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Szenenfoto aus dem Stück "Nussschale" bei Bloody Crown II in Wr. Neustadt
Szenenfoto aus dem Stück "Nussschale" bei Bloody Crown II in Wr. Neustadt
26.09.2021

Hamlet als ungeborener 24-Jähriger im AKW Zwentendorf

In „Nussschale“ beim Festival „Bloody Crown II“ in Wr. Neustadt trifft „Me“ als Film auf den mordenden Onkle und die intrigante Mutter auf der Bühne.

Rechts (vom Publikum aus gesehen) eine Wand voller Bücher, links eine fast gleiche Regalwand – voller (Alk-)Flaschen. In der Mitte ein Sofa, darauf Trudy, eine werdende Mutter. Das noch ungeborene Kind ist eine moderne Version von „Hamlet“, erfunden von Ian McEwan in seinem Roman „Nussschale“. Seinem 2016 erschienenen Buch („Nutshell“) stellt er das Shakespeare‘sche Zitat aus Hamlet voran: „O Gott, ich könnte in eine Nussschale eingesperrt sein und mich für einen König von unermesslichem Gebiete halten, wenn nur meine bösen Träume nicht wären.“

Szenenfoto aus dem Stück

Ein Traum ging in Erfüllung

Das ist es, das wollen wir haben, „es wäre ein Wahnsinn, wenn wir da die Rechte kriegen können“ so die Wortwiege-Mastermind Anna Maria Krassnigg im Interview mit Kind I Jugend I Kultur I Und mehr… und vor allem in dem Fall „unser Lieblingsdramaturg“ (O-Ton im Interview) Karl Baratta. Beim Festival über blutige Kronen, Aufstieg und Fall von Macht und Mächtigen in den Kasematten von Wr. Neustadt wird diese Hamlet-Version als der zeitgenössische Beitrag von „Bloody Crown II“ gespielt.

Der dem Alkohol sehr zugeneigt Claude (der natürlich dem Onkel Claudius bei Shakespeare entspricht wie Trudy der Gertrude) plant hier erst den Mord, der beim Vorbild vor 400 Jahren schon passiert ist. Aber es ist Hamlet hier ja auch noch gar nicht geboren, kriegt aber im Mutterleib sehr viel von der Intrige mit.

Szenenfoto aus dem Stück

Me/Hamlet als Film

Hat der Ungeborene bei McEwan keinen Namen, so nennt ihn die Wortwiege „Me“. Dieses Ich taucht auf der Bühne „nur“ im Hintergrund in einem voll produzierten Film als Einspielung auf. Maschinenlärm aus all dem was ein Embryo im mütterlichen Körper hört und spürt samt der Einsamkeit aber doch scheinbarer unendlicher Weiten – räumlich und vor allem gedanklich – ließ das Team den Film im sichersten Atomkraftwerk der Welt drehen. In Zwentendorf, das voll fertig war aber nie in Betrieb gegangen ist, weil die Mehrheit der Österreicher:innen in einer Volksabstimmung (5. November 1978) so entschieden. Unheimlich lange Gänge, Röhren und Kabeln aller Art… Und Me, der – in Gestalt eines 24-Jährigen (beeindruckend gespielt von Flavio Schily) – über sein Eingesperrtsein, die Intrigen von Mutter und Onkel, den Mordplan an seinem Vater aber auch macht und das Leben im Allgemeinen sinniert – voller tiefsinniger Wortspiele aus dem übersetzten Originaltext.

Ist schon der Roman eine genial-ver-rückte Idee eines zeitgemäßen Hamlet, so wird diese Kombi aus Live-Schauspiel und immer wieder eingeblendeten Szenen eines Spielfilms zum wunderbaren Theatererlebnis der Begegnung zweier Parallelwelten – in unterschiedlichen – gleichzeitig zu verfolgenden – Medien.

Szenenfoto aus dem Stück

„Mörder“-Textlawinen

Nina C. Gabriel gibt die opportunistische Mutter, die immer wieder gekonnt und glaubhaft reagiert, wenn der „Kleine“ im Inneren auf Gitterbrücken hüpft und trampelt. Und sie spielt am Tag des Theaterbesuchs von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … nicht nur in diesem zweistündigen Stück die Hauptrolle live auf der Bühne, sondern auch noch im zweiten „Bloody-Crown II“-Stück, Dantons Tod (zweieinhalb Stunden) die Hauptrolle!

Claude-Darsteller Jens Ole Schmieder nimmst du den simplen Macho-Typen gern ab, wenngleich nicht ganz nachvollziehbar wird, weshalb er überhaupt diese Macht will. Aber in dieser Fassung geht’s ja auch gar nicht um das Regieren eines Königreichs.

Szenenfoto aus dem Stück

Zweiflerin

Martin Schwanda als Mes/Hamlets Vater ist literaturbesessener Verleger, dem das Geschäftliche eher zuwider ist, seine junge neue dichtende Autorin Elodie (Petra Staduan) wird als seine neue Freundin gehandelt wird. Schon von ihrem ersten Auftritt an strahlt Isabella Wolf als Chief Inspector Allison Zweifel an der Selbstmordversion des Verlegers aus.

Szenenfoto aus dem Stück

Kopfüber in einer Frau

„So, hier bin ich, kopfüber in einer Frau“, lautet der erste Satz in McEwans Roman. „Ich warte, die Arme geduldig gekreuzt, warte und frage mich, in wem ich bin und worauf ich mich eingelassen habe. Sehnsüchtig schließe ich die Augen, denke ich daran zurück, wie ich einst im durchsichtigen Fruchtsack trieb, verträumt in der Blase meiner Gedanken schwebte, in Zeitlupe Purzelbäume durch meinen privaten Ozean schlug und dann und wann sanf‌t an die transparenten Grenzen meiner Umfassung stieß, dieser mitteilsamen Membran, die vibrierte vom Widerhall der leicht gedämpf‌ten Stimmen der Verschwörer und ihrer schändlichen Pläne. Das war in meiner sorglosen Jugend.

Nun – längst gedreht und ohne einen Zentimeter freien Raum, Knie eng an den Bauch gezogen, Kopf ins Becken gesenkt – laufen meine Gedanken auf Hochtouren. Das Ohr Tag und Nacht an die blutdurchströmten Wände gepresst, bleibt mir auch keine andere Wahl. Ich lausche, merke mir alles und mache mir Sorgen, denn ich höre Bettgeflüster, das von einer tödlichen Intrige kündet, und zittere bei dem Gedanken an das, was mich erwartet. Wo werde ich da hineingezogen?“

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Titelseite des Romans
Titelseite des Romans „Nussschale“ – Grundlage des gleichnamigen Stücks beim „Bloody-Crown II“-Festival in Wr. Neustadt
INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Nussschale

Nach dem Roman von Ian McEwan (Übersetzung: Bernhard Robben)

Bühnenfassung: wortwiege Karl Baratta und Anna Maria Krassnigg
Regie Bühne: Jérôme Junod & Anna Maria Krassnigg
Regie Film: Anna Maria Krassnig und Christian Mair
Kamera, Schnitt, Sounddesign, Produktion (Film): Christian Mair
Dramaturgie: Karl Baratta

Me (sozusagen der noch ungeborene Hamlet): Flavio Schily
Trudy, meine Mutter: Nina C. Gabriel
Claude, ihr Freund, mein Onkel: Jens Ole Schmieder
John Cairncross, mein Vater: Martin Schwanda
Elodie, Dichterin: Petra Staduan
Chief Inspector Allison: Isabella Wolf

Raum: Andreas Lungenschmid
Kostüm: Antoaneta Stereva
Film und Musik: Christian Mair
Licht: Lukas Kaltenbäck
Maske: Henriette Zwölfer
Requisite, Inspizienz: Lea Hartmann
Bühnenmeister: Christoph Wölflingseder
Abendspielleitung: Marie-Therese Handle-Pfeiffer

Wann & wo?

Bis 16. Oktober 2021
Kasematten Wiener Neustadt
2700, Bahngasse 27

wortwiege -> Nnussschale/

Das Buch

Ian McEwan
Nussschale
Aus dem Englischen: Bernhard Robben
Ca. 280 Seiten
Diogenes Verlag
Taschenbuch: 13,96 €
eBook: 10,99 €
Hörbuch (Download): 17,96 €

Zu einer Leseprobe

Szenenfoto aus "Lust"
11.03.2022

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