die es die erste Begegnung mit Figuren aus dem (theater-)literarischen Kosmos des mit nur 36 Jahren verstorbenen Werner Schwab ist. Der gab solchen Typ:innen mehr Sprache als Sprechblasen. Und mehr als nur Fäkal- und Sexualwörter, künstliche Sprachschöpfungen. Und diese Typ:innen treffen auf zwei Außerirdische, Fremde, die das Gasthaus aufsuchen – entsprungen dem Ridley-Scott-Film „Blade Runner“ (1982). Der wiederum beruht auf dem Roman „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ von Philip K. Dick (1968).

Mash-Up

Inspiriert von Schwabs Stück „Übergewicht, unwichtig: Unform“ (1991) arbeitete sich nach Vorschlag von Regisseur Ernst Kurt Weigel „das.bernhard.ensemble“ in die Welt der karikaturhaften Kritik an Machos, Gewalt, Fremdenfeindlichkeit, Unterwürfigkeit samt haufenweise Ignoranz heran und hinein die bis zu den Figurennamen gehen: Schweindi (Kajetan Dick), Hasi (Sophie Resch), Fotzi (Yvonne Brandstetter). „Wir wollten keine Zitate aus dem Stück, sondern unsere eigenen Sätze und improvisieren die meiste zeit auf der Bühne“, so der Regisseur und Darsteller des Richi, einem Mix aus Ober-Macho, brutalem Partner der „Kunst“ als Rachel (Kristina Bangert) und Werner Schwab himself einerseits und Replikanten-Aufspürers andererseits („Blade Runner“) zu Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr …

Spielfreude

Dieses Eintauchen in die Welt des besessenen an der realen Welt verbrannten Theaterdichters einerseits und der nach anfänglichem Flop zum Kultfilm gewordenen Dystopie in einer relativ langen (neun Wochen) Probenphase bricht bei der Premiere als Spielfreude aus. Trotz der teilweise Verschrobenheit als Tribut an „nicht von dieser Welt“ und Adressierung des Publikums als eines, das ja vielleicht gar nicht alles versteht, springt der Funke immer wieder über, steckt der schräge, teils derbe Humor an, nicht nur um über andere sich erhebend zu lachen, sondern vielleicht doch den einen oder anderen Anteil in sich selbst zu finden …

Switch

Die „Blade.Runner“-Passagen – die von der Dystopie 2019 (!) sprechen – brechen über das grindige, hinterletzte Wirtshaus und seine Gäste als die Androiden, Sklaven der auf den Mars ausgewanderten Superreichen, die vor Klima- und anderen Krisen entfliehen. Roy und Pris – Yvonne Brandstetter und Sophie Resch, die im ersten Teil vor der Pause immer wieder gekonnt, fast unbemerkt blitzschnell von ihren oben genannten Rollen in diese ganz anders angelegten Figuren schlüpfen – flüchten auf die Erde, wo sie sich mechanische Hilfe erhoffen, um nicht nur die vier Jahre, die ihnen als solche gegeben sind, zu überleben.

Empathie?!

Die zentrale Frage um die alles kreist ist in Wahrheit die nach dem Mensch-Sein und als DAS Zeichen dafür Empathie, die den gezeichneten kannibalistischen Massaker-Typen im Wesentlichen mindestens genauso fehlt wie Androiden, sei es vom Mars oder in Slim-Fit-Anzügen.

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INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Blade.Unwichtig

Ein Mash-up nach Werner Schwabs „ÜBERGEWICHT, unwichtig: UNFORM“ und Ridley Scotts „Blade Runner“
Koproduktion von „Das Off-Theater“ & das.bernhard.ensemble

Regie und Konzept: Ernst Kurt Weigel

Performance:
Rachel: Kristina Bangert
Fotzi/Schöner Mann Roy: Yvonne Brandstetter
Hasi/Schöne Frau Pris: Sophie Resch
Schweindi/Voice Over Gaff: Kajetan Dick
Holden/Herr Jürgen Wirtin: Gerald Walsberger
Richi: Ernst Kurt Weigel

Körperarbeit: Leonie Wahl
Komposition: b.fleischmann
Bühne und Kostüme: Devi Saha
Regieassistenz: Christina Berzaczy
Licht und Ton: Julian Vogel
Hospitanz: Ariana Richtmann
ausstattungs-Assistenz: Sandra Lachmann

Produktionsleitung: Monika Bangert

Wann & wo?

Bis 7. Dezember 2021
Off-theater: 1070, Kirchengasse 41
Telefon: 0676 360 62 06
karten@off-theater.at

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