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Mit Hilfe von KI (Künstlicher Intelligenz) angefertigte Illustration auf der Basis einer von der KI Claude (Anthropic) verfassten Zusammenfassung des hier veröffentlichten Beitrages und auf dieser Basis von Chat GPT erstellter Illustration im mehrfachen Dialog mit KiJuKU
Mit Hilfe von KI (Künstlicher Intelligenz) angefertigte Illustration auf der Basis einer von der KI Claude (Anthropic) verfassten Zusammenfassung des hier veröffentlichten Beitrages und auf dieser Basis von Chat GPT erstellter Illustration im mehrfachen Dialog mit KiJuKU
08.04.2026

Schüler:innen können wenig mitbestimmen – und sind mit Demokratie weniger zufrieden

15.000 Jugendliche – ca. 14 bis 18 Jahre – beantworteten 270 Fragen zu ihren Einstellungen und Werten; Studie „Lebenswelten 2025“ der 14 Pädagogischen Hochschulen wurden vorgestellt; einige ausgewählte Ergebnisse.

Einerseits optimistisch, aber nicht alle. Und da für sich selber schon, für die Gesellschaft insgesamt aber weniger. Stärker auf materiell orientierte Werte fokussiert als fünf Jahre vorher. Weniger Zustimmung zur Demokratie einerseits, aber häufiges erleben, nicht mitreden zu dürfen. Und vor allem ist „die Entwicklung des gesundheitlichen Wohlbefindens besorgniserregend“…

Dies sind einige Schlaglichter aus der Kürzest-Präsentation der umfangreichen Studie „Lebenswelten 2025 – Einstellungen und Werte von Jugendlichen in Österreich“ (rund 400 Seiten). Diese wurde am Dienstag nach Ostern von Vertreter:innen Pädagogischer Hochschulen gemeinsam von den Professor:innen Pädagogischer Hochschulen Martina Ott (Vorarlberg) und Nikolaus Janovsky (Katholische PH Edith Stein mit mehreren Standorten Vorarlberg, Tirol, Salzburg) mit Bildungsminister Christoph Wiederkehr in Wien vorgestellt. Dafür hatten 15.000 Jugendliche der 8. bis 12. Schulstufen (also rund 14 bis 18 Jahre) aller Bundesländer sowie aller Schultypen vor einem Jahr (März, April 2025) online 270 Fragen in der Schule beantwortet. (Auf Nachfrage von KiJuKU: 22.000 Schüler:innen waren dazu eingeladen worden.) Eine – nicht ganz gleiche, aber ähnliche – Studie hatten die 14 Pädagogischen Hochschulen aller Bundesländer schon 2020 im Rahmen ihrer Forschungstätigkeit durchgeführt, weshalb es also Vergleichswerte gibt.

Zuversichtlich für sich, aber nicht für die Gesellschaft

So, nun zu einigen der viiiiielen Facts, oder vielmehr subjektiven Einschätzungen der Befragten:

  • Fast neun von zehn (88%) sehen ihre eigene Zukunft – völlig bzw. eher – positiv
  • Nur jede/r ritte (33 Prozent) sieht hingegen die Entwicklung der Gesellschaft mit Zuversicht
  • Am künftigen Beruf rangiert Sicherheit des Arbeitsplatzes mit ¾ (also 75%) ganz oben, gefolgt von ausreichend Freizeit – fast zwei Drittel – sowie kaum weniger (64%) Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Auf die KiJuKU-Frage, ob es hier einen Gender-Gap gäbe, erklärte die PH-Vorarlberg-Professorin für Bildungssoziologie, Martina Ott: „Keinen wirklichen, nur ein Prozent Unterschied“. Das sei eine Hoffnung auf Haltungsänderungen, was Care-Arbeit betreffe, allerdings gibt es im beruflichen Alltag noch immer einerseits die Hürde ungleicher Frauen- und Männer-Gehälter und andererseits keinen ausreichenden Kündigungsschutz für karenzwillige Väter.

  • Der Wunsch nach hohem – materiellen – Lebensstandard hat sich von 44 Prozent (2020) auf 48 % (2025) erhöht, „ebenso wie das Streben nach Einfluss und Durchsetzung eigener Interessen. Idealistische Werte wie Toleranz und Umweltbewusstsein verlieren hingegen leicht an Gewicht.“

Körperliche und psychische Beschwerden

  • Ein Drittel der 15.000 Schüler:innen gab an, „häufig unter Beschwerden wie schlechter Stimmung, Schlafproblemen oder Schmerzen“ zu leiden. Wobei die Studien-Autor:innen aus den Angaben eine deutlich höhere Belastung bei Mädchen und jenen Jugendlichen konstatierten, die sich als divers geschlechtlich einordneten (159 Einzelpersonen, also knapp mehr als ein Prozent der Befragten).

Als größte Sorge wurden genannt: Familiäre Konflikte (41%), schwere Krankheiten (38%) und nur knapp weniger „Krieg in Europa“ (36%).

Schulstress

  • Weit mehr als die Hälfte der 15.000 Jugendlichen macht sich Sorgen wegen der Schule – bei den Mädchen gar 71 % und bei den diversgeschlechtlichen zwei Drittel (66%), bei den Burschen „nur“ 48%.
  • Mehr als ein Viertel nannte körperliche Beschwerden in direktem Zusammenhang mit der Schule (28% hat – sehr – oft schulbedingte Bauchschmerzen), jede/r Siebente (14%) fühlt sich als Außenseiter:in.

Demokratie und (nicht vorhandene) Mitgestaltung

  • Gaben 2020 noch mehr als zwei Drittel, genau 70 Prozent, an, mit der Demokratie zufrieden zu sein, sank dieser Anteil in der aktuellen Umfrage (2025) auf unter die Hälfte – 42 Prozent.
  • Allerdings würden gleichzeitig acht von zehn (80%) demokratische Werte wie wählen gehen oder Kompromissbereitschaft befürworten und
  • Gleichzeitig stimmte mehr als die Hälfte (56 %) jener Aussage zu, die in Umfrage für einen Hang zu autoritären Systemen verwendet wird, dass „eine starke Hand den Staat in Ordnung bringen sollte“.

Der Bildungsminister wies deshalb auf die Wichtigkeit der von ihm forcierten Einführung von Demokratiebildung in Schulen hin. Die Umfrage unter den 15.000 Jugendlichen ergab aber auch, dass mehr als die Hälfte (57%) ständig erlebt, dass Entscheidungen ohne sie über ihre Köpfe hinweg getroffen werden, sie also keine demokratische Mitbestimmung erleben. Worauf im Übrigen erst kürzliche die Jugendanwält:innen aller Bundesländer im Zuge der Diskussionen um ein mögliches Social-Media-Verbot für Jugendliche hingewiesen haben und sich nicht zuletzt deswegen demgegenüber skeptisch zeig(t)en.

Zusätzliche schriftliche Reflexionen

Und zum zuletzt genannten – Nicht-Erleben von Mitbestimmung – gab es 2020 keine Fragen, wurde Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… auf die entsprechende Frage geantwortet – also keine Vergleichsmöglichkeit. Dafür wurde zu diesem Bereich – neben den Fragen – eine „explorative, qualitative Untersuchung… an verschiedenen urbanen und regionalen Schulen der Sekundarstaufe II (Berufsschulen, BORG, HTL, Polytechnischen Schulen) in vier Bundesländern (NÖ, Salzburg, Tirol und Wien) zusätzlich durchgeführt. Und als „schriftliche Reflexionen der Jugendlichen in Form von Freitexten mit einem Umfang von jeweils etwa 200 – 250 Wörtern, in denen sie ihre Gedanken, Erfahrungen und Sichtweisen hinsichtlich Demokratie in eigenen Worten ausdrücken konnten. Die Lehrkräfte begleiteten die Aufgabe, ohne inhaltlich einzugreifen. Für die Bearbeitung standen etwa 40 Minuten zur Verfügung“, heißt es auf Seite 328 der Studie.

Die gesamte Auswertung der Umfrage – rund 400 Seiten samt Fußnoten – wird erst Ende April gedruckt veröffentlicht; es gibt sie aber bereits online als PDF zum Download – siehe Infobox. Zu konkreten demokratischen Mitgestaltungsmöglichkeiten in der Schule – aus praktischen Beispielen Westösterreichs, Deutschlands und der Schweiz – werde es Ende April eine eigene Publikation geben, so Professorin Ott zu KiJuKU.at

Eigene Relativierung

Die Studie relativiert im Übrigen selber die Umfrageergebnisse insofern, als sie einerseits natürlich geänderte Rahmenbedingungen ins Treffen führt und vor einer Deutung als „nachhaltigen Wertetrend“ warnt: „Interessant ist der Bedeutungszuwachs von Werten, die eher materialistischen und traditionellen Haltungen zugeordnet werden, beispielsweise ein hoher Lebensstandard, das Streben nach Sicherheit, das Durchsetzen eigener Bedürfnisse gegen andere, die Beachtung von Sitten und Gebräuchen sowie der Wunsch nach Macht und Einfluss. Diese Werteverschiebungen lassen sich mitunter auch auf wirtschaftliche, soziale und politische Entwicklungen zurückführen, von denen Jugendliche stärker betroffen sind. Beispielsweise trifft die hohe Inflation der letzten Jahre Jugendliche aufgrund ihres noch geringen Einkommens stärker, der abzuleistende Wehr- bzw. Zivildienst fällt in eine Zeit des Krieges in Europa und der berufliche und soziale Vergleichs- und Konkurrenzdruck ist globaler geworden. Inwieweit die zunehmende Bedeutung der genannten Werte einen nachhaltigen Wertetrend darstellt oder lediglich temporäre Entwicklungen abbildet, bleibt abzuwarten.“ (S. 80)

kijuku_heinz

INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Jugendforschung
Herausgeberschaft: Pädagogische Hochschulen Österreichs
Lebenswelten 2025 – Einstellungen und Werte von Jugendlichen in Österreich
390 Seiten
Verlag Beltz Juventa
Im Handel ab 30. April 2026
eBook (kostenlos downloadbar): Lebenswelten 2025 –> jugendstudie.at