„Theater Jugendstil“, das jedes Jahr ein jugendrelevantes Thema zum Stück macht, taucht 2026 in die Welt von Computer-, Konsolen- und Online-Spielen ein.
Der große weiße Tisch lässt erahnen – auch wenn er erst später beim Kippen, oder von Anfang an beim Aufstehen mit einem Blick von leicht oben als überdimensionaler Controller erkennbar ist, hier wird gespielt. Auf der Theaterbühne (Bühne & Kostüm: Daniel Sommergruber) rund um und in Computer- bzw. Video- und Online-Games. Der „Held“, der die Stunde über im Stück namenlos bleibt, zockt, was das Zeug hält. Und ist – wie sich herausstellen wird – gar nicht besonders gut darin. Aber lieber als Schule, die für ihn ein „schwarzes Loch“ ist, das alle Energie einsaugt, oder gar mit der Mutter zu reden, ist das Eintauchen in abenteuerliche erfundene Welten allemal. Und das am liebsten eher allein, Single Player Modus. Gemeinschaft ist nicht so sein’s. Aber als Einzelkämpfer da wächst er. Irgendwie.
Bis er auf eine Spielerin trifft. Elli nennt sie sich. Und ist viel besser als er, was er doch anerkennend feststellt. Wenngleich sie ihn auf den Boden der (Spiel-)Realität holt, dass dies im Vergleich mit ihm keine Kunst sei.
Vor diesem Grundsetting spielt die Theatergruppe „Jugendstil“ ihr diesjähriges Stück „Reset your Mind“ (Setz deinen Geist / deine Denkweise zurück), verfasst von Vielfachtalent Charlotte Zorell – siehe einige der Links am Ende des Beitrages. Regie führte erstmals für Theater Jugendstil Claudia Waldherr.
Mirkan Öncel ist einerseits der Zocker und andererseits in Game-Szenen der Solokämpfer. In einem fiktiven Podcast-Interview mit sich selbst outet er sich als in der Realität schüchtern, unsicher und so weiter und als Interviewpartner als ur-tough – wie er eben gern wäre. Dieses Pendeln lässt er auf der Bühne gut spüren, mit stärkerer Schlagseite auf den nicht so ganz „starken“ Anteilen der realen Figur.
Seine Schauspielkollegin Susanne Preissl ist Tausendsassa, die Umzugs-Queen. Sie schlüpft nicht nur in die Rolle der Gamerin bzw. der Kämpferin im Spiel, wo sie sich Elli nennt. Bald nach Beginn gibt sie die strenge Klischee-Lehrerin, die der – in dieser Szene nicht vorhandenen – Mutter erklärt, dass der Sohn nix fürs Gymnasium ist. Wobei die beiden jugendlichen Charaktere allerdings einiges jenseits der Volksschulzeit angesiedelt sind.
Als Mutter bemüht sie sich um den Sohn, in Sorge um seine Zukunft, kann ihn jedoch erst gegen Ende wirklich erreichen, wo sie selber auch zugibt, in der Schule nicht die beste gewesen zu sein. Weshalb sie bereits zu Hause im Krankenpflege-Gewand auftaucht, irritiert ein wenig – angesichts strenger Hygiene-Vorschriften im Gesundheitswesen. Sie wechselt so überzeugend in ihre jeweiligen Figuren, dass am Ende bei der Verbeugung – da ist sie die Gamerin, nach der Mutter gefragt wurde. Und als sie ihre schwarze Langhaar-Perücke abnimmt, fragen Jugendliche, ob sie wirklich die Mutter des Kollegen ist, der nur ein paar Jahre jünger ist als sie.
Der Zocker anerkennt nicht nur, dass die Gamerin viel besser ist, beide beginnen sich anzufreunden. Er lädt sie ein, dazuzustoßen, wenn er mit seinen Kumpels doch manchmal spielt. Sie äußert ihre Bedenken, dass Jungs sehr oft (mehr als) ungut auf Mädchen reagieren. Seine Gang sei nicht so, meint er. Sind sie aber dann doch. Mehr als. Blöde, abwertende Sprüche, Beschimpfungen und das volle Programm (Stimmen aus dem Off: Curdin Caviezel, Jonas Graber, Philipp König). Und unser „Held“? Der – schweigt.
Ist ihm zwar spürbar unangenehm, aber kein einziges Wort, mit dem er die „Freunde“ in die Schranken weist… Das wird so unangenehm, dass etliche der Schüler:innen der Premierenvorstellung – traditionell für die Theatergruppe im Stadttheater Bruck an der Leitha (Niederösterreich) – im kurzen Publikumsgespräch sagen, er hätte für sie Partei ergreifen müssen. Also – wie der Titel will – seinen Geist / seine Denkweise neu aufsetzen.
„Geh hin und entschuldige dich“, rät ihm die Stimme der „Oma“ aus dem Off, mit der er immer wieder am Handy telefoniert. Doch auch wenn der Draht zu ihr besser zu sein scheint als zur Mutter, schwingt auch da eine ignorante Ebene mit. Die Großmutter (Sehnaz Taftali) ist zweisprachig mit Deutsch und Türkisch, was sie immer wieder einfließen lässt. Doch dem Enkelsohn kommt kein einziges Wort, weder eine Begrüßung noch ein Danke auf Türkisch über die Lippen.
Im Game selber wird der Tisch = Controller zu allem Möglichen, unter anderem einem Auto, da spielt sich Action ab, bei der viele der jugendlichen Zuschauer:innen so richtig mitgehen. Gar nicht so viele zeigen im Publikumsgespräch auf, als gefragt wird, wer gern und viel spielt. Im Gegensatz zu den Schüler:innen einer Klasse, in der die Autorin des Textes zur Recherche war: „Da haben alle gespielt!“
Als Korrektiv aus der Zielgruppe holte sich „Theater Jugendstil (Susanne Preissl und Sophie Berger) erstmals eine jugendliche Hospitantin mit der 16-jährigen Schülerin Lalezar Bülbül.
Das Zurechtrücken von noch immer weit verbreiteten Klischees ist einer der Grund-Anstöße des Stücks. Immerhin ist fast die Hälfte aller, die spielen, weiblich – 47 Prozent der mehr als drei Milliarden weltweiten Spieler:innen wie die Game-Expertin – Spielerin, Designerin und Forscherin (Computerspiele, Virtual Reality, Künstliche Intelligenz) Johanna Pirker (Technische Unis München und Graz) im Buch „Game On – wie Gaming unsere Welt revolutioniert“ schreibt.
Sie sieht die Welt des Gamings auch weitaus positiver als die Warner:innen vor den Gefahren: „Leider werden Games immer noch oft auf problematische Aspekte wie Gewalt oder Sucht reduziert, anstatt das Spiel als vielfältiges, komplexes Medium zu begreifen.“ (S. 32) Entwicklung von Spielen, das Business darum herum sei außerdem ein wichtiger Wirtschaftszwei, mittlerweile größer „als die Film-, Buch- und Musikindustrie zusammen“ (S. 23).
Über die Gamerin, Moderatorin, Speakerin Rebecca Raschun alias JustBecci in einem der Berichte über die Game City 2025 im Wiener Rathaus, immerhin die siebentgrößte Stadt Österreichs – im ersten Link unten.
Theater Jugendstil
12 bis 16 Jahren; eine Stunde
Autorin: Charlotte Zorell
Regie: Claudia Waldherr
Schauspiel:
Gamer und Kämpfer im Spiel: Mirkan Öncel
Gamerin / kämpfende Bärin im Spiel / Mutter / Lehrerin: Susanne Preissl
Stimmen aus dem Off:
Oma: Sehnaz Taftali
Computerspiel-Kumpels: Curdin Caviezel, Jonas Graber, Philipp König
Games-Sprecherin: Claudia Waldherr
Bühne & Kostüm: Daniel Sommergruber
Musik: Patrick Grzybowski
Hospitanz als Zielgruppen-Korrektiv: Lalezar Bülbül (16, Schülerin)
Grafik: Desiree Wieser
Produktion: Theater Jugendstil (Susanne Preissl und Sophie Berger)
St. Pölten
Frei:raum: 3100, Herzogenburger Straße 12
28./ 29./ 30. Jänner 2026
jeweils 9 und 11 Uhr
Amstetten
AK Bezirksstelle: 3300, Wienerstraße 55
10. Februar 2026
9 und 11 Uhr
Hollabrunn
Stadtsaal: 2020, Josef Weislein-Straße 11
11. Februar 2026
9 und 11 Uhr
Stockerau
Lenautheater: 2000, Sparkassa-Platz 2
12. / 13. Februar 2026
9 und 11 Uhr
Kartenreservierung für die Vorstellungen in Stockerau unter karten@lenautheater.at oder Telefon: 0699 133 900 01
Gramatneusiedl
Veranstaltungssaal: 2440, Marie-Jahoda-Platz 1
17. Februar 2026
9 und 11 Uhr
Kartenreservierung für Niederösterreich (außer Stockerau – eigene Reservierungen, siehe oben)
verein.jugendstil@gmx.at
Telefon: 0650 68 72 430 oder 0660 31 39 492
Wien
Theater Akzent: 1040, Theresianumgasse 18
20. Februar 2026; 19 Uhr
6. März 2026
10 und 12 Uhr
Kartenreservierung für Wien
im Theater Akzent:
Nicole Laschitz-Schallerbauer
eMail: Nicole.LASCHITZ@akzent.at
Ticket-Hotline: 01 501 65-13306
Preis: Schüler:innen-Gruppen 8 € pro Person (Begleitpersonen gratis)
Text: Johanna Pirker
The Game is On – Wie Gaming unsere Welt revolutioniert
234 Seiten
EcoWing Verlag / Benevento Publishing
26 €
eBook: 20,99 €
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