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Szenenfoto aus "Am Hafen mit Vogel"
Szenenfoto aus "Am Hafen mit Vogel"
02.12.2022

(Schau-)spielend über Grenzen fliegen

„Am Hafen mit Vogel“: Theaterstück ab 7 Jahren – wie Kinder spielend Barrieren überwinden (können) und ein Pass so wichtig wird.

Bunte, schräge Vögel tummeln sich zwischen himmelblauen verwandelbaren Kästen und vor einem mal größeren, dann wieder kleineren blauen Hintergrund (Bühne, Projektionen: Vanessa Eder-Messutat). Auf einem Boden einige strenge gelbe Linien, die ein wenig an Leitlinien auf Flug-Rollfeldern erinnern. Immerhin dreht sich „Am Hafen mit Vogel“ ums Fliegen (Details, siehe Info-Box am Ende des Beitrages). Nanina erzählt schon in der Schule aufgeregt, dass sie noch nie geflogen ist und bleibt vor Aufregung allein schon bei diesem Wort hängen. Wobei – Wortverdrehungen und -spiele kommen in diesem 50-Minutenstück für Zuschauer:innen ab 7 Jahren im Dschungel Wien auch später immer wieder vor. Und sie sind es, die Kinder im Publikum – neben einigen clownesken Einlagen – am meisten zum Lachen bringen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Am Hafen mit Vogel“

Der Passsssssss!?

Also, Nanina Naemi Latzer und ihr Papa (Alexander Braunshör, der auch den Schulkollegen Ako und einen Grenzbeamten spielt), der schon oft geflogen ist, werden in so einen großen grauen, metallenen Vogel steigen und Grenzen überwinden. Das Ziel ist die nach Fleisch, Zimt und wildem Knoblauch riechenden Oma – im Iran (das kommt im Stück nur unmerklich angedeutet, aber im pädagogischen Begleitmaterial ausdrücklich vor). Und dafür braucht sie einen Pass. Stolz spielt sie mit dem in eine Glitzerhülle gesteckten Dokument. Ohne einen solchen könne sie gar nicht fliegen, so der Papa. Ach, ist das dann so was wie ein Flugschein?

Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so eine einfache Weise zustande wie ein Mensch.
Ein Mensch kann überall zustande kommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Pass niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.

Bertolt Brecht, Flüchtlingsgespräche 1940/41

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Am Hafen mit Vogel“

Nun, viel dreht sich um so einen Pass, von dem der Theaterdichter Bertolt Brecht schrieb, er sei „der edelste Teil von einem Menschen“ (das ganze Zitat ist weiter unten in diesem Beitrag eingebaut; nicht im Stück, dort wir aber rund um diese Grundaussage gespielt).  Auf dem Flughafen heißt es laaaaange Warten. Dabei landen Nanina und ihr Vater in der sogenannten Transitzone „oder Tanzzitrone oder Dransidone oder Hans Melone oder Gans mit ohne?“, wie das Mädchen sofort in Wortspiele verfällt – insbesondere bei fremd klingenden Begriffen. Dort trifft sie – der Vater geht was zum Futtern besorgen und aufs Klo – auf einen Dauergast hier. Einen als Seefrau verkleideten Dodo (Anna Morawetz, die anfangs in die Rolle der Lehrerin schlüpft; Kostüme: Verena Geier). Und das sind Vögel, die von Menschen ausgerottet worden sind. Und als sie noch lebten konnten sie nicht fliegen – gibt ja auch andere wie die Pinguine, die das nicht können.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Am Hafen mit Vogel“

Ausgerottete Weltbürgerin

Diese Botin aus einer anderen Welt stellt sich als Kosmopolitin vor – ein Wort für Menschen, die sich mehr in der ganzen Welt zu Hause fühlen, als nur einem Land zugehörig. Ein Wort, das natürlich … – genau: Und so hören wir Kosmospilotin und letztlich Kapitanska.

Apropos kosmopolitisch – In mindestens einem halben Dutzend Sprachen – im Programmzettel sogar in mehreren Schriften (Arabisch, Japanisch, Hebräisch, Russisch, Farsi) verrät der Vater der Tochter wie dort Kikeriki heißt – von Ququru ququru über Kokekokko, Kukuriku, Kukareki bis Rhurhuli rhu rhu und Cock-a-doodle-doo sowie Üürüü (Türkisch).

Wie Vögel – solche, die fliegen können – Grenzen nicht nur total leicht überwinden, sondern diese ihnen sogar ganz egal sind, so schaffen es oft auch spielende Kinder, die nationalen Abgrenzungen gar nicht erst aufkommen zu lassen – womit „Am Hafen mit Vogel“ (Autorin: Anah Filou; Regie: Sandra Schüddekopf) auch versucht, Grenzen in Köpfen hinter sich zu lassen.

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INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Am Hafen mit Vogel

Sand-Production in Kooperation mit dem Dschungel Wien
Schauspiel; eine Stunde; ab 7 Jahren

Autorin: Anah Filou
Regie: Sandra Schüddekopf

Es spielen
Nanina: Naemi Latzer
Lehrerin, Dodo: Anna Morawetz
Ako, Papa, Grenzbeamter: Alexander Braunshör

Bühne, Projektionen: Vanessa Eder-Messutat
Kostüme: Verena Geier
Regieassistenz: Hannah Zauner

Aufführungsrechte: rua. Kooperative für Text und Regie, Berlin

Wann & wo?

Im Rahmen des Dramatiker:innen-Festivals in Graz
24. Juni 2023
16.30 Uhr
taO! – Theater am Ortweinplatz 1, 8010 Graz
dramatiker:innen-festival -> Am Hafen mit Vogel