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Szenenfoto aus "Die alte Johanna" nach Renate Welshs Roman im Theater Spielraum (Wien-Neubau)

Eine ewig Kleingemachte lässt sich nicht klein kriegen

Dass in kleine(re)n Theater, die über kein großes Ensemble verfügen, Schauspieler:innen mehrere Rollen übernehmen müssen, auch in großen Häusern solches mitunter bewusst eingesetzt wird, ist üblich. Was aber im Theater Spielraum in er Wiener Kaiserstraße in „Die alte Johanna“ passiert, ist besonders bemerkenswert: Die Titelfigur in ihren verschiedenen Lebensphasen ist auf drei Schauspielerinnen aufgeteilt, aber nicht durchgehend, sondern wechselhaft.

Was vom Programmheft und damit der Papierform nach ein wenig verwirrend wirken mag, lösen aber Brigitte West (alte Johanna / auch Johannas Mutter), Christine Koppitsch (mittlere Johannna und noch Tochter Martha und weitere Rollen) sowie Fanny Fuhs (junge Johannna und weitere Rollen) in der Inszenierung von Nicole Metzger meisterinnenhaft.

Exemplarisches Frauenleben

Präzise, aber nicht technisch wie ein Uhrwerk, sondern empathisch, menschlich, mitfühlbar verkörpern die drei Schauspielerinnen die von Renate Welsh in ihrem gleichnamigen Roman (2021 als Art Fortsetzung und Weiterschreibung ihres ursprünglich als Jugendbuch verfassten Romans „Johanna“, 1984) porträtierte Frau. In dieser Lebensgeschichte einer realen Frau arbeitet die bekannte Schriftstellerin aus den echten, authentischen Erlebnissen einer Nachbarin des niederösterreichischen Wochenendhauses Vieles heraus, das exemplarisch für Schicksale vieler Frauen, besonders aus sozial (sehr) benachteiligten Verhältnissen charakterisierte. Und dazu verwebte Welsh noch fast beiläufig Zeitgeschichtliches wie Nazidiktatur und in erwähnten Nebenfiguren Mittäter, die auch in der zweiten Republik Karriere machten.

Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Lebensalter

Die knapp mehr als 1¼-stündige, dichte – und doch Luft zum Atmen lassende – Inszenierung, deren Text praktisch ausschließlich aus Passagen aus dem Roman – und seinem Vorwort – besteht, besticht nicht zuletzt durch die Gleichzeitigkeit der drei Figuren als unterschiedliche Lebensphasen ein und derselben Person. Besonders sicht- und spürbar in manch auffälligen Szenen. Bei der Erinnerung an erste zarte Verliebtheit und einem Wangenkuss der alten Johanna an den Mann. Oder bei einer Ohrfeige, die das Kind an einer Ecke der Bühne angedeutet kriegt und es ganz entfernt am anderen Ende klescht.

Die verschiedenen Männerrollen – Ehemann Peter / Sohn Thomas / Knecht Ferdl / Filialleiter – bzw. Gemeindearzt / Lehrer / Lahnhofer / Verwandtschaft / Der Tod / übernehmen Simon Brader und Adrian Stowasser. Wuchtig steht in einer Ecke ein Teil eines Dachstuhls. Eine – realisierte – Idee der Bühnenbauer J-D und Sam Schwarzmann. „So was musste sein“, sagen sie im Gespräch nach der Premiere und über eine Online-Plattform haben sie dann einen solchen auch aufgetrieben. Der steht aber nicht nur dekorativ in der Ecke, sondern wird immer wieder auch bespielt. Für die passenden Kostüme sorgte – wie (nicht nur) in diesem Theater praktisch immer Anna Pollack.

Lernen wichtiger als Besitz

Das Spannende an Roman und auch der Inszenierung ist, dass die Johanna aber trotz aller Diskriminierung, Benachteiligung – „viel zu lange viel zu viel gefallen lassen“ – und trotz des überbordenden Kleinmachens durch andere, ihre Würde bewahrt, sich nicht klein kriegen lässt. Deswegen war sie nach der Schulpflicht weggegangen, „im Glauben daran, dass etwas lernen vielleicht so gut wäre wie etwas haben…“

Bei der Premiere wirkte übrigens ein kleines technisches Missgeschick – als die drei Johannas zu Beginn im gleichen Takt mit ihren Besen kehren und darüber sinnieren, fielen zwei Mal Besen von der Stange – als wäre es ein szenischer Protest gegen dieses ewige kehren müssen; noch dazu wo das englische „care“ (Sorge, Pflege) akustisch ähnlich klingt 😉

Lob der Autorin

Die Premiere wurde übrigens geadelt durch die Reaktion der Autorin Renate Welsh, die dem Team heftig Applaus spendete, auf die Bühne kam, sichtlich erfreut und bewegt war, mit den Worten: „Ihr ward’s unglaublich toll, ihr habt die Johanna, die für mich immer noch lebendig ist, noch lebendiger gemacht!“
Und danach sagte sie zu Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… : „Vor allem hab ich erlebt, dass die alle großartig miteinander gespielt haben, immer aufeinander eingegangen sind.“

kijuku_heinz

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Hannah Oppolzer mti dem druckfrischn Buch

Namenlose Sie „verpasst“ ihr Leben…

„Höchste Zeit – ein beschönigender Ausdruck für zu spät.“ Nicht selten bringt die junge Autorin höchst komplexe innere Verwerfungen in so treffsicheren knappen Formulierungen auf den Punkt. Noch viel öfter baut Hannah Oppolzer (23) wunderbare Sprachbilder und Denkräume. Diese heben die an sich heftige Geschichte ihres ersten kürzlich veröffentlichten Romans „Verpasst“ auf eine erträgliche Ebene. Heftig ist die Story vor allem, weil sie keine Katastrophenfamilie beschreibt, sondern einen durchaus – leider viel zu häufigen – „normalen“ Lebensweg einer Frau. Den geht diese auf ausgetretenen, vorgegebenen breiten gepflasterten Straßen, sozusagen Trampelpfaden. Denn der Weg zur sprichwörtlichen Hölle ist weniger mit guten Vorsätzen gepflastert als mit dem Beschreiten ausgewalzter Bahnen mit engen Leitplanken.

Nukleus bei Jugend-Schreib-Bewerb

„Hals über Kopf hat sie sich in ihr Leben gestürzt. Den ersten Mann geheiratet, den sie geliebt hat, weißes Kleid, Hochzeitstorte, dann kam das Kind und mit dem Kind Kindergarten, Schule Geburtstagsfeiern, alles zum rechten Zeitpunkt, so wie es sich gehörte.“ So beginnt eines der Kapitel ungefähr in der Mitte des Buches. Dieses Kapitel über die End-Vierzigerin – die auf den rund 200 Seiten (natürlich bewusst) namenlos bleibt – war der Ausgangspunkt für einen Text, mit dem die damals rund 17-Jährige ins Finale des Jugend-Schreibbewerbes texte.wien eingezogen ist. (Den hat sie übrigens zwei Jahre später mit einem ganz anderen Text gewonnen – Link dazu am Ende dieses Beitrages.)

Später hat sie – wie Oppolzer im Interview mit Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… sagte (Link dazu am Ende des Beitrages) – immer wieder an diesem Text weitergearbeitet. Und ihn – deutlich gekürzt – heuer im Frühjahr an mehrere Verlage geschickt. Einer reagierte prompt. Ein halbes Jahr später liegt bzw. steht dieser Roman seit kurzem in Buchhandlungen. In den nächsten Tagen liest die Autorin noch bei mehreren Veranstaltungen daraus, bevor sie knapp nach Mitte Oktober nach Hildesheim zieht, wo sie nach ihrem Germanistikstudium in Wien nun den Master in literarischem Schreiben und Lektorieren machen wird (vier Semester).

Nun auch eine Tochter

Für den Roman hat sie sich neben der namenlosen 48-Jährigen, die viel „verpasst“ hat, vor allem eine Tochter einfallen lassen. Die Mittzwanzigerin droht auf ähnlichen ausgetretenen Pfaden zu wandeln. Diese hat übrigens letztlich doch – wie auch andere Figuren – Namen bekommen, heißt Emma. Alles steuert auf einen Wendepunkt zu – bzw. wird aus der Perspektive danach erzählt. Der Einschnitt kommt von außen, ist sehr schmerzhaft, soll nicht verraten werden. Nur so viel wird schon gespoilert: Alle bleiben am Leben.

Die äußere Handlung selbst ist in diesem Roman eher nebensächlich. Im Vordergrund steht das unglaublich tiefe Eindringen in die Gedanken- und Gefühlswelt der Hauptfiguren: Emma, ihrer Mutter und ihres Vaters. Zwar jeweils von außen in der dritten Person beschrieben, findest du dich als Leser:in sozusagen im Kopf bzw. in der Brust, dem Bauch der drei Protagonist:innen.

In Formulierungen versinken

Und tauchst so scheinbar nebenbei doch vor allem in die oben schon angesprochenen literarischen Bilder ein. Eine meiner, vielleicht sogar DIE Lieblingsstelle (S. 155) nachdem Emma sich im Park mit ihrem Vater trifft, der sie zu einem wichtigen, dringenden, persönlichen Gespräch bittet: „Das, was er ihr zu sagen hatte, passt nicht zwischen Wände. Es hätte ihre Wohnung gesprengt und daraus genauso ein Schuttfeld gemacht, in welchem ihr Inneres nun liegt. Sie fragt sich, wer es jemals aufräumen wird, denn sie selbst fühlt sich dazu nicht in der Lage. Er hat ihr den Boden unter den Füßen weggezogen, hält ihr seine Hand hin, aber sie schafft es nicht, sie zu ergreifen. Und Emma fällt.“

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Titelseite von „Verpasst“, dem ersten veröffentlichten Roman von Hannah Oppolzer