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Szenenfoto aus dem Stück "Dantons Tod" bei Bloody Crown II in Wr. Neustadt
Szenenfoto aus dem Stück "Dantons Tod" bei Bloody Crown II in Wr. Neustadt
26.09.2021

Vier Frauen und viele Todesfälle

„Wortwiege“ rückt in Georg Büchners „Dantons Tod“ Frauen, die Nebenfiguren in vielen Stücken sind, ins Zentrum des Bühnengeschehens.

„Die Revolution frisst ihre Kinder“ ist ein geflügeltes Wort. Einer dem solches widerfuhr ist George Danton. Der Justizminister in der Französischen Revolution ab 1789 ließ selbst reihenweise Gegner der Revolution ermorden. Um nur keine fünf Jahre später selbst geköpft zu werden. Er begann daran zu zweifeln, dass die massenweise Ermordung von Gegnern den eigentlichen Zielen der Revolution überhaupt entspräche. Somit wurde von den Hardcore-Revolutionären namentlich von Maximilien de Robespierre als Verräter gebrandmarkt, verhaftet und enthauptet.

Szenenfoto aus dem Stück

Seelenverwandt

Rund 40 Jahre später hatte Georg Büchner sein vier-aktiges Drama „Dantons Tod“ geschrieben. Er dürfte sich mit seiner Hauptfigur seelenverwandt gefühlt habe. Büchner, selbst Anhänger einer radikalen Veränderung in Deutschland, hatte resigniert – wie Danton, der erst im Prozess politische Brandreden gegen die aus dem Ruder laufende Revolution hielt, sich davor aber ins Privatleben zurückgezogen hatte.

Szenenfoto aus dem Stück

Ständiges Switchen

Die „Wortwiege“, Veranstalter:in des König:innen-Drama-Festival „Bloody Crowns“ in den Kasematten (einstige Befestigungsanlage) von Wiener Neustadt, nahm sich dieses Historiendrama her und stellte die wenigen Frauenfiguren (nicht nur) dieses Originaltextes stark ins Zentrum. Nina C. Gabriel schlüpft – ständig wechselnd – von der Rolle der Julie Danton in jene deren Ehemannes Georges. Petra Staduan wechselt von der Lucile in die Camilles Desmoulins‘ und Judith Richter ist mal Marion und dann wieder Saint-Just. Nur Robespierre, angeblich allen irdischen Gelüsten fern, bleibt ausschließlich allein, gespielt als Pendlerin zwischen DJane-Pult im Hintergrund knapp vor de Spiegelwand sozusagen im ersten Stock und der länglichen phallusförmigen Bühne – unter anderem Schauplatz von Gerichtsverhandlungen. Düstere Atmosphäre insgesamt.

Szenenfoto aus dem Stück

Fragen über Fragen

Private Dialoge gehen fast nahtlos in politische Diskurse über. Was ist für die Veränderung der Gesellschaft notwendig, welche Opfer dürfen verlangt, wo Freiheit im Interesse des Gesamtwohls eingeschränkt werden? Und wo muss die Grenze gezogen werden? Was darf keinesfalls stattfinden? Was helfen radikale Phrasen, wenn das Volk nix zu fressen hat? Wo geht der Kampf gegen Ungerechtigkeit in Selbstgerechtigkeit über? Was befiehlt oder erlaubt das Gewissen? Bis in zu philosophischen Fragen, ob es (einen) Gott gebe – mit Folgewirkungen auf politische Aktivitäten und Prozesse.

Dichte zweieinhalb Stunden (eine Pause) mit bewunderswert präsenten Schauspielerinnen, die es schaffen, dass ihr ständiges Switchen zwischen Frauen- und Männerrollen ohne sichtbare Veränderungen deutlich hör- und spürbar sind. Und dazu die kalte, fast maschinenartige Figur des „Blut-Messias“ (Robespierre), gespielt, als gäbe es keine Regungen.

Szenenfoto aus dem Stück

Über Büchner und seine Revolutions-Resignation

Über Büchner heißt es „Seine Einsichten beruhen aber gleichzeitig auf einer Melancholie-erfahrung, die bezeichnenderweise auch der Lebenshaltung Dantons entspricht. Es scheint, als habe sich bei Büchner dieses Gefühl der Melancholie breit gemacht, weil er keinen Handlungsraum mehr für sich und die ihm Gleichgesinnten entdeckt: „Ich studierte die Geschichte der Revolution. Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem gräßlichen Fatalismus der Geschichte. Ich finde in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verhältnissen eine unabwendbare Gewalt, Allen und Keinem verliehen. Der Einzelne nur Schaum auf der Welle, die Größe ein bloßer Zufall, die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel, ein lächerliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz, es zu erkennen das Höchste, es zu beherrschen unmöglich.“ (Aus Lektüreschlüssel zu Büchners Dantons Tod von Wilhelm Grosse, Reclam)

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INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Dantons Tod – Narren, Schurken, Engel

Georg Büchner/wortwiege

Stückfassung: Anna Maria Krassnigg
Regie: Jérôme Junod & Anna Maria Krassnigg
Dramaturgie: Marie-Therese Handle-Pfeiffer

Julie/Georges Danton: Nina C. Gabriel
Marion/Sanit-Just: Judith Richter
Luciel/ Camille Desmoulins: Petra Staduan
Robespiere: Isabella Wolf

Raum: Andreas Lungenschmid
Kostüm: Antoaneta Stereva
Musik: Christian Mair
Lichtdesign: Lukas Kaltenbäck
Maske: Henriette Zwölfer
Bühnenmeister: Christoph Wölflingseder
Requisite, Inspizienz: Lea Hartmann
Abendspielleitung: Marie-Therese Handle-Pfeiffer

Wann & wo?

Bis 17. Oktober 2021
Kasematten Wiener Neustadt
2700, Bahngasse 27

wortwiege -> Dantons Tod