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(Radio-)Wohnwagen Wilma vor dem taO!, dem Theater am Grazer Ortweinplatz

Wohnwagen Wilma und die „ver-rückte“ Milz

„Wilma“ steht in großen gelben Buchstaben auf einer rosa gestrichenen Seitenwand eines Wohnwagens. Der steht vor dem Theater am Ortweinplatz und wurde in der Zeit des Theaterfestivals für junges Publikum spleen*graz – siehe Info-Box – zur Radio-Station; drinnen die Technik und oft draußen im gemütlichen Sitzkreis in fast Urlaubs-Stimmung Interviews und Gesprächsrunden.

Bei einem Lokalaugen- und -ohrenschein von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… wurde einerseits über den Begriff, der zum Namen des Festivals führte, gesprochen. Und andererseits über ein international vernetztes Projekt.

(Radio-)Wohnwagen Wilma vor dem taO!, dem Theater am Grazer Ortweinplatz
(Radio-)Wohnwagen Wilma vor dem taO!, dem Theater am Grazer Ortweinplatz

Milz

„Spleen“ als Bezeichnung für irgendwie „ver-rückt“, schräg, Tick, … kommt aus dem Englischen und dort fand es offenbar Eingang aus dem (Alt-)Griechischen splēn, mit dem das innere Körperorgan Milz bezeichnet wird. Sie galt – laut wikipedia – bis vor rund 300 Jahren als „Sitz bestimmter Gemütskräfte und bei Erkrankungen als Ursache für Hypochondrie“ (Anmerkung der Redaktion: Art eingebildete Krankheit).

(Radio-)Wohnwagen Wilma vor dem taO!, dem Theater am Grazer Ortweinplatz
(Radio-)Wohnwagen Wilma vor dem taO!, dem Theater am Grazer Ortweinplatz

International über Gastspiele hinaus

Spleen*graz ist von Anfang an als internationales Theaterfestival konzipiert. Aber über Gastspiele hinaus, läuft seit 2022 zusätzlich ein vernetzendes Format, das sich auch nicht nur auf das Festival beschränkt. Und darüber sprachen Vertreter:innen in einer Live-Radiosendung. Theater(gruppen aus Belgien, Finnland, Italien, Niederlanden, Deutschland und Österreich bringen vor allem nicht zuletzt über die EU-Austauschförderung Erasmus+ Nachwuchskünstler:innen zusammen. Einige davon gestalten eine eigene Programmschiene – spleen*trieb – in gemeinsamer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Title „Exit the Room“ (Raus aus dem Raum): „Hinaus aus Proberäumen, hinein in neue Städte, Sprachen und Ideen… Labor für Visionen: In Residenzen, Workshops und offenen Try-outs begegnen einander Nachwuchskünstler*innen und erfahrene Theatermacher*innen, um Theater immer wieder neu zu denken, in die Stadt zu tragen und gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen neue Formen des Erzählens zu erproben.“

Mit Schüler:innen

Partizipativ war auch spleen*funk gedacht. So manche der Radiosendungen wurden gemeinsam mit Jugendlichen zweier Grazer Schulen gestaltet – der Klex – Klusemann Extern sowie deren Stammsitz, der Mittelschule und dem (Real-)Gymnasium Klusemannstraße selbst.

(Radio-)Wohnwagen Wilma vor dem taO!, dem Theater am Grazer Ortweinplatz
(Radio-)Wohnwagen Wilma vor dem taO!, dem Theater am Grazer Ortweinplatz

Wilma

Neben dem großen Namenszug Wolma auf einer der Wohnwagenseiten, steht in kleiner Schrift auf der Rückseite neben dem Symbol für instagram clara.aber nicht klarer. Clara heißt die Eigentümerin des Wohnwagens, die ihn dem Festivalradio zur Verfügung gestellt hat. „Wilma hab ich ihn genannt, weil mich als Zehn-, Elf-, Zwölfjährige eines der Mädchen der Kinderbuch-Reihe Die wilden Hühner von Cornelia Funke fasziniert hat. Sie war die erste queere Person, die mir in Büchern und Filmen untergekommen ist“, erklärt Clara dem Reporter. Funke lässt Clara sich in Leonie aus der Theatergruppe verlieben – in „Die Wilden Hühner und die Liebe“.

kijuku_heinz

Compliance-Hinweis: Das Festival spleen*graz hat Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … für drei Tage zur Berichterstattung nach Graz eingeladen.

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Besprechung von Stücken, die bei spleen*graz auch spielen, KiJuKU.at schon – woanders – gesehen hat

Foto aus "The Tent"- im Zelt

Ein Zelt im Theater zum Digital-Video-Schauen

Draußen vor dem Theater (am Ortweinplatz), das bei spleen*graz immer zum Festivalzentrum wird, ein zum Radiosender umfunktionierter Wohnwagen, drinnen in einem der Räume ein Zelt.

Ein Zelt? Ja, dieses war Teil des Erlebnisses eines Augmented-Reality-Films. Zunächst außerhalb des kleinen Kuppelzelts die Vorgeschichte auf einem Tablet und mit Kopfhörern reingezogen, tauchtest du im Zelt tiefer in die Story einer Art Besetzung ein (Regie: Rory Mitchell, Übersetzung ins Deutsche: Jost von Harleßem; Sprecher:innen: Luisa Schwab, Franz Solar, Anke Stedingk).

Wie würdest du reagieren?

Zelt ist die Erlebnis-Location, weil es in der Geschichte um eine solches geht. Eine Frau schlägt ihr Zelt im Garten eines Einfamilienhauses auf. Wird geduldet. Bleibt aber eeeeewig lange, eine Art Besetzung mit auch übergriffigem Verhalten. Kippst und drehst du das Tablet, hast du verschiedene Perspektiven auf das Geschehen – nur das Zelt oder den Überblick über Haus und Siedlung.

Und innerlich kannst du dir aussuchen, überlegen, dich reinversetzen in die eine oder andere Seite…

kijuku_heinz

Compliance-Hinweis: Das Festival spleen*graz hat Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … für drei Tage zur Berichterstattung nach Graz eingeladen.

Besprechung von Stücken, die bei spleen*graz auch spielen, KiJuKU.at schon – woanders – gesehen hat

Szenenfoto aus "Die Abklärung" im taO! - Theater am Ortweinplatz, Graz

Sex und / oder Immanuel Kant?

Abklärung als Titel, da drängt sich Aufklärung fast zwangsläufig auf. Und da wiederum – gerade wenn sich’s um ein Jugendtheater handelt – jene in Sachen Sexualität. Trotz sexueller Revolution vor mehr als einem halben Jahrhundert nicht selten noch immer mit mehr als einem Hauch Scham, kichern…

Diese spielt durchaus eine atmosphärische (Hintergrund-)Rolle in diesem gemeinsam von Jugendlichen gemeinsam mit dem Regisseur (Simon Windisch) entwickelten und von diesen gespielten Stück im Grazer TaO! (Theater am Ortweinplatz). Zentraler allerdings ist die so benannte Epoche der geistigen, kulturellen, gesellschaftlichen Erleuchtung in Europa ab dem 18. Jahrhundert, die oft mit Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“ verknüpft wird.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Die Abklärung“ im taO! – Theater am Ortweinplatz, Graz

Annäherung ans Publikum

Valentina Erler, Emma Moser, Adriel Ondas, Mo Roth, Elena Trantow und Greta Zaar treten abwechselnd – manchmal einzeln, oft gemeinsam – aus dem Schatten ins Licht: Vor projizierte Theatervorhänge, um dann hinter mit schwarzen Vorhängen drapierte Boxen zwischen den sechs erleuchteten Stellen der halbrund angeordneten Bühne zu verschwinden und dann wieder, mitunter überraschend, aufzutauchen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Die Abklärung“ im taO! – Theater am Ortweinplatz, Graz

Anfangs ein wenig verschüchtert, sprechen sie – mehr oder minder als eine Person – die Zuschauer:innen direkt an – aber auch diese als eine Person und in Du-Form. Irgendwann ein überfallsartiges Vorspringen, recht nahe ans Publikum herankommen. Als würden die Spieler:innen darüber selber erschrecken, vollführen sie postwendend einen kräftigen Schritt zurück.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Die Abklärung“ im taO! – Theater am Ortweinplatz, Graz

„Dich würde ich gern kennenlernen, mit dir in Kontakt kommen.“ – „Ich finde dich interessant.“ Recht häufig schwingt eine erotische Komponente mit, die hin und wieder direkt geäußert wird. „Mit dir spazieren gehen und noch viel mehr…“ bis hin zu Plänen für die Zukunft schmieden. Oder würde das eher – so früh in einer möglichen Beziehung sogar eher ab-turnen. Wald, Strand, Straßencafé, Museum, Disco, Büro, Bibliothek… – verschiedene Settings für gemeinsame Orte erscheinen als Projektionen statt der roten Vorhänge.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Die Abklärung“ im taO! – Theater am Ortweinplatz, Graz

Verhalten und Werte

Je länger die insgesamt rund 1-¼-stündige intensive, dichte Performance dauert, desto mehr werden Themen angesprochen wie Werte und Grundhaltungen. Wäre Übereinstimmung in zentralen Grundfragen Voraussetzung für eine mögliche Beziehung? Aber auch persönliche Verhaltensweisen werden thematisiert und actionreich in einer Szene angespielt: Tischmanieren – von äußerst feiner Nahrungsaufnahme einzelner Weintrauben mit Besteck bis zum wilden Reinbeißen in einen Kopfsalat.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Die Abklärung“ im taO! – Theater am Ortweinplatz, Graz

Rückschritte

Eine große Rolle spielen Bücher in unterschiedlicher Form – samt fake-mäßiger Interaktion und – ohne es zu spoilern – heftiger Aktion, die das Gegenteil von geistiger Aufklärung mit finsterem historischem Bezug symbolisiert. Immer wieder stellen Menschen Errungenschaften der Aufklärung – wissenschaftliche Erkenntnisse, Überwindung von Aberglauben, Trennung von Kirche und Staat, Schicksale nicht als gott-gegeben hinnehmen, sondern Kampf für Gerechtigkeit und Solidarität wie sie in der französischen Revolution (1789) in der Losung „Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit“ gipfelten -, in Frage. Erleben wir nicht aktuell in verschiedensten Ländern, wie hart erkämpfte Fortschritte in Gesellschaft und im menschlichen Umgang miteinander gekübelt und über Bord geworfen werden?

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Die Abklärung“ im taO! – Theater am Ortweinplatz, Graz

Intensive Vorarbeit

In einem Gespräch mit jungen Zuschauer:innen, dem Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… beiwohnen durfte, erzählen die jugendlichen Schauspieler:innen, dass und wie sie intensiv und ausführlich erst viel diskutierten, recherchierten und improvisierten, bevor es an die eigentliche Entwicklung dieses spürbar aufklärerischen Stücks gegangen ist. Unter anderem beobachteten sie in der Vor-Phase in verschiedensten Settings, wie Menschen miteinander umgehen, diskutierten tiefgründig über wichtige Themen und wollten „nebenbei“ auch das Miteinander reden trotz gegenteiliger Meinungen anspielen, um Positionen abzuklären. Obwohl der Titel „Die Abklärung“ angesichts aktueller Entwicklungen (fast) weltweit eher wie eine Art Gegenteil von „Aufklärung“ wirkt.

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Szenenfoto aus "Audienz"

Einlassen auf einen Strudel, der abwärts zieht

KiJuKU: Frau Braumeisterin, wie bist du zu dieser Rolle gekommen und was ist für dich das Spannende an ihr?
Alexandra Schmidt (spielt die Braumeisterin): Zur Rolle bin ich gekommen, weil wir alle gemeinsam studieren und ich Zeit gehabt habe. Ich hab dann das Stück gelesen und gedacht: Komisch, sind ja zwei Männer, bin ich dann die Bohdalová, aber die kommt ja gar nicht im Stück vor, auch wenn die beiden öfter über sie sprechen. Dann hat der Flo (Regisseur) gesagt, er würde mich als Braumeisterin statt des Braumeisters im Original besetzen. Das find ich sowieso schon interessant. Dadurch, dass ich eine Frau bin, macht das was Komplett anderes auf. Jetzt ist es eben eine Chefin und der Angestellte ist ein Mann.

KiJuKU: Was ist für dich das Spannende an der Rolle?
Alexandra Schmidt: Spannend an ihr finde ich, dass sie extrem ambivalent ist und sie viele Gesichter hat. Vor ihm muss sie diese Chefinnen-Position wahren, ist in dieser Position gefangen und teilweise bricht es auf, diese ihre Maske fällt. Dieses Hin und Her zwischen diesen Extremen find ich sehr spannend. Trotz dessen, dass sie so hart und verhärmt ist, hat sie dennoch verletzliche Seiten, die gezeigt werden.
Auch spannend ist, dass es eigentlich für sie eine ausweglose Situation ist. Der Vaněk ist für sie ein neuer Lichtblick, sie glaubt, dass er die Situation für sie verändern kann. Deshalb kämpft sie so darum, es ist schwierig, ihm das zu erklären. Außerdem weiß sie gar nicht, ob sie ihm vertrauen kann. Deshalb dauert das Gespräch auch so lang, sie muss erst einmal ab-checken, was der weiß und wo der dazugehört.

Bis zur Auflösung

KiJuKU: Ja, Vaněk, das heißt, Nico, wie ist das für dich, diesen Vaněk zu spielen – unter anderem, weil der anfangs immer wieder sagt, er mag kein Bier und dann muss er dauernd trinken. Und auf einem Abschiebe-Posten werkt als regimekritischer Theater-Autor in der Brauerei im Lager arbeiten muss/ „darf“?
Nico Dorigatti (spielt Vaněk): Das Spannende an der Figur in dieser Situation ist, dass er aus dieser ausweglosen Lage, aus dieser Sackgasse in der er sich zu Beginn des Stückes befindet, zunehmend in einen Strudel der Desorientierung hineingezogen wird. Auch wie wir das sehr körperlich spielen, wo ich ja wirklich dann nur mehr rund um den Tisch schlittere, weil der Boden so nass ist von dem vielen verschütteten Bier.

Es ist diese völlige Machtlosigkeit gegenüber dem System. Das Wunderbare an diesem Stück ist auch, dass es sich nur in einem Raum abspielt und doch so große universale Räume geöffnet werden. Man hat nicht das Gefühl, dass ist nur ein Gespräch zwischen zwei Personen an einem Tisch. Es ist ein freier Fall in einen bodenlosen Schlund aus Machtlosigkeit und Verzweiflung, Sehnsucht. Dazu kommt noch der für diese Figur ungewohnte Alkoholkonsum, der fast zu einer Auflösung dieser Figur, des eigenen Ich und einem sich in all dem Verlieren führt.

Spannend ist dann aber, dass sich die Figur am Ende trotzdem entscheiden muss, ob sie zu den eigenen Werten steht oder diesem Sog vollends nachzugeben. Das ist für mich der Punkt, worauf dieses Stück hinausläuft.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Audienz“

Reinfallen lassen

KiJuKU: Wie schwierig ist es – auch wenn es „nur“ alkoholfreies Bier ist, so Unmengen in sich hinein zu schütten, damit herumzuspucken, -spritzen, sich selber voll zu schütten. Alles ist nass, rutschig, pickig, grauslich?
Nico Dorigatti (spielt Vaněk): Ich hab die Erfahrung gemacht, du musst einmal damit anfangen. Ab da entwickelt sich dieser Strudel, es passiert alles so schnell, es folgt alles Schlag auf Schlag. Es macht ja auch mit einem selber etwas als Schauspieler, wenn du völlig durchnässt bist, innen und außen alles nach Bier stinkt. Bei mir verkleben immer die Augen. Du kannst nicht mehr gehen, du wirst erschöpft, es tut alles weh durch diese Stürze. Es entwickelt eine ganz starke Dynamik, die einen als Schauspieler UND als Figur da hineinzieht, vollkommen verwurstet, herumschleudert.
Alexandra Schmidt: Und es hilft das Trinken auch, find ich. Auch wenn es alkoholfrei ist, kann man sich trotzdem reinfallen lassen in das Gefühl, immer alkoholisierter zu werden und damit andere Emotionen zeigt, anders spricht. Wie’s halt im echten Leben oft auch ist, dass man was sagt, was man nicht wirklich wollte. Oder, es zeigen sich halt andere Gesichter. Man kann sich dadurch noch lichter reinkippen lassen.
Nico Dorigatti: Wenn alles grauslich ist, senkt das auch die Hemmschwelle, was man machen kann. Wenn eh beide Personen völlig versaut und nass sind, sinkt die Schwelle dessen, was man miteinander machen kann.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Audienz“

Musik und Licht helfen

KiJuKU: Du spielst die nur selten auftretende Schauspielerin Bohdalová, die dem Vaněk sozusagen mehrmals im Wachtraum erscheint. Wie ist es so lange immer hinter oder neben der Bühne warten zu müssen, bis du dran bist, dann auf zack präsent sein zu müssen und in eine fremde Welt einzutauchen?
Sophie Borchhardt: Das Warten fühlt sich gar nicht so lang an, weil du trotzdem die ganze Zeit natürlich dabei und wach sein musst. Die Energie ist dann klarerweise voll da. Für meine Rolle helfen natürlich die Musik und das Licht. Dadurch merkt sie, dass sie sich da in einer anderen Welt bewegt und trotzdem mit Vaněk in Kontakt tritt, eigentlich auch mit der Braumeisterin, auch wenn diese sie nie wahrnimmt.
Sie ist im Stück ja nicht vorgesehen. Flo hat sie als diesen Geist der Erinnerung, diesen Traum an die Zeit an das freiere künstlerische Leben und den Ruhm eingebaut. Durch ihr Erscheinen hilft sie ihm immer wieder, sich aufzurichten. Und ihm in manchen Übergängen auch die Szene baut. Sie stellt die beiden zueinander oder am Ende, wenn sie die Sessel wieder auf Ausgangsposition bringt, eine neuerliche – sozusagen: Jetzt hast du einen zweiten Versuch, mach’s jetzt besser.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Audienz“

Zum Theater, zur Schauspielerei

Alexandra Schmid: Ich hab im taO, dem Theater am Ortweinplatz angefangen und schon voll früh gewusst, ich will das machen. Ich war dann in dem Kollektiv Planenteparty Prinzip…
KiJuKU: Dann hab ich dich sicher schon auf der Bühne und in Aktion in den Simulationsspielen erlebt?
Alexandra Schmid: Wir haben uns schon voll oft gesehen…
KiJuKU: Das ist mir jetzt urpeinlich, dass ich dich nicht erkannt hab…
Alexandra Schmid: Kein Thema, das war ja noch im Jugendtheater und schon lange, mehr als zehn Jahre her. Dann hab ich ein paar Filme gemacht und jetzt, voll spät, bin ich auf der Schauspielschule gnommen word’n. Jetzt studier ich Schauspiel und das ist voll cool.

Nico Dorigatti: ich bin da in Wr. Neustadt in die Schule gegangen, ins Gymnasium Babenberger Ring. Und ich hab dort, nein schon früher, in der Volksschule, die ersten Theatererfahrungen gesammelt und gemerkt, dass mir das taugt. Ich hab aber nie einen Gedanken daran verschwendet, das beruflich zu machen, weil in diesen Kreisen nicht diese Möglichkeit gefördert wurde. Aber nebenbei hab ich’s immer gemacht, es hat mich interessiert. Am Ende meiner Schulzeit hab ich begonnen, selber zu inszenieren hier in Wr. Neustadt, hab dann einige Jahre hier im Neukloster gespielt. Nach meiner Matura und dem Zivildienst hab ich mir gesagt: Gut, einmal muss ich’s versuchen, mich an einer Schauspielschule zu bewerben und es hat dann gleich beim ersten Versuch am Max-Reinhardt-Seminar geklappt.

Sophie Borchhardt: Bei mir war’s so, dass ich schon al kleines Kind gern mit meinen Schwestern verschiedene Rollen gespielt habe. Aber mehr verfolgt hab ich’s nicht, hatte auch andere große Leidenschaften wie das Reiten oder… na eigentlich das Reiten und die Natur. Dann bin ich von Wien aufs Land gezogen, nach Klagenfurt und dann hatte ich das nicht mehr am Schirm. Dann mit 15 wurde ich in der Schule spontan gefragt, ob ich Lust hätte, für eine kurze Szenen auf den Tisch zu springen und zu tanzen. Ich hab beschlossen, was hab ich zu verlieren und zugestimmt. Und so hab ich dann angefangen, Theater zu spielen, dann war eine längere Pause, es kam ja auch Corona. Nach der Matura hab ich’s probiert und bin jetzt am Max-Reinhardt-Seminar. Und so schließt sich der Kreis, weil ich hier in meinem ersten Stück ja in einer Szene auch auf dem Tisch tanze.

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Szenenfoto aus "Erwachsenenbeschiompfung" im TaO! - Theater am Ortweinplatz (Graz)

So, jetzt wisst ihr, was Jugendliche nervt…

„Ihr werdet heute Abend beschimpft werden…“ – so lautet der erste Satz, den die vier Schauspielerinnen dem Publikum entgegenschleudern. Na, das gerade nicht, sondern eher entgegen-sagen. Und nicht dem ganzen Publikum, sondern nur einer Hälfte der Zuschauer:innen – den Erwachsenen bzw. jenen, die vom jungen Theaterquartett zu solchen eingeteilt werden oder die sich als solche sehen/lesen. Und ja – die Leser:innen bei denen nun der Gedanke an das berühmte Theaterstück namens „Publikumsbeschimpfung“ auftaucht, haben Recht. „Erwachsenenbeschimpfung“ im Grazer taO! (Theater am Ortweinplatz) mit vier jungen – aus den Theaterwerkstätten kommenden – Schauspielerinnen (Franka Jauk, Emma Moser, Elena Trantow, Felicia Sobotka) ist davon mehr als inspiriert. Auch die Struktur und Eigenheit des Stücks, das damals für einen Skandal gesorgt hatte, wurde von Regisseur Simon Windisch, der gemeinsam mit dem Ensemble den Text entwickelte, übernommen.

Szenenfoto aus

Meta-Ebene

Übrigens: Obwohl im Titel und im ersten Satz, im Prinzip wurde im Original (1966, damals war der spätere Literaturnobelpreisträger 24 Jahre) und wird im eineinhalb-stündigen aktuellen Stück nicht wirklich beschimpft. Der Skandal ergab sich vielmehr aus der Form, dass nicht eine Geschichte mit Figuren erzählt wird. Neben fundierter, grundsätzlicher Kritik „wenn ihr über die Zukunft sprecht, meint ihr immer die Vergangenheit“ – praktisch ohne Schimpfworte, eher immer wieder einmal mit Irritationen, wird viel über diese nicht-klassische Form des Theaters – und übers Sprechen selber – gesprochen.

Szenenfoto aus

Aneinander vorbei

Und im Fall der „Erwachsenenbeschimpfung“ über die Nicht-Kommunikation zwischen den Generationen, das mangelnde Verständnis der Erwachsenen für Kinder und vor allem Jugendliche – nicht zuhören, aneinander vorbeireden, in vorgegebene, eigene Richtungen zu drängen versuchen…

Szenenfoto aus

Backstage auf einer Bühnenhälfte

Jetzt gibt es aber nicht nur erwachsene Zuschauer:innen – und oben war die Rede, pardon Schreibe von der Publikumshälfte. Was hat es damit auf sich?

Der Theaterraum ist geteilt, getrennt durch einen Gaze-Vorhang, der – je nach Beleuchtung – Durchsicht auf die andere Seite erlaubt bzw. verhindert (Bühne und Ausstattung: Rosa Wallbrecher). Die Jugendlichen sitzen sozusagen Backstage. Über Monitore sehen sie das Bühnengeschehen aus der Sicht der Oldies. Dort ziehen sich aber auch die vier Schauspielerinnen manches Mal um.

Hin und wieder bleibt die eine oder andere des Quartetts länger auf dieser Seite und gibt sozusagen Regie-Anweisungen an die Jugendlichen – wie sie auf die (chorischen) Monologe so reagieren sollten/könnten, wenn das Licht für die Erwachsenen die Durchsicht erlaubt. Von fadisiert bis Daumen hoch – was aber nicht die Performance der Schauspielerinnen kommentiert, sondern sozusagen die Erwachsenen in dem was ihnen gerade eben vorgehalten wurde.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Erwachsenenbeschiompfung“ im TaO! – Theater am Ortweinplatz (Graz)

Denn ja, die (Vor-)vor-Generationen werden nicht nur kritisiert, sondern auch gelobt, etwa dafür, dass sie auf FCKW verzichtet haben, womit das Ozonloch sich wieder schließen konnte, oder dass sie Zwentendorf verhinderten – da wäre vielleicht das Wort Atomkraftwerk nicht schlecht gewesen, weil viele Jugendliche vielleicht mit dem Ortsnamen allein nicht so viel anfangen können. Und neben Bruno Kreisky, Ernst Jandl und Gorbatschow wäre vielleicht doch auch noch ein Dank an die eine oder andere Frau – wenn schon Anleihe bei Peter Handke hätte sich da die ebenfalls österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek angeboten. Oder war’s Absicht, um subtil männlich dominierte Geschichtserzählung zu kritisieren?

Doch ein paar Schauspiel-Szenen

Hin und wieder wird die gesprochene Textfläche durchbrochen – zum einen durch Emma Moser, die ihre Harfe heranschleppt und Songs – etwa „Wind of Change“ spielt oder – mit eigenem Text „Good old Hollywood is dying“ (Musik: Robert Lepenik und Ensemble). Bei Letzterem wechseln die vier die meiste Zeit in grauen Anzügen deklamierenden jungen Schauspielerinnen in weiße Anzüge. Elena Trantow wechselt gegen Ende flott hintereinander Kostüme und Altersdarstellungen – „sweet 16“, 21 sowie „very, very old“.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Erwachsenenbeschiompfung“ im TaO! – Theater am Ortweinplatz (Graz)

Vorurteile zerlegen

Und sie zählen Vorurteile Erwachsener gegenüber Jugendlichen auf und nehmen diese auseinander, am wirkungsvollsten in einer der wenigen wirklich schauspielerischen Szenen, in der sie – vor der jugendlichen Publikumshälfte einen heftigen Streit spielen, den die Erwachsenen auf der anderen Seite des Vorhangs nicht sehen, sondern nur hören. Um dann in einer Art „Ätsch“ auf den Kopf zuzusagen, genau, das glaubt ihr von uns, aber nur gespielt!

Und dieses Aha-Erlebnis könnte auch für die anderen angesprochenen vielfältigen Themen gelten. Vielleicht? Hoffentlich 😉  Zumindest wurde/wird viel und dicht angesprochen, was Jugendliche bewegt und an Eltern, Lehrer:innen und anderen Erwachsenen nervt.

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