Wie andere Überschreibungen / moderne Bearbeitungen von Friedrich Schillers erstem Drama „Die Räuber“ spielt Musik eine große Rolle.
Durchscheinende Vorhänge zaubern Wälder aber auch Projektionsflächen für Bilder aus dem Schloss der Moors und nicht zuletzt das Ambiente einer urigen Wirtsstube bald nach Beginn. Hier kriegt der mit seinen Kumpels trinkende und Karten spielende Bummelstudent Karl den verhängnisvollen Brief (Bühne und Kostüme: Birgit Leitzinger). Den hat sich der berühmte Autor Friedrich Schiller als Intrige im reichen Haus ausgedacht. Franz, der sich ständig benachteiligt fühlende zweitgeborene Sohn des alten Schlossherren, schreibt einen frühen Fake-Brief an seinen Bruder. Der Vater habe mit ihm, dem Lieblingssohn Karl, gebrochen…
Was die Dynamik in Gang setzt. Karl gründet mit den Freunden eine Bande, die dem ersten und am berühmtest gewordenen Dramas Schiller auch den Titel gab / gibt: „Die Räuber“. Mit – vorgeblich – guten Absichten. In Robin-Hood-Manier: Reiche bestehlen, Arme beschenken.
In der Inszenierung (Mia Constantine) des niederösterreichischen Landestheaters, die seit Kurzem in der St. Pöltner Bühne im Hof oft auch in vormittäglichen Schulvorstellungen spielt, im Mai dann im Stadttheater von Wiener Neustadt gastiert, wird die Bande immer wieder zur musikalischen Band. Die Schauspieler:innen Laura Laufenberg, Julius Béla Dörner, Julian Tzschentke und Bettina Kerl wechseln dann von gesprochenen zu gesungenen Stimmen, hauen in Tasten (Keyboard), zupfen Saiten (Gitarre, E-Gitarre) oder blasen Trompete. Für die Songs bedienen sie sich mintunter bei bekannten Melodien (unter anderem „You’v got a Friend“). Musikalisch steigen sie meist aus den gespielten Szenen aus, um das eine oder andere sozusagen zu kommentieren oder Grundstimmungen zu vermitteln (Musik: Kilian Unger).
Und greift damit zu einem der Erfolgsrezepte neuerer Inszenierungen. So tourte im Herbst das Volkstheater in der Version des innovativen Bronski- und Grünberg-Theaters mit einer rockigen Version durch Veranstaltungszentren in den Wiener Bezirken mit „Charly Moors Band“. Und schon vor drei Jahren setzte die Gruppe „Plaisiranstalt“ in ihrer „Räuber“-Überschreibung im Dschungel Wien (MuseumsQuartier) auf Disco-Sound und wildes Abtanzen – auch mit der Frage Familie oder Kumpels. Erster kann sich bekanntermaßen keine/r aussuchen 😉 – Links zu Besprechungen dieser beiden Versionen unten am Ende des Beitrages.
Das Räuberbanden-Dasein als Mix aus einer Art Rache des (vermeintlich) vom reichen Hof Verstoßenen mit Suche nach einerseits Freundschaft und andererseits Sinn im Leben „läuft aus dem Ruder“ – wie gleich zu Beginn noch vor dem Einstieg ins szenische Spiel als Triggerwarnung dem Publikum mit auf den Weg gegeben wird (Stückfassung: Felix Krakau). Mehr noch als die Räuber- und Robin-Hood-Beweggründe spielen die erwähnten Elemente Freundschaft und Sinnsuche eine große Rolle. Frischer Wind, neue Ideen – Schlagworte wie sie immer wieder recht aktuell klingen – fallen; wie die ganze Inszenierung weitgehend in heutiger Sprache immer wieder mit Zitaten aus dem Original organisch verknüpft wird.
Aufkeimende Machtkämpfe – Spiegelberg hält sich für die besser geeignete Führungspersönlichkeit – kommen auch ins Spiel. Eine ausführliche(re) Phase stellt hingegen die erweiterte Sinnfrage dar: Die Reflexion der eigenen Taten. Um einen der ihren, Rolle, der nicht wirklich mitspielt, vom Galgen zu retten, steckt die Bande eine ganze Stadt in Brand – mit Dutzenden Todesopfern. Wollten für eine besser Welt kämpfen, doch was haben wir letztlich getan!?
Während Laura Laufenberg als einzige des Bühnen-Quartetts ausschließlich eine Figur, sehr stark in seinen wechselnden Gefühlen nachvollziehbar, den Karl Moor gibt, schlüpfen die Mit-Räuber Bettina Kerl (Spiegelberg), Julian Tzschentke (Razman) und Julius Béla Dörner (Schweizer) zunächst in Videos (Hannah Strobl), später dann auch live adelig kostümiert in der hier angegebenen Reihenfolge in die Rollen von Vater Moor, dem intriganten Bruder Franz sowie Karls Verlobter Amalia.
nach Friedrich Schiller
von Felix Krakau
Landestheater Niederösterreich zu Gast in der Bühne im Hof
Ab 13 Jahren, 1¼ Stunden
Karl: Laura Laufenberg
Schweizer/Amalia: Julius Béla Dörner
Razman/Franz: Julian Tzschentke
Spiegelberg/Vater: Bettina Kerl
Inszenierung: Mia Constantine
Bühne und Kostüme: Birgit Leitzinger
Dramaturgie: Thorben Meißner
Musik: Kilian Unger
Video: Hannah Strobl
Regie-Assistenz: Andreas Vettermann
Soufflage: Michaela Czaak
Inspizienz: Paul Goga
Aufführungsrechte: Rowohlt Theater Verlag, Hamburg
Bis 11. Juni 2026
Bühne im Hof: 3100, St. Pölten, Linzer Straße 18
5. bis 7. Mai 2026
Wr. Neustadt, Stadttheater: 2700, Herzog-Leopold-Straße 17
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