Vor, neben, zwischen und unter einer doppelten Bühne spielen die Performer:innen (ihre) Verwirrungen aus. Zwischen sch… auf alles, konfusen (Traum-)Bildern und der Frage: Widerstand oder aufgeben? „Out Loud – Resistance“ ist einerseits ein zweiter Teil einer Trilogie mit dem Titel-Teil „Out Loud“ (Link zur Besprechung von Teil 1 am Ende des Beitrages) und andererseits die erste Produktion eines neuen Kollektivs namens Gobo Performs, hervorgegangen aus der Theater-Akademie DiverCITYLAB.
Wie so manch andere aktuelle Bühnenproduktion kreist diese einstündige Performance rund um ein angesichts der verwirrenden, unerwarteten, bedrohlichen Entwicklungen der (Welt-)Politik rund um diese innere Zerrissenheit vieler Menschen, die mit autoritären, zerstörerischen Mächten nichts zu tun haben wollen: Ich kann nicht mehr, es hat alles keinen Sinn (mehr) auf der einen und jetzt erst recht müsste was und sogar ziemlich viel getan, dagegen gehalten werden.
Und dennoch schaffen die Akteur:innen zwischen einer schwebenden, hängenden Tischplatte mit einem Modell, das Ab- oder Vorbild für die Bühne (Szenografie: Ece Anis Kollinger) im Hintergrund vor der geschwungenen Treppe im Theater am Werk Stephansplatz ist, nicht destruktiven Pessimismus zu verbreiten. Immer wieder mit kräftigen Portionen von Selbstironie spielen Rae (Anillo Sürün), Com (Charlotte Zorell), Ve (Violetta Zupančič), Kuf (Evrim Kuzu) und die Erzählerin Didem Kris – letztere mal aus dem off, dann wieder mitten im Geschehen. Letztere hat auch Regie geführt sowie – gemeinsam mit Berk Kristal und Anna Schober den Text, teils in Englisch, teils in Deutsch – geschrieben.
Mit- und gegeneinander werden diskursiv Sinnfragen gestellt und darüber performativ gestritten. Als weiterer Performer musiziert Aras Levni Seyhan live von einer Art überhöhten Kanzel. Das schon erwähnte Ebenbild der Bühne im Hintergrund als Modell auf der schwebenden Tischplatte hat übrigens noch einen Untergrund, eine bizarre, morbid wirkende Höhlenlandschaft, die Anklänge an das erste „Out Loud“-Stück enthält, das zwischen Wirklichkeit und Träumen im Untergrund spielte.
Die zu Beginn angesprochenen emotionalen und geistigen Widersprüche manifestieren sich gegen Ende besonders stark, wenn Charlotte Zorell einerseits stöhnend, schnaufend ausführt „ich kann nicht mehr“ und ihrem Monolog dennoch eine kämpferische Stärke verleiht. Und dem Publikum keine Antworten auf eigene Zerrissenheiten mit auf den Weg gibt, sondern vielleicht Denk-und Gefühls-Anstöße für eigenes (Hinter-)Fragen.
Wundersam und immer wieder auch sonderbare Welten sind es, in die das Trio auf der Bühne das Publikum eintauchen lässt – mit ihnen. Manches Mal gemeinsam, dann wieder getrennt agieren Didem Kris, Berk Kristal und Defne Uluer spielend, tanzend, (poesie- bis hin und wieder geheimnis-)voll redend auf der Bühne – vor und in projizierten Hintergründen. Die kommen live von kleinen Modellen, die via Handy-Kamera gefilmt und eingeblendet werden (Bühne: Markus Liszt, Flo Botka, Michi Liszt). Und reichen von einem fast unheimlichen Wald mit lebendig werdenden Wurzelwesen bis zu einer Gemeinschafts-Latrine (Toilette mit Loch im Boden).
Sie alle tauchen ein in Träume, treffen verwundert aufeinander, pendeln zwischen Traum und Wirklichkeit – somit zwischen Eintauchen in unkontrollierbare Welten und der (nachträglichen) Betrachtung von außen. Das Geschehen wechselt auch zwischen alltäglichen Verrichtungen (Klo-Gang) und philosophischen Betrachtungen über ihr Leben sowie das Dasein im Allgemeinen.
Zu Beginn sitzen sie wartend auf einer Bank – Zuggeräusche donnern an aller Ohren vorbei. Wohin führt die Reise. Defne Uluer mit einem Buch in Händen, Didem Kris mit einem grauen Bündel, das sich später irgendwie als Stein entpuppt, sozusagen ein weibliches Gegenstück zu Sisyphos, der in der griechischen Mythologie einen Stein immer bergauf rollt, der ihm knapp vor dem Gipfel entkommt und nach unten kullert. Berk Kristal eher entspannt und ohne Gepäck.
In ihren Bewegungen und Monologen bzw. Gesprächen (Deutsch, Englisch, Türkisch) werden die drei Künstler:innen von Musik begleitet (Komposition: Uwe Felchle). Da das genannte Trio, von dem die ersten beiden „Out Loud“, das noch bis 25. Oktober 2023 im Theater am Werk/Petersplatz zu erleben ist, die Performance auch selber entwickelt hat, sorgten für die Sicht von außen und die Dramaturgie Aslı Kışlal und Anna Schober.
Eine dichte, immer wieder überraschende einstündige Performance, die häufig auch Assoziationen zu eigenen Träumen auszulösen vermag. Und vor allem gegen Ende für Verblüffung sorgt, sie sich Didem Kris zu einer Art Paket selber verschnüren kann – um dann von ihren Kolleg:innen auf dem Silbertablett serviert zu werden.
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